100 Dollar je Barrel — und kein Abkommen in Sicht

Neue US-Angriffe im Iran treiben Brent auf 100 Dollar. Der DAX fällt, während geopolitische Risiken die Hoffnung auf eine schnelle Einigung am Golf zunichtemachen.

Die Kernpunkte:
  • Brent-Rohöl steigt auf 100 Dollar
  • DAX gibt 0,8 Prozent nach
  • US-Angriffe auf iranische Stellungen
  • Diplomatie und Militärschläge parallel

Liebe Leserinnen und Leser,

gestern schloss ich mit einer Warnung: Der Ölpreisrückgang vom Montag beruhe auf einer Erwartung, nicht auf einem unterzeichneten Abkommen. Jede Eskalation würde Öl und Inflation sofort zurücktreiben. Es hat keine 24 Stunden gedauert. Neue US-Angriffe auf iranische Raketenstellungen und Minenboote in der Provinz Hormozgan ließen Brent am Dienstag um rund 3,5 Prozent auf 100 Dollar je Barrel steigen. Der DAX gab 0,8 Prozent auf 25.184,89 Punkte ab. Die Pfingsteuphorie vom Wochenbeginn ist verflogen — und mit ihr die Illusion, der Konflikt am Golf ließe sich in wenigen Tagen beilegen.

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Hormuz: Bomben und Diplomatie im Wechselspiel

Das US-Militär sprach von „Angriffen zur Selbstverteidigung“ gegen iranische Raketenstellungen im Südiran sowie gegen Schiffe, die Minen in der Straße von Hormuz verlegen wollten. Teheran nannte die Aktion eine „grobe Verletzung des Waffenstillstands“. Die Revolutionsgarden behielten sich Vergeltung vor und meldeten den Abschuss einer US-Drohne. Gleichzeitig — und das ist das Irritierende — laufen die Verhandlungen weiter. Iran fordert die Freigabe eingefrorener Vermögenswerte in Höhe von 24 Milliarden Dollar und ein dauerhaftes Kriegsende. Washington besteht auf freiem Zugang zur Straße von Hormuz und Fortschritten beim Nuklearprogramm. Außenminister Marco Rubio erklärte, ein Deal könne „in wenigen Tagen“ stehen — Hormuz müsse „so oder so“ geöffnet werden. Präsident Trump bezeichnete die Gespräche als „gut verlaufend“, mahnte aber zugleich militärische Bereitschaft an.

Brent notierte im Tagesverlauf bei bis zu 100 Dollar, nachdem der Preis am Morgen noch bei rund 98,50 Dollar gelegen hatte. UKMTO meldete zusätzlich eine Tanker-Explosion rund 60 Seemeilen vor Muscat — Bunkeröl lief aus, Verletzte gab es keine. Deutsche-Bank-Research sieht Chancen für ein umfassendes Abkommen, warnt aber vor dessen Fragilität: Angereichertes Uran, Sanktionen, regionale Sicherheit und Hormuz-Durchflussrechte — keines dieser Themen ist gelöst. CMC-Markets-Analyst Andreas Lipkow fasste die Stimmung zusammen: „Die Zweifel wachsen schon wieder, ob es tatsächlich zeitnah zu einer schnellen und reibungslosen Einigung kommen kann.“

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DAX und Europa: Die Rally stößt an ihre Grenzen

Am Pfingstmontag war der DAX zeitweise bis auf 25.438 Punkte geklettert — nur 69 Punkte unter dem Rekordhoch vom Januar. Am Dienstag folgte die Gegenreaktion: Schluss bei 25.184,89 Punkten, minus 0,80 Prozent. Der MDAX gab 0,33 Prozent auf 32.698,65 Punkte nach. Händler sprachen von Gewinnmitnahmen, doch der Auslöser war klar geopolitisch.

Im Einzelwertbereich verlor Merck 1,3 Prozent auf 128,35 Euro — Jefferies stuft den Titel mit „Hold“ und einem Kursziel von 129 Euro ein, JPMorgan hält die Aktie dagegen für unterbewertet. Wacker Chemie fiel 2,1 Prozent auf 98,55 Euro, nachdem UBS die Einstufung von „Buy“ auf „Neutral“ gesenkt und das Kursziel auf 104 Euro reduziert hatte. Grand City Properties büßte 1,8 Prozent ein — Jefferies strich die Kaufempfehlung und senkte das Kursziel.

Das europäische Bild blieb uneinheitlich: Der britische FTSE 100 legte 0,6 Prozent auf 10.526 Punkte zu, der französische CAC 40 gab rund ein Prozent nach, Euro Stoxx 50 und Stoxx 600 verloren zwischen 0,7 und 1,0 Prozent. An der Wall Street zeigte sich der S&P 500 mit einem Plus von rund 0,6 Prozent widerstandsfähiger. In Asien stach Südkoreas KOSPI mit einem Plus von 2,5 Prozent heraus, getragen von KI-Werten; Nikkei 225 und Taiwan TAIEX schlossen nahezu unverändert.

Anleihen und Fed: Sicherheit gesucht, Zinssenkung vertagt

Die Unsicherheit trieb Kapital in Staatspapiere. Die Rendite britischer 30-jähriger Gilts fiel um fünf Basispunkte auf 5,53 Prozent, die 10-jährige Rendite sank ebenfalls um fünf Basispunkte auf 4,86 Prozent — das klassische Muster in Phasen geopolitischer Anspannung.

Im Hintergrund bleibt das makroökonomische Dilemma bestehen. Die Federal Reserve hat die Leitzinsen zum dritten Mal in Folge bei 3,50 bis 3,75 Prozent belassen — die Entscheidung fiel nicht einstimmig. Die Inflation bleibt erhöht, angetrieben durch die kriegsbedingt hohen Ölpreise; die Verbraucherpreise verzeichneten zuletzt den stärksten Jahresanstieg seit fast zwei Jahren. Ökonomen warnen offen vor Stagflation. Zinssenkungen gelten für dieses Jahr als unwahrscheinlich, solange sich die Konjunktur nicht deutlich verschlechtert. Jerome Powells Amtszeit endete am 15. Mai; Kevin Warsh wird als sein Nachfolger erwartet.

26 Nationen für freie Schifffahrt — und Draghis unbequeme Diagnose

Rückendeckung für eine diplomatische Lösung kommt von höchster Stelle. Bei einem Treffen Mitte Mai in Peking einigten sich Präsident Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping darauf, dass die Straße von Hormuz offen bleiben muss. 26 Länder — darunter Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Japan und Katar — unterstützen freie Schifffahrt und eine multinationale Minenräummission. Xi bot Vermittlung an und sicherte zu, Iran keine Militärausrüstung zu liefern — will aber weiterhin iranisches Öl kaufen. US-Finanzminister Scott Bessent erklärte, Peking werde zur Öffnung beitragen.

Abseits der täglichen Kursausschläge verdient ein strukturelles Signal Beachtung: Mario Draghi erhält in diesem Jahr den Karlspreis. Sein viel zitierter Bericht aus dem Herbst 2024 analysiert Europas Wettbewerbsschwäche mit schonungsloser Präzision. Für Deutschland sind die Befunde ernüchternd: Das BIP wuchs in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt unter 0,9 Prozent pro Jahr — die USA legten im gleichen Zeitraum fast 30 Prozent zu. Staatliche Konsumausgaben stiegen in Deutschland um 25 Prozent, produktive Investitionen blieben zurück. Rund 4.000 Autobahnbrücken gelten als sanierungsbedürftig. Die Kurzformel des Berichts: „Deutschland erfindet — andere skalieren.“ Bürokratieabbau, schnellere Infrastrukturinvestitionen und bessere Rahmenbedingungen für Wagniskapital — die Forderungen sind bekannt. Die Umsetzung lässt weiter auf sich warten.

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Was jetzt zählt

Zwei Dinge laufen gerade gegeneinander. Auf der einen Seite: 26 Nationen, die freie Schifffahrt durch die Straße von Hormuz fordern, ein US-Außenminister, der einen Deal „in wenigen Tagen“ verspricht, und ein chinesisch-amerikanischer Konsens über offene Seewege. Auf der anderen Seite: Bomben auf iranische Stellungen, eine Tanker-Explosion vor Muscat und Revolutionsgarden, die von Vergeltung sprechen. Der Ölpreis bei 100 Dollar sagt, welcher Seite die Märkte mehr Gewicht geben. Solange sich das nicht ändert, bleibt der Inflationsdruck hoch — und die Fed in der Falle.

Herzlichst, Ihr

Felix Baarz

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