126 Milliarden Yuan für die KI-Fabrik: Warum Anleger Alibaba abstrafen

Alibaba steigerte die KI-Cloud-Erlöse im Juni-Quartal um 45 Prozent, während hohe Investitionen den freien Cashflow ins Minus drückten und die Aktie nachgab.

Die Kernpunkte:
  • Investitionen stiegen auf 126,1 Milliarden Yuan
  • Freier Cashflow fiel auf minus 46,6 Milliarden Yuan
  • KI-Cloud-Umsatz wuchs im Juni-Quartal um 45 Prozent
  • Alibaba-Aktie verlor rund vier Prozent

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Alibaba wollte auf seiner Apsara-Konferenz in Hangzhou beeindrucken: ein eigener KI-Chip, eigene Server-Prozessoren, 20 Gigawatt geplante Rechenzentrumsleistung bis 2032, neue Cloud-Regionen quer durch Europa. Die Börse reagierte trotzdem mit einem Kursrückgang von rund vier Prozent. Der Grund steht in der Bilanz: Die Investitionen kletterten im vergangenen Geschäftsjahr um 47 Prozent auf 126,1 Milliarden Yuan, umgerechnet etwa 16,4 Milliarden Euro, und der freie Cashflow drehte auf minus 46,6 Milliarden Yuan. Das ist die Geschichte, die sich heute durch mehrere Branchen zieht, von chinesischen Cloud-Konzernen bis zu deutschen Wafer- und Laserherstellern: Wer in die Infrastruktur der nächsten KI-Dekade investiert, zahlt sofort und muss die Anleger auf später vertrösten.

Alibaba baut den kompletten KI-Stack, doch die Kasse blutet

Die Hardware-Ansage ist konkret. Der neue Beschleuniger Zhenwu V900 der Tochter T-Head soll die dreifache Leistung des Vorgängers M890 liefern, kommt mit 216 Gigabyte Speicher und geht im ersten Quartal 2027 in Serie; zusammen mit einem eigenen Switch-Chip sollen Cluster von bis zu 500.000 Beschleunigern stabil laufen. Unabhängige Benchmarks dafür gibt es noch nicht, ein wichtiger Vorbehalt für alle, die dem Papier trauen wollen. Dazu kommen die Server-CPUs Yitian 720/730 für 2027, der KI-Agenten-PC „Qwen Book“, die Smartphone-Lösung Qwen Intelligence, deren erstes Gerät, das Honor Magic9, am 28. September vorgestellt wird, sowie der Sprung nach Europa mit neuen Cloud-Regionen in der Türkei, Finnland und den Niederlanden binnen zwölf Monaten und zusätzlicher Kapazität in Deutschland. Laut Bloomberg könnten die 20 Gigawatt bis 2032 rund 160 Milliarden Dollar Cloud-Umsatz bringen.

Der Preis dafür ist real und heute schon sichtbar: Im Juni-Quartal wuchs der KI-Cloud-Umsatz zwar um 45 Prozent, doch die AI Labs verbrannten operativ 13,9 Milliarden Yuan, rund 1,8 Milliarden Euro. Die Aktie notiert derzeit bei etwa 97,60 Euro, 29 Prozent unter dem Stand vor zwölf Monaten; das 52-Wochen-Hoch von 164,20 Euro aus dem Oktober 2025 ist weit weg, das Tief von 79,50 Euro aus dem Juni deutlich näher. Der Analystenkonsens rechnet trotzdem für das Geschäftsjahr 2027 mit einem bereinigten Gewinnsprung von 67 Prozent auf 6,60 Dollar je ADR, bei einem durchschnittlichen Kursziel von rund 190 Dollar gegenüber aktuell etwa 111 Dollar. Die Lücke zwischen Gegenwart und Kursziel ist also groß, aber sie ist auch die Wette, um die es hier geht.

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Der Chip-Engpass verschiebt Machtverhältnisse Richtung China

Wer bei Alibaba einsteigt, wettet nicht auf das nächste Quartal, sondern darauf, dass Elon Musk recht behält. Der sagte gegenüber dem chinesischen Sender CCTV, China werde seine Rechenleistungslücke binnen zwei bis drei Jahren durch eigene Lithografie und Chipfertigung schließen. Flankierend zeichnet sich ab, dass ausgerechnet Engpässe im Westen China in die Hände spielen: Nomura-Analysten sehen bei 1,6T-DSP-Chips für optische Module, bislang ein Duopol von Marvell und Broadcom, ein Defizit von 3 bis 4 Millionen Einheiten in diesem und über 20 Millionen im kommenden Jahr, mit Entspannung frühestens im zweiten Halbjahr 2027. Das begünstigt chinesische Ersatzanbieter direkt, Broadcom gibt aktuell knapp 2 Prozent nach. Passend dazu holt sich der Wafer-Hersteller CanSemi beim Börsengang in Shenzhen bis zu 918,5 Millionen Dollar, rund 803 Millionen Euro, mit Alibaba Cloud als strategischem Investor.

Für europäische Anleger ist das besonders unangenehm: ASML-Führungskräfte berichten, auf dem europäischen Festland praktisch keine Lithografie-Anlagen mehr zu verkaufen. Der Chips Act verpufft, und EU-Prüfer halten das Ziel einer Verdopplung des europäischen Marktanteils bis 2030 für kaum erreichbar. Während China also den eigenen Rückstand entschlossen angeht, tut sich Europa schwer, überhaupt im Rennen zu bleiben.

Physische Basis der KI: Wacker, LPKF und die Rohstoffkette

Der Kampf um KI-Rechenleistung wird nicht nur in Software entschieden, sondern in Silizium, Glas und Kupfer. Wacker Chemie hat 2,2 Millionen Siltronic-Aktien zu je 77,25 Euro platziert und seinen Anteil auf rund 15 Prozent gesenkt, die Siltronic-Aktie rutschte daraufhin auf rund 76,80 Euro, unter den Platzierungspreis. Pikant ist das Timing: Aus Taiwan kommen Berichte über deutlich anziehende Spotpreise für 12-Zoll-Wafer, der Markt erwartet Preiserhöhungen bei den Jahresverträgen für 2027. Wacker nimmt also gerade Geld aus einem Zyklus, der erst zu drehen beginnt, für Siltronic-Aktionäre immerhin ein kleinerer Überhang.

LPKF Laser wiederum meldet einen Letter of Intent eines führenden asiatischen Advanced-Packaging-Herstellers für Systeme zur Bearbeitung von Glassubstraten für KI-Chipgehäuse, Volumen im mittleren einstelligen Millionenbereich, adressierbarer Markt laut Unternehmen 1,7 Milliarden Euro bis 2030. Der Haken: LPKF prüft zur Finanzierung eine Kapitalerhöhung, wer die Aktie hält, sollte eine Verwässerung einpreisen. In den USA hat Nvidia derweil Vertiv mit seinen 2,3-Megawatt-Kühlmittelverteilern und Tesla mit Megapack-Batteriespeichern für das neue „DSX Ready“-Programm qualifiziert, ein Gütesiegel, das Ausrüster direkt an den Nvidia-Rechenzentrumsstandard bindet. Vertiv zahlt morgen seine Quartalsdividende von 6,25 US-Cent je Aktie, notiert aber mit rund 221 Euro weit unter dem Mai-Hoch von 324 Euro. Am Ende dieser Kette stehen die Rohstoffe: Die IEA erwartet bis 2030 einen Anstieg des Bedarfs an Seltenen Erden für Permanentmagnete um 33 Prozent, weil Rechenzentren, E-Autos und Windkraft gleichzeitig zulegen.

Brent über 100 Dollar: Der Markt wettet auf Frieden, nicht auf Eskalation

Brent ist nach sechs Verlusttagen wieder über die 100-Dollar-Marke gesprungen. Ein Frachtschiff geriet in der Straße von Hormus nach einem Projektiltreffer in Flammen, Trump befürwortet ein US-Dieselexportverbot, und die stundenlangen US-Iran-Gespräche in New York unter katarischer Vermittlung brachten laut Außenminister Rubio „positive“ Signale, aber keinen Durchbruch. Kpler-Daten zeigen für Dienstag nur drei Rohstoffschiffe durch die Straße von Hormus, gegenüber rund 15 im Zehntagesschnitt, ein deutliches Zeichen für vorsichtige Reeder. Die Spanne der Prognosen ist entsprechend enorm: UBS sieht Brent bei einem Verhandlungserfolg in den 80ern, Bank of America für 2027 bei rund 80 Dollar, im Eskalationsfall bei über 150 Dollar.

Bemerkenswert ist, wie Anleger positioniert sind: Aus Energie-Sektor-ETFs auf den S&P 500 flossen zuletzt 874 Millionen Dollar ab, der größte Abfluss aller Sektoren, während Gold-ETFs 1,35 Milliarden Dollar einsammelten. Der Markt preist also Frieden ein, nicht Eskalation. Gold selbst verliert dennoch knapp 2 Prozent auf unter 4.300 Dollar, weil der Dollar auf ein Zweimonatshoch steigt und die Rendite zehnjähriger US-Treasuries erstmals wieder über 5 Prozent liegt. Wer Öl-Exposure hält, positioniert sich derzeit gegen den Kapitalstrom, was bei einem Scheitern der Gespräche eine scharfe Gegenbewegung auslösen könnte.

Nasdaq-Rekord auf schmaler Basis: Meta und Qualcomm tragen den Index

Der Nasdaq-100 schloss am Dienstag auf einem Allzeithoch, getrieben von Metas neuem KI-Agenten „Muse“ und AMDs Sprung über eine Billion Dollar Marktwert. Meta markierte heute im Tagesverlauf ein neues 52-Wochen-Hoch und liegt aktuell rund 3 Prozent im Plus, in 30 Tagen hat die Aktie 38 Prozent zugelegt. Qualcomm ist seit August um 35 Prozent gestiegen, stellte mit dem Snapdragon 8 Elite Gen 6 in 2-Nanometer-Fertigung die nächste Smartphone-Plattform vor und wird künftig Server-CPUs an Meta liefern. Baird sieht mit „Outperform“ und Kursziel 400 Dollar für das Geschäftsjahr 2027 einen Rechenzentrumsumsatz von fünf Milliarden Dollar.

Doch die Basis, auf der dieser Rekord steht, wird dünner. Der gleichgewichtete S&P 500 hat im selben Monat, in dem der Index selbst zulegte, vier Prozent verloren. An fünf Tagen in Folge gab es mehr 52-Wochen-Tiefs als -Hochs, nahe Rekordständen ein Muster, das es zuletzt 1999 gab. Im Halbleiterindex SOX stehen nur AMD, Nvidia und TSMC relativ besser da als der Gesamtindex, zehn von 30 Titeln liegen mehr als 30 Prozent unter ihrem Jahreshoch. Wer heute den Nasdaq kauft, kauft im Kern die Kursentwicklung von fünf Aktien, nicht die eines breiten Marktes.

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Der globale Kompass

Der rote Faden dieses Mittwochs ist eine Spaltung zwischen langfristigem Kapitaleinsatz und kurzfristiger Risikobepreisung. Alibaba, Wacker und LPKF stecken heute Geld in Infrastruktur, deren Rendite erst in Jahren fällig wird, während Öl- und Gold-Anleger binnen Stunden auf Nachrichten aus New York und Hormus reagieren. Morgen empfängt Trump Xi Jinping zu formellen Gesprächen, der bis 10. November befristete Zoll-Waffenstillstand steht auf der Agenda, und für Alibaba, Qualcomm und den gesamten Chipsektor entscheidet sich dort mehr als in jeder Quartalszahl. Parallel laufen die Iran-Gespräche in New York weiter, ein einzelner Schiffsangriff würde genügen, um die Öl-Wette der ETF-Anleger zu kippen. Am Rande: Bitcoin fällt Richtung 84.000 Dollar, während Bitcoin Cash um 29 Prozent springt, und am Freitag verfallen an der Deribit rund 18 Milliarden Dollar Krypto-Optionen. Wer sein Depot heute breit denkt, sollte diese Woche weniger auf Quartalszahlen achten als auf zwei Verhandlungstische in New York und Washington.

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