Abu-Dhabi-Deal, HIMARS-Upgrade, SDAX-Aufstieg — fünf Rüstungswerte im Realitätscheck

Trotz Rekordaufträgen und Milliarden-Deals notieren viele Verteidigungswerte unter ihren Höchstständen. Analysten sehen Aufholpotenzial.

Die Kernpunkte:
  • EOS sichert 124-Millionen-Dollar-Deal aus Abu Dhabi
  • Rheinmetall trotz Expansion 40 Prozent unter Hoch
  • Vincorion mit Rekordzahlen, aber Kurs unter IPO-Preis
  • Kongsberg übernimmt US-Raketenhersteller Zone 5

Ein 124-Millionen-Dollar-Auftrag aus den Emiraten, ein Raketenwerfer mit doppelter Feuerkraft und ein frisch gebackenes SDAX-Mitglied, dessen Kurs trotzdem fällt: Die Nachrichtenlage bei Verteidigungs-Aktien ist dicht. Auffällig dabei — bei fast allen fünf Titeln klafft eine Lücke zwischen operativer Stärke und Kursentwicklung.

Electro Optic Systems: Milliondeal aus Abu Dhabi als Wendepunkt

Electro Optic Systems (EOS) hat diese Woche den bislang größten Einzelauftrag seiner Geschichte vermeldet. Die emiratische Generation 5 Holding (Gen5) bestellt Slinger-Drohnenabwehrsysteme im Wert von 124 Millionen US-Dollar — inklusive Bewaffnung, Ersatzteilen und Ausbildung. Die Produktion soll sich auf Australien und die Vereinigten Arabischen Emirate verteilen, Lieferung in 2027 und 2028.

Mindestens ebenso bedeutsam: Beide Unternehmen gründen ein 50/50-Joint-Venture in Abu Dhabi für Hochenergie-Laserwaffen. Gen5 bringt 40 Millionen US-Dollar Eigenkapital ein. Die Zielmarke ist ambitioniert — innerhalb von zwölf Monaten soll ein Mindestauftrag über 250 Millionen Dollar für Laserwaffen mit 200 bis 300 Kilowatt Leistung gesichert werden.

Der Deal trifft auf ein Unternehmen, das sich gerade in rasantem Tempo transformiert. Nach der Übernahme des britischen Drohnenabwehr-Spezialisten MARSS im Mai liegt das kombinierte Auftragsbuch bei rund 726 Millionen Australischen Dollar. In Nizza investiert EOS über zehn Millionen Euro in ein europäisches Kommandozentrum für Drohnenabwehr.

Die Aktie reagierte entsprechend: Am Freitag schloss EOS bei 6,42 Euro, ein Wochenplus von knapp 11 %. Seit dem Aufstieg in den S&P/ASX 200 im Juni wächst die institutionelle Aufmerksamkeit. Analysten sehen das Kursziel bei 11,00 Australischen Dollar — nur knapp über dem aktuellen Niveau. Die eigentliche Frage bleibt, ob EOS die Großaufträge auch in planmäßige Umsätze konvertieren kann.

Rheinmetall: Neue Fabriken, neue Artillerie — alter Chartschmerz

Rheinmetall baut sein industrielles Netzwerk in atemberaubendem Tempo aus. CEO Armin Papperger verhandelt in Tokio über ein Joint Venture zur Waffenproduktion in Japan — sowohl für den dortigen Markt als auch für den Export. In Polen nimmt eine neue Fabrik unter dem Codenamen „Kaszubia“ Gestalt an, die modulare Treibladungen für 155-mm-Artilleriemunition herstellen soll. Das Erstinvestment: bis zu 500 Millionen Polnische Zloty.

Auf der Eurosatory stellte das Düsseldorfer Unternehmen sein neues L60-Artilleriesystem vor, das die effektive Reichweite von Haubitzen um rund 30 % steigern soll. Papperger nutzte die Bühne zudem für einen Vorstoß in Sachen KI-Regulierung bei Waffensystemen — mit ausdrücklichem Verweis auf internationale Atomwaffenabkommen als Vorbild.

All das ändert nichts an einem ernüchternden Chartbild. Die Aktie schloss am Freitag bei 1.200,20 Euro und notiert damit rund 40 % unter ihrem 52-Wochen-Hoch. Seit Jahresbeginn steht ein Minus von über 25 % zu Buche.

Die Analysten bleiben unbeirrt optimistisch:

  • 17 Kaufempfehlungen, null Verkaufsempfehlungen
  • Durchschnittliches Kursziel: 1.882 Euro
  • Berenberg bestätigt Kaufen mit Ziel 1.750 Euro
  • Management hält an der Jahresprognose von bis zu 14,5 Milliarden Euro Umsatz fest

Die Bewertung mit einem KGV von rund 75 spiegelt die Erwartung wider, dass die gewaltigen Auftragseingänge erst in den kommenden Quartalen voll durchschlagen. Ob der Markt so lange Geduld aufbringt, bleibt offen.

Vincorion: Rekordzahlen treffen auf Börsenfrust

Kein Titel in dieser Übersicht zeigt die Diskrepanz zwischen Fundamentaldaten und Kurs deutlicher als Vincorion. Die Zahlen zum ersten Quartal sprechen eigentlich eine klare Sprache: 40 % Umsatzplus auf 69 Millionen Euro, eine bereinigte EBIT-Marge von 18 % und ein Auftragsbestand von rund 1,2 Milliarden Euro, der mehr als 90 % des geplanten Jahresumsatzes abdeckt.

Trotzdem notiert die Aktie unter dem IPO-Preis vom März. Der Freitag brachte zwar ein kräftiges Plus von 8 % auf 17,79 Euro, doch vom Mai-Hoch bei 23,78 Euro trennen den Kurs noch über 25 %.

Die SDAX-Aufnahme am 22. Juni — Vincorion ersetzt dort Borussia Dortmund und ProSiebenSat.1 — entpuppte sich bislang als klassisches „Sell the News“-Ereignis. Statt der erhofften Indexkäufe dominierte Gewinnmitnahme.

Zwei strukturelle Belastungsfaktoren drücken auf die Stimmung:

  • Lock-Up-Überhang: Private-Equity-Investor STAR Capital hält 47,5 % der Anteile, gesperrt bis Herbst 2026
  • Negativer Free Cashflow: Minus 7,1 Millionen Euro nach plus 1,6 Millionen im Vorjahr, getrieben durch höheres Working Capital und Steuernachzahlungen

Auf der Eurosatory präsentierte das Unternehmen sein 50-Kilowatt-Generatormodul samt Energiespeicher aus dem EU-geförderten SENTINEL-Projekt. Als alleiniger Zulieferer für Schlüsselkomponenten des Leopard 2 besetzt Vincorion eine schwer ersetzbare Position in der europäischen Lieferkette. Berenberg hält an einem Kursziel von 26 Euro fest, JPMorgan bewertet die Aktie mit „Übergewichten“ und einem Ziel von 23,50 Euro.

Kongsberg Gruppen: Mit Zone 5 in den US-Raketenmarkt

Die Norweger haben ihren bislang kühnsten strategischen Schritt vollzogen. Am 10. Juni übernahm Kongsberg Gruppen nach US-Genehmigung 90 % an Zone 5 Technologies, einem kalifornischen Raketenhersteller mit über 250 Mitarbeitern und Umsätzen jenseits von 100 Millionen Dollar.

Zone 5 produziert die Angriffsrakete Rusty Dagger und die Luftverteidigungsrakete White Spike, hält Verträge mit der US Air Force und hat seine ERAM-Raketen bereits in der Ukraine im Einsatz. Kongsberg-CEO Eirik Lie brachte die Logik auf den Punkt: Westliche Streitkräfte brauchen nicht mehr wenige Premiumwaffen, sondern große Stückzahlen für langandauernde Konflikte.

Das operative Fundament trägt die Expansion. Im ersten Quartal stieg der Umsatz um 26 % auf 9,2 Milliarden Norwegische Kronen. Die EBIT-Marge verbesserte sich auf 16,6 %. Die Aktie schloss am Freitag bei 306,10 NOK, ein Wochenplus von rund 4 %.

Die langfristigen Zielmarken sind bemerkenswert: 100 Milliarden NOK Umsatz bis 2029, 150 Milliarden bis 2033, jeweils bei einer EBIT-Marge oberhalb von 16 %. Neun Analysten vergeben im Schnitt ein Kaufurteil mit einem Kursziel von 375,56 NOK — knapp 23 % über dem aktuellen Niveau. Zone 5 könnte sich als entscheidender Baustein erweisen, sofern die Integration unter den Auflagen der US-Regulierung reibungslos verläuft.

Lockheed Martin: HIMARS FLEX zielt auf europäische Großaufträge

Lockheed Martin setzte bei der Eurosatory auf maximale Wirkung. Am 16. Juni präsentierte der Konzern HIMARS FLEX — eine modulare Weiterentwicklung des bewährten M142-Raketenwerfers. Die zentrale Neuerung: eine Doppel-Pod-Konfiguration, die die doppelte Munitionsmenge aufnehmen kann.

Noch bemerkenswerter ist die Vielseitigkeit. FLEX kann Luftverteidigungsraketen einschließlich der Patriot PAC-3 vom selben Chassis abfeuern und lässt sich über das FLEXFires-Ökosystem autonom betreiben. Bestehende HIMARS-Nutzer sollen schrittweise aufrüsten können — vom Einzelpod über den Doppelpod bis zur autonomen Variante.

Das Timing ist kein Zufall. Europäische NATO-Mitglieder stehen vor einigen der größten Artillerie-Beschaffungsentscheidungen seit Jahrzehnten. Gleichzeitig wächst der Wettbewerb: Südkoreas Chunmoo, Israels PULS und Frankreichs eigenes Long-Range-Ground-Strike-Programm kämpfen um dieselben Budgets.

Am Kurs lässt sich die Skepsis des Marktes ablesen. Lockheed schloss am Freitag bei 442,70 Euro, ein Wochenminus von 5 %. Goldman-Sachs-Analyst Noah Poponak hält an seiner Verkaufsempfehlung fest und verweist auf höhere Vertragsrisiken sowie stagnierende F-35-Produktionsraten. Der Analystenkonsens ist mit „Halten“ und einem durchschnittlichen Kursziel von 625 Dollar deutlich vorsichtiger als bei den europäischen Vergleichswerten. Jüngst gesicherte Verträge — darunter ein 154-Millionen-Dollar-Auftrag für Vorausbeschaffung von Langzeitmaterialien sowie PAC-3- und F-35-Deals — stützen das operative Geschäft, bewegen den Kurs aber kaum.

Volle Bücher, schwache Kurse — wann löst sich die Diskrepanz?

Quer durch alle fünf Titel zeigt sich ein Muster: Operative Stärke und Kursentwicklung laufen auseinander. Vincorion verkörpert diese Diskrepanz am extremsten, Rheinmetall zeigt sie im größeren Maßstab. Selbst Kongsberg — mit einem der ambitioniertesten Wachstumspläne der Branche — notiert deutlich unter den Analystenzielen.

Für die kommenden Wochen stehen zwei Katalysatoren im Kalender:

  • NATO-Gipfel Anfang Juli: Neue Beschaffungszusagen könnten die Auftragspipelines weiter füllen
  • Q2-Berichtssaison: Der Markt wird genau prüfen, ob sich steigende Aufträge endlich in beschleunigtes Umsatzwachstum und verbesserten Cashflow übersetzen

Bei EOS wird die Umsetzung des Abu-Dhabi-Deals zum Lackmustest. Lockheed muss beweisen, dass HIMARS FLEX in konkrete europäische Verträge mündet. Und bei Vincorion dürfte erst das Ende der Lock-Up-Frist im Herbst zeigen, ob institutionelle Investoren bereit sind, den Bewertungsabschlag aufzulösen. Die Branche liefert — jetzt muss der Markt nachziehen.

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