81 Punkte „Extreme Gier“: Bitcoins Rally wird selbst zur Warnung
Der Fear-and-Greed-Index signalisiert mit 81 Punkten extreme Gier. Bitcoin profitiert von Zwangsglattstellungen, während Alibaba, Immobilienwerte und Siemens Energy für Schlagzeilen sorgen.

- Fear-and-Greed-Index bei 81 Punkten
- Bitcoin-Liquidierungen übersteigen 2,7 Milliarden Dollar
- Alibaba sammelt 10,2 Milliarden Dollar ein
- Barclays senkt Kursziele für Wohnimmobilien
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
vor einer Woche stand der CMC Crypto Fear and Greed Index bei neutralen 40 Punkten. Jetzt zeigt er 81 – „Extreme Gier“. Dazwischen liegen ein Wochenplus von rund 24 Prozent bei Bitcoin und mehr als 2,7 Milliarden Dollar an Zwangsglattstellungen. Ein Markt, der sich innerhalb weniger Tage komplett neu sortiert, verdient einen genaueren Blick – und genau das gilt heute auch für drei weitere Geschichten: Alibaba zahlt einen brutalen Preis für seine KI-Wette, ein einzelner Analyst schreibt mit einem Modellwechsel die Bewertungslogik für deutsche Wohnimmobilien um, und Siemens Energy zeigt, dass Rekordzahlen allein noch keinen Kurs retten, wenn der Aufsichtsrat über die Unternehmensstruktur brütet.
Extreme Gier: Bitcoins Rally nährt sich von Zwangsverkäufen
Bitcoin nähert sich der Marke von 80.000 Dollar und notiert aktuell bei rund 78.900 Dollar, nach einem Zwischenhoch bei 79.550 Dollar. Der Treibstoff dieser Bewegung ist bemerkenswert: Allein in den vergangenen 24 Stunden wurden Short-Positionen im Volumen von 204 Millionen Dollar liquidiert, dazu weitere 157 Millionen Dollar an Long-Positionen – auf Wochensicht summierten sich die Zwangsglattstellungen auf mehr als 2,7 Milliarden Dollar. Das ist keine organische Nachfrage, das ist ein Markt, der gegen sich selbst wettet und dabei verliert.
Unterstützung kommt allerdings auch von echtem Kapital: US-Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten in der Woche bis zum 21. August Nettozuflüsse von 1,9 Milliarden Dollar, und ab dem 9. September erhöht das US-Finanzministerium seine Anleihe-Rückkäufe von 2 auf mindestens 4 Milliarden Dollar je Operation – mehr Liquidität, die tendenziell auch Risikoanlagen zugutekommt. Wer die Talsohle bei rund 57.700 Dollar Anfang Juli verpasst hat, steht nun vor der eigentlich interessanten Frage: Ist „Extreme Gier“ ein Kaufsignal oder eine Warnung? Historisch war Letzteres häufiger der Fall – der Index misst schließlich Euphorie, nicht Substanz. Wer ohnehin im Markt engagiert ist, sollte zudem den über das Wochenende gemeldeten Bridge-Exploit im XRP-Ökosystem (knapp 200.000 XRP entwendet) nicht vergessen: Kursfantasie und operative Risiken sind zwei getrennte Baustellen.
Während Bitcoin zwischen Zwangsverkäufen und ETF-Zuflüssen hin- und herschwankt, richten manche Anleger den Blick bereits auf die nächste Welle im Kryptomarkt. Ein aktueller Report stellt drei Kryptowährungen vor, deren Wachstumspotenzial nach Einschätzung der Analyse sogar das von Gold übertreffen könnte. Zum Krypto-Report
Alibabas Kursspaltung: Hongkong straft, New York schaut zu
Bei Alibaba zeigt sich, wie unterschiedlich zwei Börsenplätze dieselbe Nachricht lesen können. Die in Hongkong gehandelten Aktien brachen um fast 9 Prozent auf 112,50 Hongkong-Dollar ein, nachdem der Konzern über die Platzierung von 710 Millionen neuen Aktien zu 112,70 Hongkong-Dollar – ein Abschlag von 8,4 Prozent auf den Schlusskurs vor Bekanntgabe der Kapitalerhöhung – rund 80 Milliarden Hongkong-Dollar beziehungsweise 10,2 Milliarden US-Dollar eingesammelt hatte. US-Investoren waren von der Rabattierung ausdrücklich ausgeschlossen; Insider wie Chairman Joe Tsai griffen dennoch zu, mit umgerechnet rund 10,2 Millionen Dollar. Die an der NYSE notierten ADRs reagierten dagegen kaum und legten sogar leicht zu.
Der Grund für den Kapitalhunger liegt offen zutage: Das KI-Investitionstempo frisst den Gewinn. Im ersten Quartal brach der Nettogewinn um 75 Prozent ein, während die Investitionsausgaben um ebenfalls 75 Prozent auf umgerechnet rund 8,6 Milliarden Euro stiegen – eingebettet in einen Dreijahresplan von knapp 48,4 Milliarden Euro für KI-Infrastruktur. Gleichzeitig wuchs der Umsatz um 9 Prozent auf umgerechnet rund 34,2 Milliarden Euro, das KI-Cloud-Geschäft sogar um 45 Prozent. Einen Tag nach der Kapitalerhöhung brachte Alibaba mit Wan3.0 zudem ein neues KI-Videomodell an den Start, das aus Dokumenten 30-sekündige Clips generiert – ein Beleg dafür, dass das frische Kapital tatsächlich in den KI-Ausbau fließt und nicht in Löcher gestopft wird. Für Anleger heißt das: Wer an Alibabas KI-Strategie glaubt, zahlt Verwässerung und eingebrochenen Quartalsgewinn als Eintrittspreis. Dass die ADR davon unbeeindruckt bleiben, zeigt: Ein Teil des Marktes ist bereit, genau diesen Preis zu zahlen.
Alibabas Milliarden-Wette auf KI-Infrastruktur zeigt, wie stark der Megatrend die Kapitalflüsse ganzer Konzerne umlenkt – und wie unterschiedlich Börsen diese Wetten bewerten. Ein Report bündelt die zehn Big-Data-Aktien, die nach Einschätzung der Analyse am stärksten von dieser Entwicklung profitieren dürften. Report jetzt sichern
Deutsche Wohnimmobilien: Ein Analyst wechselt die Kennzahl – der Sektor rutscht mit
Weniger Kapitalfantasie, dafür ein handfester Realitätscheck bei deutschen Wohnimmobilien. Barclays hat sein Bewertungsmodell für den Sektor umgestellt – weg vom Nettoinventarwert, hin zum freien Cashflow – und senkt reihenweise die Kursziele: Vonovia fällt von 23 auf 20 Euro (neu „Underweight“), LEG Immobilien von 60 auf 51 Euro (weiterhin „Equal Weight“). Bei Vonovia notiert die Aktie mit 19,88 Euro praktisch schon am neuen, gesenkten Ziel und nahe ihrem 52-Wochen-Tief. Bei LEG markierte der Kurs heute mit 49,30 Euro sogar ein neues 52-Wochen-Tief, bevor er sich knapp darüber bei 49,48 Euro stabilisierte.
Bemerkenswert daran ist weniger die Zahl selbst als der Mechanismus: Der Methodenwechsel eines einzelnen Analysten reicht aus, um die gesamte Bewertungsbasis eines Sektors zu verschieben – unabhängig davon, ob sich am operativen Geschäft der Unternehmen überhaupt etwas geändert hat. Für Anleger, die deutsche Wohnimmobilienaktien bislang als zinsresistente Dividendenanker betrachtet haben, ist das eine unbequeme Erinnerung: LEGs Dividendenrendite von 3,45 Prozent wirkt auf dem Papier attraktiv, doch wenn Analysten den Bewertungsmaßstab grundsätzlich neu justieren, kann diese Rendite schnell relativiert werden – nicht weil sich die Miete ändert, sondern weil sich die Brille ändert, durch die man auf den Cashflow schaut.
Siemens Energy: Rekordzahlen, aber der Aufsichtsrat schreibt die eigentliche Story
Bei Siemens Energy klaffen operative Stärke und Kursreaktion auseinander – und das ist die interessantere Geschichte als die Zahlen selbst. Das dritte Quartal des Geschäftsjahres 2025/26 brachte einen Rekord-Auftragseingang von 17,9 Milliarden Euro, ein Umsatzplus von 18,5 Prozent auf 11,4 Milliarden Euro und ein bereinigtes Ergebnis vor Sondereffekten von 1,62 Milliarden Euro nach 497 Millionen Euro im Vorjahr. Besonders bemerkenswert: Die Windkraftsparte Siemens Gamesa erzielte mit 75 Millionen Euro EBITA erstmals seit 2022 wieder einen positiven Quartalswert – ein Turnaround, den viele Anleger dem Konzern kaum noch zugetraut hatten. Die Prognose für 2026 sieht ein Umsatzwachstum von 14 bis 16 Prozent und eine Marge von 10 bis 12 Prozent vor.
Trotzdem gibt die Aktie im Verlauf rund 2,5 Prozent nach und notiert bei knapp 149 Euro. Der Grund: Der Aufsichtsrat will zeitnah über eine mögliche Abspaltung der Industriesparte „Transformation of Industry“ (5,7 Milliarden Euro Umsatz, 17.000 Beschäftigte) entscheiden – parallel zu einem geplanten Rebranding unter dem Namen „Omterra“, das jährlich 300 Millionen Euro einsparen soll. RBC bestätigt sein Kursziel von 200 Euro, Bernstein stuft die Aktie „Outperform“ ein, der Analystenkonsens liegt bei 207 Euro – deutlich über dem aktuellen Kurs und sogar über dem bisherigen 52-Wochen-Hoch von 195,38 Euro aus dem April. Der Markt traut dem operativen Turnaround also durchaus mehr zu, als der aktuelle Kurs zeigt – er wartet nur auf Klarheit über die Konzernstruktur, bevor er das honoriert.
Deutsche Bank: Rückkauf Nummer zwei, während die BVR vor der Bundesbank warnt
Kapitaldisziplin statt Wachstumsfantasie zeigt derweil die Deutsche Bank. Ab morgen startet ein neues Rückkaufprogramm über bis zu 500 Millionen Euro beziehungsweise maximal 50 Millionen Aktien, das spätestens am 28. August 2026 enden soll und explizit auf die Einziehung der Papiere zielt. Das vorangegangene Programm zwischen Februar und vergangener Woche hatte 35,7 Millionen Aktien (1,87 Prozent des Grundkapitals) zu durchschnittlich 28,00 Euro eingezogen – die Aktie notiert inzwischen bei rund 33 Euro, nahe ihrem 52-Wochen-Hoch von 34,21 Euro. Ab 2026 will das Institut eine Gesamtausschüttungsquote von 60 Prozent erreichen, ein klares Signal an Aktionäre, dass überschüssiges Kapital zurückfließt statt in Wachstumsprojekte gesteckt zu werden.
Dass der Rückenwind für Banken aber nicht grenzenlos ist, zeigt eine Warnung der genossenschaftlichen BVR: Eine mögliche Verdopplung des Mindestreservesatzes würde die Ertragslage der Institute belasten – ein Risiko, das auch größere Häuser wie die Deutsche Bank im Blick behalten sollten, bevor sie ihre Ausschüttungsversprechen zu fest zementieren.
Der globale Kompass
Was diese fünf Geschichten eint: Der Markt belohnt Risiko gerade extrem selektiv – und die Kriterien dafür sind weniger rational, als es den Anschein hat. Bitcoin steigt, weil Shortseller ihre Wetten zwangsweise auflösen müssen, nicht weil sich am fundamentalen Bild etwas verändert hat. Alibabas ADR-Anleger honorieren eine KI-Strategie, für die Hongkonger Aktionäre gerade schmerzhaft zur Kasse gebeten wurden. Und bei deutschen Wohnimmobilien genügt der Modellwechsel eines einzelnen Analystenteams, um Kursziele um teilweise 15 Prozent zu kappen, während Vonovia und LEG operativ unverändert dastehen. Siemens Energy liefert den Gegenbeweis, dass auch Rekordzahlen nicht automatisch honoriert werden, wenn strukturelle Unsicherheit über der Aktie schwebt.
Für die kommenden Tage heißt das: Nvidias Quartalszahlen am Mittwoch, US-Konjunkturdaten zu PCE und BIP sowie der Auftritt von Fed-Chef Warsh in Jackson Hole am Freitag werden zeigen, ob sich diese selektive Risikofreude auf breitere Marktsegmente ausdehnt – oder ob die Kluft zwischen Gewinnern wie Siemens Energy und Verlierern wie den Immobilienwerten noch tiefer wird. Bis dahin gilt: Wer investiert ist, sollte genau hinschauen, ob er einer fundamentalen Entwicklung folgt oder nur einer Positionierung, die sich gerade selbst korrigiert.
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