5 Prozent für Paris: Warum starke Bilanzen gegen den Spread verlieren

Frankreichs Staatsanleiherendite überschritt fünf Prozent; zugleich steigerten mehrere Unternehmen ihre Ergebnisse oder passten Prognosen nach oben an.

Die Kernpunkte:
  • Frankreichs Rendite erreichte 5,002 Prozent
  • Spread zur Bundesanleihe bei rund 160 Basispunkten
  • Adidas erhöhte das Jahresziel für Betriebsergebnis
  • Jenoptik und Friedrich Vorwerk hoben Prognosen an

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Frankreich leiht sich erstmals seit 2002 Geld zu mehr als 5 Prozent auf zehn Jahre. Die Rendite der französischen Staatsanleihe stieg am Mittwochvormittag kurzzeitig über diese Marke, der Abstand zur Bundesanleihe weitete sich auf rund 160 Basispunkte aus, ein 15-Jahres-Hoch.

Zugleich liefern Europas Unternehmen ein starkes Quartal: Adidas, Jenoptik, Friedrich Vorwerk und EssilorLuxottica heben Prognosen oder übertreffen Erwartungen. Der Widerspruch des Tages ist damit klar: Die Bilanzen tragen, aber der Staat dahinter wird teurer.

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Frankreich: Was der Anleihemarkt den Aktien antut

Paris zahlt inzwischen mehr als Rom, und das ist für Anleger die eigentliche Nachricht. Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen markierte mit 5,002 Prozent den höchsten Stand seit 24 Jahren.

Die Bundesanleihe rentiert mit rund 3,4 Prozent, Italien liegt mit rund 4,6 Prozent inzwischen unter Frankreich. Auslöser waren die Unruhen vom Wochenende mit über 500.000 Demonstranten und mehr als 2.300 Festnahmen sowie Zweifel am Haushalt 2027.

Premier Lecornu plant Einsparungen von deutlich über 40 Milliarden Euro, um das Defizit auf 5 Prozent des BIP zu drücken. Für 2026 werden 5,4 Prozent erwartet, die Staatsverschuldung soll im kommenden Jahr 121,7 Prozent des BIP erreichen. Die meisten Ökonomen rechnen damit, dass Moody’s am Freitag die Note von Aa3 auf A1 senkt. S&P prüft am 27. November.

Für deutsche Depots ist das keine abstrakte Nachricht. Carrefour verliert deutlich und notiert bei rund 14 Euro, nahe dem 52-Wochen-Tief von 12,61 Euro.

Carrefour-Chef Bompard meldete rund 50 geplünderte Filialen und kappte die Jahresziele. Der operative Gewinnausfall 2026 soll 80 bis 200 Millionen Euro betragen.

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing mahnte öffentlich Haushaltsdisziplin in Paris an. Das ist bemerkenswert, weil Europas Bankenindex seit Anfang September bereits 7 Prozent verloren hat, bei einem KGV von etwa 10. Die Deutsche Bank selbst liegt aktuell bei 28,76 Euro und damit auf Sicht von 30 Tagen 14 Prozent im Minus.

Die Lehre für Anleger: Wer europäische Bankaktien oder Frankreich-lastige Index-ETFs hält, trägt bis Freitag ein Rating-Risiko, das kein Quartalsergebnis ausgleicht, weil der Renditeabstand (Spread) zur Bundesanleihe und nicht die Bilanz der Banken den Kurs bestimmt.

Adidas: Rekordquartal, aber der Markt zahlt nicht dafür

Adidas liefert, die Aktie hinkt hinterher. Adidas hat sein bestes Quartal abgeliefert. Das Betriebsergebnis sprang im dritten Quartal um 37 Prozent auf 1,008 Milliarden Euro (berichtet), der Umsatz stieg um 9 Prozent auf 7,25 Milliarden Euro.

Die Bruttomarge legte um 2,5 Prozentpunkte auf 54,3 Prozent zu. Darin stecken 200 Millionen Euro gerichtlich erstrittene US-Zollrückerstattung und 100 Millionen Euro aus geringeren Rabatten.

Das Jahresziel für das Betriebsergebnis steigt auf 2,5 Milliarden Euro, zuvor waren es 2,3 Milliarden. Den Sondergewinn behält Adidas jedoch nicht ein: Der Konzern zieht im vierten Quartal rund 100 Millionen Euro Investitionen vor.

Die Analysten ziehen nach: Citigroup hebt das Kursziel von 200 auf 211 Euro, StoneX auf 210 Euro, JPMorgan bleibt bei 210 Euro mit „Overweight“. Die Bank Metzler rechnet vor, dass das Betriebsergebnis ohne Zölle 9 Prozent über dem Konsens lag. UBS mahnt dagegen zur Vorsicht bei der Bruttomarge 2027.

Die Adidas-Aktie notiert aktuell um 161 Euro, rund 12 Prozent über dem Stand von vor 30 Tagen, aber noch 4,8 Prozent unter dem Jahresanfang. Das 52-Wochen-Hoch von 200,90 Euro liegt weit entfernt. Zum Vergleich: Nike hat auf Zwölfmonatssicht 43 Prozent verloren und erwartet für das Geschäftsjahr 2026/27 bis zu 9 Prozent weniger Umsatz.

Die Lücke zwischen den Kurszielen und dem Kurs ist der eigentliche Hebel: Die endgültigen Neunmonatszahlen kommen am 29. Oktober, und erst dort entscheidet sich, ob der Markt das operative Plus ohne Zolleffekt glaubt.

Deutsche Börse: Übertroffen, angehoben und trotzdem abgestuft

Bei der Deutschen Börse bestraft der Markt nicht die Zahlen, sondern den Preis. Die Deutsche Börse steigerte das operative Ergebnis (EBITDA) im dritten Quartal um 16 Prozent auf 978 Millionen Euro, das Ergebnis je Aktie um 20 Prozent auf 3,10 Euro (berichtet).

Der Umsatz wuchs um 13 Prozent auf 1,63 Milliarden Euro, Jefferies sieht das EBITDA 3 Prozent über den Erwartungen. Das Treasury-Ergebnis soll im Gesamtjahr nun über 0,8 Milliarden Euro erreichen, zuvor 0,7 Milliarden. Die Aktie gab dennoch gegen den Markt nach und schloss bei 306,80 Euro.

Der Grund steht im Analystenurteil: UBS stuft auf „Neutral“ mit Kursziel 265 Euro. Die Begründung: Das Übertreffen der Erwartungen kam vor allem aus Handel und Clearing, das Überraschungspotenzial sei begrenzt und die Bewertung bereits zu hoch. Metzler hält dagegen an „Kaufen“ fest.

Nach einem Jahresplus von fast 37 Prozent liegt der Kurs der Deutschen Börse deutlich über dem UBS-Ziel. Wer die Aktie als Profiteur volatiler Märkte hält, sollte die Allfunds-Übernahme im Blick behalten, die erst im ersten Halbjahr 2027 vollzogen wird.

Jenoptik und Friedrich Vorwerk: Der Mittelstand hebt die Ziele

Zwei Prognoseanhebungen, aber nur eine davon ist mit Aufträgen unterlegt. Jenoptik erwartet für 2026 nun eine EBITDA-Marge von rund 22 Prozent statt 20 bis 21 Prozent.

Der Auftragseingang nach neun Monaten stieg auf 1,1 Milliarden Euro, nach 777 Millionen im Vorjahr. Die Jenoptik-Aktie legte am Nachmittag mehr als 10 Prozent zu.

Friedrich Vorwerk steigerte das EBITDA im dritten Quartal um 57,7 Prozent auf 80,9 Millionen Euro und erhöhte die Jahresziele. Die Aktie liegt aktuell bei 72,35 Euro, gut 8 Prozent über dem Vortag, aber noch 27 Prozent unter dem Stand von vor zwölf Monaten.

Metzler sieht mit Kursziel 120 Euro über 60 Prozent Potenzial. MWB Research bleibt bei „Hold“ und verweist auf den Auftragseingang, der unter 130 Millionen Euro und damit um über ein Drittel gefallen ist. Genau hier liegt der kritische Punkt: Die Marge glänzt heute, das Auftragsbuch entscheidet über 2027.

Qiagen und Steyr Motors: Zwei Übernahmen, zwei Rechnungen

Bei Übernahmen zählt der Abstand zum Angebot, und der erzählt hier zwei völlig verschiedene Geschichten. EQT hat ein verbindliches Angebot von mehr als 50 Dollar je Qiagen-Aktie vorgelegt, laut Bloomberg hat auch KKR geboten. Der Qiagen-Aufsichtsrat will noch in dieser Woche entscheiden. Umgerechnet entspricht die Offerte gut 44,50 Euro, die Aktie notiert aktuell bei 42,92 Euro. Der Abstand ist klein, der Bieterwettbewerb könnte ihn vergrößern.

Steyr Motors erhält von Red Cat Holdings ein Barangebot über 39,00 Euro je Aktie. Die Annahmefrist läuft bis 18. Dezember, Großaktionär B&C bringt seine rund 15 Prozent ein, die Mindestannahme liegt bei 50 Prozent plus eine Aktie.

Die Steyr-Aktie notiert bei 35,68 Euro, also rund 9 Prozent unter dem Angebot. Dieser Abschlag spiegelt das Risiko: Die Investitionskontrollen in Österreich, Australien, Italien und Großbritannien sollen erst bis 30. Juni 2027 vorliegen.

Der globale Kompass

Die Unternehmen haben heute geliefert, doch über die Kurse entscheidet diese Woche ein Ratingbüro. Am Donnerstag berichten Nestlé, Roche, UniCredit und Barclays, nachbörslich folgen heute Abend Meta und Tesla. Der entscheidende Termin bleibt Freitag: Senkt Moody’s Frankreich, testet der Markt den Spread zur Bundesanleihe erneut, und Banken sowie französische Konsumwerte stehen zuerst unter Druck.

Die Fed dürfte am 27./28. Oktober mit rund 83 Prozent Wahrscheinlichkeit stillhalten, eine Zinserhöhung bis Dezember gilt am Markt dagegen als nahezu sicher. Für Ihr Depot heißt das: Bei Adidas, Jenoptik und Qiagen gibt die Unternehmensnachricht den Takt vor, bei Banken und Frankreich-Werten der Anleihemarkt.

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