2 Billionen Dollar für Anthropic: Wer vor dem Börsengang schon kassiert
Anthropics geplantes IPO rückt Finanzierer und Beteiligte ins Blickfeld; schwache US-Arbeitsmarktdaten senkten zugleich die Zinserwartungen.

- Anthropic strebt Bewertung bis zwei Billionen Dollar an
- Broadcom stellt Kredite und Rechenkapazität bereit
- US-Arbeitsmarkt schuf im September 29.000 Stellen
- Nasdaq 100 erreichte im Handelsverlauf ein Rekordhoch
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
die teuerste Aktie des Jahres ist noch gar nicht handelbar. Anthropic strebt laut Bloomberg einen Börsengang mit einer Bewertung von 1,8 bis 2,0 Billionen Dollar an, die Werbetour bei Investoren soll in der Woche ab dem 9. November beginnen.
Wer keine Zuteilung bekommt, hält den Hebel trotzdem schon im Depot: über Lieferanten, Gläubiger und Großaktionäre. Dazu kommt ein US-Arbeitsmarkt, der die Fed im Oktober fast sicher zur Pause zwingt und dem Nasdaq 100 ein Rekordhoch beschert.
Anthropic: Die Zahlen im Prospekt und wer daran verdient
Der vertrauliche Prospekt zeigt laut Reuters ein Unternehmen, das Umsatz und Verluste gleichzeitig vervielfacht. Der Umsatz im Geschäftsjahr 2025 verzwölffachte sich auf knapp 4,6 Milliarden Dollar, der operative Verlust lag bei rund 8 Milliarden Dollar. Der berichtete Nettoverlust von etwa 42 Milliarden Dollar geht zum Großteil auf Bewertungseffekte wandelbarer Finanzinstrumente zurück.
Allein im zweiten Quartal 2026 soll der Umsatz bereits 11,5 Milliarden Dollar erreicht haben. Fast ein Viertel des Umsatzes 2025 kam von nur zwei Kunden, Regierungsaufträge machen weniger als ein Prozent aus. Für Cloud- und Rechenkapazität hat sich Anthropic auf künftige Zahlungen von 518 Milliarden Dollar verpflichtet.
Genau diese Verpflichtungen sind die handelbare Spur. Broadcom leiht Anthropic laut Reuters bis zu 42 Milliarden Dollar für Infrastruktur, dazu kommt ein Leasing von Rechenkapazität über 125,2 Milliarden Dollar für fünf Jahre ab 2027. Wall-Street-Banken bereiten laut Bloomberg ein Finanzierungspaket über 60 Milliarden Dollar vor.
Davon entfallen 42 Milliarden auf vorrangig besicherte Klasse-A-Schulden und 18 Milliarden auf eine Klasse B. Angeführt wird die Klasse B von Blackstone mit 9 Milliarden Dollar eigener Zusage.
Broadcom steigerte den Umsatz in den zwölf Monaten bis zum dritten Geschäftsquartal um 49 Prozent, UBS bestätigt die Kaufempfehlung mit Kursziel 470 Dollar. Die Broadcom-Aktie lag am Freitag 3,3 Prozent fester bei rund 316 Euro, bleibt aber weit unter dem Juni-Hoch von 429,60 Euro.
Amazon und Microsoft verbuchten in ihren jüngsten Quartalszahlen Bewertungsgewinne aus Anthropic-Beteiligungen von 53,4 beziehungsweise 3,2 Milliarden Dollar.
Die These für Anleger: Der KI-Boom wird zunehmend über Kredit und Lieferantenbilanzen finanziert, und wer Broadcom oder Amazon hält, trägt Chance und Konzentrationsrisiko dieses Börsengangs schon heute mit. Ein Chipkonzern, der 42 Milliarden Dollar an einen Kunden mit 8 Milliarden operativem Verlust bindet, ist kein reiner Halbleiterwert mehr.
Wer breiter streuen will, hat seit Donnerstag den neuen LLM-ETF von Global X (Gebühr 0,75 Prozent). Dort fehlen Anthropic und OpenAI mangels Notierung, rund ein Drittel steckt in chinesischen Aktien wie Alibaba, MiniMax und Z.AI.
Alibaba hatte im Vorjahr über 40 Prozent verloren, und der Hang Seng gab am Freitag rund 2,7 Prozent nach. Das China-Gewicht ist in diesem ETF Chance und Beipackzettel zugleich.
Arbeitsmarkt: 29.000 Stellen nehmen der Fed den Oktober
Ein schwacher Arbeitsmarktbericht hat der Wall Street am Freitag mehr geholfen als jede Gewinnmeldung. Der US-Arbeitsmarkt schuf im September nur 29.000 Stellen, erwartet waren rund 90.000. Juli und August wurden zusammen um 60.000 Stellen nach unten revidiert, die Arbeitslosenquote stieg auf 4,2 Prozent. Die Stundenlöhne legten im Jahresvergleich nur noch 3,0 Prozent zu.
Die Terminmärkte preisen eine Zinserhöhung für die Fed-Sitzung am 27. und 28. Oktober nur noch mit rund 15 bis 20 Prozent ein, vor einer Woche waren es deutlich über 60 Prozent. Der Leitzins liegt seit dem 16. September bei 3,75 bis 4,00 Prozent, nach dem ersten Schritt nach oben seit drei Jahren.
Fed-Vertreter Williams sieht „keine Dringlichkeit“, Vize Jefferson will mehr Zeit zur Bewertung. Ein Schritt im Dezember bleibt dagegen voll eingepreist, die PCE-Inflation lag im August bei 3,4 Prozent.
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen fiel vom 24-Jahres-Hoch des Vortags oberhalb von 5,3 Prozent zurück. Der Nasdaq 100 markierte im Verlauf ein Rekordhoch oberhalb von 31.000 Punkten und liegt seit Jahresbeginn 22 Prozent im Plus.
Nvidia erreichte mit 211 Euro ein neues 52-Wochen-Hoch, nachdem der Konzern am Montag das Rückkaufprogramm um 150 Milliarden auf insgesamt 235 Milliarden Dollar aufgestockt hatte. Morgan Stanley führt Nvidia wieder als Top-Pick unter den Halbleitern. Tesla gewann am Freitag 5,1 Prozent nach 486.532 ausgelieferten Fahrzeugen im dritten Quartal, mehr als erwartet.
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Für Anleger ist das die klassische Konstellation „schlechte Nachricht, gute Börse“: Schwaches Wachstum verschiebt die Zinsangst, aber nur bis zu den Verbraucherpreisen am 14. Oktober. Enttäuscht die Inflation dort, kehrt der Dezember-Schritt als Thema zurück.
Speicherwerte: Ein Toshiba-Plan kostet zweistellige Prozente
Wie dünn die Preismacht im KI-Speicherboom ist, zeigte der Freitag. Western Digital rutschte um 13 Prozent auf rund 359 Euro ab, Seagate verlor laut Marktberichten 14 Prozent. Auslöser ist ein Nikkei-Bericht über massive Kapazitätserweiterungen bei Festplatten durch Toshiba.
Die Fallhöhe ist beträchtlich: Western Digital liegt trotz des Rückschlags seit Jahresbeginn 134 Prozent und auf zwölf Monate 221 Prozent im Plus. Das 52-Wochen-Hoch bei 696,30 Euro stammt vom 18. Juni. Wer hier den KI-Speicherboom spielt, erlebt gerade, wie schnell neue Konkurrenzkapazität die Preismacht in Frage stellt.
Ganz anders ein Deal im selben Sektor. ON Semiconductor stellt die Übernahme von Synaptics auf eine reine Barzahlung im Wert von 5,7 Milliarden Dollar um. Synaptics sprang um 13 Prozent auf 107 Euro, ON Semi legte ebenfalls zu.
Synaptics-Aktionäre bekommen damit einen festen Dollarbetrag statt Aktien des Käufers, was den Kurs enger an den Angebotspreis bindet. Das ist ein klassisches Übernahme-Setup mit kalkulierbarer Spanne, während der Rest des Speichersektors vor allem Schwankung bietet.
Strategy: 240 Dollar Kursziel, doch Bitcoin klebt unter der ETF-Schwelle
Der Bitcoin-Hebel Strategy bekommt Rückendeckung von der Wall Street, der Basiswert selbst aber noch nicht. Citi erhöht das Kursziel für Strategy von 136 auf 240 Dollar, die Aktie notierte zuvor bei rund 159 Dollar.
Begründung ist der Bitcoin-Bestand: 847.666 Bitcoin zu einem durchschnittlichen Einstand von 75.437 Dollar. Vergangene Woche kaufte Strategy weitere 1.665 Bitcoin für rund 142,7 Millionen Dollar und finanzierte dies über den Verkauf von 1,46 Millionen eigener Aktien für 246,2 Millionen Dollar.
Bitcoin notiert aktuell knapp über 85.000 Dollar, seit Jahresbeginn ein kleines Minus von 2,6 Prozent und 29 Prozent unter dem Stand vor zwölf Monaten. Die US-Spot-ETFs sammelten im dritten Quartal 6,34 Milliarden Dollar ein, im Gesamtjahr bleibt der Nettozufluss aber unter einer Milliarde.
Rund 86.000 Dollar gilt als durchschnittliche Einstandszone der ETF-Anleger. Erst darüber verwandelt sich der aktuelle Zinsrückenwind in echtes Momentum, denn bis dahin sitzen viele Käufer auf Verlusten, die sie bei Gelegenheit abbauen.
Q4-Auftakt: Was nächste Woche handelbar wird
Das vierte Quartal belohnt Lieferung und bestraft Vorsicht. Carnival lieferte am Freitag das erste Vorbild für den Rest des Quartals: bereinigt 1,43 Dollar je Aktie gegen 1,35 Dollar erwartet, Umsatz 8,44 Milliarden Dollar, die Aktie legte um 14,5 Prozent zu.
Hierzulande zeigen Kion mit einem Minus von 7,68 Prozent und Auto1 mit minus 4,80 Prozent, wie empfindlich der Markt auf Briefings vor den Quartalsberichten reagiert. Commerzbank gab nach, weil RBC die Kaufempfehlung strich. Hensoldt stuft Kepler Cheuvreux als Kauf ein. Julius Bär kündigt einen Aktienrückkauf von bis zu 600 Millionen Franken an.
Am Montag hält die Deutsche Telekom ihren KI-Investorentag. Die Telekom-Aktie lag am Freitag 2,0 Prozent fester bei 26,60 Euro, hat aber in 30 Tagen 9,1 Prozent verloren und steht nicht weit über dem Juni-Tief von 23,54 Euro. Am Dienstag folgt das Anleger-Event von Marvell, dessen Aktie sich seit Jahresbeginn mehr als verdreifacht hat.
Mittwoch lädt die Porsche AG zum Kapitalmarkttag, Donnerstag meldet TSMC den Neunmonatsumsatz. Der DAX hat sich am Freitag über 25.000 Punkte zurückgearbeitet, die Eurozonen-Inflation von 3,8 Prozent und Brent knapp unter 100 Dollar bleiben die Leitplanken.
Der globale Kompass
Die Woche endet mit einer Verschiebung der Gewichte: Der Zins drückt weniger, dafür entscheidet jetzt, wer die KI-Rechnung bezahlt und wer sie ausstellt. Broadcom, Blackstone und Amazon stehen auf der Seite der Rechnungssteller, die Speicherhersteller haben an diesem Freitag erfahren, wie dünn ihre Preismacht ist. Bis zum 14. Oktober gilt: Das Wachstum ist schwach genug für eine Fed-Pause, aber zu stark für Entwarnung.
Gönnen Sie sich zwei Tage Abstand von den Kursmonitoren, bevor am Montag die Telekom die neue Woche eröffnet.
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