Alphabet Aktie: 195 bis 205 Milliarden Dollar für KI-Infrastruktur

Alphabet investiert Rekordsummen in KI, verzeichnet aber negativen Cashflow. Führungswechsel bei Google und DeepMind sowie neue Klagen prägen das Bild.

Die Kernpunkte:
  • Rekordinvestitionen in KI-Infrastruktur
  • Negativer freier Cashflow im Quartal
  • Führungswechsel bei Google und DeepMind
  • Neue Klagen gegen Google eingereicht

Manchmal erkennt man den Wendepunkt eines Konzerns nicht an einer Zahl, sondern an einem Namen, der plötzlich fehlt. Diese Woche war so ein Moment für Alphabet. Nach 27 Jahren im Unternehmen verlässt Jeff Dean seinen Posten als Google-Chefwissenschaftler, um gemeinsam mit Google-Senior-Fellow Sanjay Ghemawat eine eigene, gemeinwohlorientierte Gesellschaft zu gründen. Google bleibt der Sache verbunden, engagiert sich als Gründungsinvestor und Cloud-Partner des neuen Vorhabens. Einen Tag später rückte Demis Hassabis zum Chairman von Google DeepMind und Chief Scientist von Alphabet auf, während Koray Kavukcuoglu als SVP die operative Führung von DeepMind übernimmt. Ein Generationswechsel im Maschinenraum der künstlichen Intelligenz – ausgerechnet in dem Moment, in dem der Konzern so viel Geld wie nie zuvor in genau diese Technologie pumpt.

Wachstum, das plötzlich Geld kostet statt zu bringen

Die Zahlen aus dem zweiten Quartal erzählen die andere Seite der Geschichte. Der Umsatz kletterte um 24 Prozent auf 119,8 Milliarden Dollar, angetrieben von einem Cloud-Geschäft, das um 82 Prozent auf 24,8 Milliarden Dollar wuchs – bei einem operativen Gewinn, der sich in diesem Segment mehr als verdreifachte. Der Auftragsbestand der Cloud-Sparte erreichte 514 Milliarden Dollar. Das ist die Art von Wachstum, die Analysten normalerweise nur bejubeln. Doch der Preis dafür ist hoch: Alphabet hob seine Investitionsplanung für das laufende Jahr auf eine Spanne von 195 bis 205 Milliarden Dollar an, deutlich über der vorherigen Zielmarke von 180 bis 190 Milliarden. Die Folge war ein negativer freier Cashflow von 5,9 Milliarden Dollar im Quartal – für ein Unternehmen, das über Jahrzehnte für seine Cash-Maschine bekannt war, eine bemerkenswerte Kehrtwende. Wer noch einen Beweis dafür braucht, dass der KI-Wettlauf inzwischen Substanz kostet statt nur Substanz zu schaffen, findet ihn in dieser einen Zeile der Bilanz.

Genau diese Kapitalintensität war es auch, die im Juni zur milliardenschweren Kapitalmaßnahme führte: Alphabet platzierte ein Eigenkapitalpaket über 84,75 Milliarden Dollar, darunter eine Privatplatzierung über 10 Milliarden Dollar von Berkshire Hathaway und ein At-the-Market-Programm über 40 Milliarden Dollar. Wer solche Summen aufnimmt, glaubt entweder fest an die eigene Zukunftswette – oder braucht schlicht den Puffer für das, was noch kommt.

Rückenwind von der Wall Street, Gegenwind aus London

Nicht jeder blickt skeptisch auf diese Strategie. Nach einer Einschätzung von Morgan Stanley am 3. August, die Anleger angesichts der Rekordinvestitionen in KI-Infrastruktur beruhigte, sprang der Kurs um 5,1 Prozent. Kurz zuvor, am 27. Juli, hatte die Analystin Serena Lim Yi Qi von Phillip Securities ihr Votum von „Accumulate“ auf „Buy“ angehoben, das Kursziel allerdings von 450 auf 425 Dollar gesenkt – ein Signal, das trotz der Zurücknahme der Zielmarke als Vertrauensbeweis zu lesen war.

Zeitgleich verschärft sich der juristische Druck. Das britische Competition Appeal Tribunal ließ am Dienstag eine Sammelklage von Hunderttausenden britischen Unternehmen gegen mutmaßlichen Marktmachtmissbrauch von Google zu und wies den Versuch zurück, das Verfahren auf Opt-out-Basis zu stoppen. Der Streitwert: bis zu 5 Milliarden Pfund, umgerechnet rund 6,7 Milliarden Dollar. Nur zwei Tage zuvor hatte Teads Holding vor einem New Yorker Bundesgericht Klage gegen Google und Alphabet eingereicht – im Windschatten eines Urteils aus Virginia, das Google wettbewerbswidriges Verhalten im Ad-Tech-Geschäft attestiert hatte. Zwei Klagen, zwei Kontinente, ein gemeinsamer Nenner: Die Größe, die das KI-Geschäft erst ermöglicht, ist zugleich der größte juristische Risikofaktor des Konzerns.

Ein Konzern, der Beständigkeit und Umbruch gleichzeitig verkauft

Wie passt da eine Dividende ins Bild? Alphabet kündigte für den 4. September eine Ausschüttung von 0,22 Dollar je Aktie an – ein kleines, aber bewusstes Signal an konservative Anleger, dass trotz Rekordausgaben und negativem Cashflow noch Stabilität existiert. Auf der Produktseite liefert der Konzern die Rechtfertigung für die Milliarden gleich mit: Die Gemini-App zählt inzwischen 950 Millionen monatlich aktive Nutzer, fast 90 Prozent der Fortune-100-Unternehmen setzen auf Gemini Enterprise, und die Tochter Isomorphic Labs sammelte über 2 Milliarden Dollar für ihre KI-gestützte Medikamentenentwicklung ein.

Der Kurs spiegelt diese Gemengelage aus Aufbruch und Unsicherheit fast eins zu eins wider. Nach dem gestrigen Rückgang um 1,15 Prozent schloss die Aktie bei 310,50 Euro und damit gut elf Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von Mitte Mai. Selbst institutionelle Anleger justieren ihre Positionen neu: First Eagle Investment Management reduzierte am Donnerstag seinen Bestand an Alphabet-Aktien der Klasse A um 679.000 Stück und an Klasse-C-Papieren um 88.396 Stück. Ob das ein Vorbote weiterer Anpassungen ist oder nur Portfolio-Feintuning – die kommenden Wochen bis zu den nächsten Quartalszahlen am 28. Oktober dürften zeigen, ob der teure Umbau der KI-Infrastruktur die Rendite bringt, die der Kapitalmarkt inzwischen einfordert.

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