Alphabet Aktie: Freier Cashflow minus 5,9 Milliarden Dollar

Alphabet verliert vier KI-Spitzenkräfte an ein eigenfinanziertes Startup. Trotz Rekordumsatz belasten hohe Investitionen den freien Cashflow.

Die Kernpunkte:
  • Jeff Dean verlässt Google
  • Alphabet finanziert Startup Discovery Loop
  • Rekordumsatz von 119,8 Milliarden Dollar
  • Freier Cashflow erstmals negativ

Es ist ein kurioses Bild: Ein Konzern finanziert das Startup, das seine besten Köpfe abwirbt. Genau das passiert bei Alphabet – und es sagt mehr über den aktuellen Zustand der KI-Branche aus als jede Bilanz. Der Wettlauf um künstliche Intelligenz hat längst eine Stufe erreicht, auf der selbst milliardenschwere Techkonzerne ihre wertvollsten Talente nicht mehr halten können. Sie versuchen es stattdessen mit einer anderen Strategie: mitfinanzieren, statt verlieren.

Der Aderlass an der Spitze

Am Mittwoch wurde bekannt, dass Jeff Dean, seit 27 Jahren einer der prägendsten Google-Ingenieure und zuletzt Chefwissenschaftler des Konzerns, Alphabet verlässt. Mit ihm gehen Sanjay Ghemawat, Oriol Vinyals und Quoc Le – vier Namen, die für die technologische Substanz von Google Brain und DeepMind stehen. Ihr neues Projekt heißt Discovery Loop, ein unabhängiges KI-Unternehmen, das ausgerechnet von Alphabet selbst finanziert wird. Als Nachfolger rückt Demis Hassabis zum Chefwissenschaftler des Gesamtkonzerns und Vorsitzenden von Google DeepMind auf, Koray Kavukcuoglu wird zum Chief AI Architect befördert. Der Markt reagierte nervös: Die Aktie fiel am Tag der Ankündigung zeitweise um bis zu 5 Prozent. Im deutschen Handel notiert das Papier zuletzt bei 307,00 Euro, nach einem Rückgang von 1,13 Prozent am Freitag – ein Nachbeben, das zeigt, wie sensibel Anleger auf personelle Erschütterungen im KI-Kerngeschäft reagieren.

Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Kontrollverlust. Auf den zweiten wie ein kalkuliertes Risiko: Wer die klügsten Köpfe nicht binden kann, bindet wenigstens ihr nächstes Projekt an die eigene Bilanz.

Zahlen, die den Umbau finanzieren

Die operative Basis für dieses Experiment liefert das zweite Quartal 2026. Alphabet meldete einen Umsatz von 119,8 Milliarden Dollar, ein Plus von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während der Nettogewinn auf 112,1 Milliarden Dollar sprang. Google Cloud wuchs um 82 Prozent auf 24,8 Milliarden Dollar Umsatz, der Auftragsbestand der Sparte kletterte auf 514 Milliarden Dollar. Nahezu 90 Prozent der Fortune-100-Unternehmen nutzen inzwischen Gemini Enterprise, und die Gemini-App zählt 950 Millionen monatlich aktive Nutzer.

Diese Dynamik hat ihren Preis. Alphabet hob die Investitionsguidance für 2026 auf 195 bis 205 Milliarden Dollar an, von zuvor 180 bis 190 Milliarden. Allein im zweiten Quartal flossen 44,9 Milliarden Dollar in Kapazitäten – mit der Folge, dass der freie Cashflow erstmals in der Firmengeschichte negativ ausfiel, mit minus 5,9 Milliarden Dollar. Wer noch vor wenigen Jahren dachte, Alphabet sei eine Cashflow-Maschine, muss dieses Bild gerade neu justieren.

Woher das Geld für den Umbau kommt

Finanziert wird dieser Kraftakt über mehrere Kanäle gleichzeitig. Im Juni stockte Alphabet eine Kapitalerhöhung auf insgesamt 84,75 Milliarden Dollar auf, darunter eine Privatplatzierung von 10 Milliarden Dollar durch Berkshire Hathaway. Anfang August kündigte der Konzern zusätzlich eine Anleihe im Volumen von 25 Milliarden Dollar an, mit Laufzeiten zwischen zwei und vierzig Jahren – nach einer Euro-Anleihe über 9 Milliarden Euro im Mai und einem Bond-Paket im Februar, das sogar eine hundertjährige Sterling-Tranche enthielt. Parallel dazu hat sich Alphabet mit Zukäufen wie Wiz für 29,5 Milliarden Dollar und Intersect für 5,9 Milliarden Dollar tief in die Cloud-Infrastruktur eingekauft.

Analysten uneins, Insider zurückhaltend

Am 27. Juli stufte der Analyst Serena Lim Yi Qi von Phillip Securities die Aktie von Accumulate auf Buy hoch, senkte zugleich aber das Kursziel von 450 auf 425 Dollar. Ein Signal, das zur Gesamtlage passt: Wachstum wird honoriert, das Tempo der Ausgaben bleibt Sorgenfalte. Auf Unternehmensseite kündigte Alphabet im August zudem eine Bardividende von 0,22 Dollar je Aktie an, mit Ex-Tag am 4. September. Bei den Insidern überwiegt derweil die Zurückhaltung: In den vergangenen 90 Tagen standen 51 Insider-Transaktionen mit einem negativen Nettosaldo von rund 4,2 Millionen Dollar zu Buche, getrieben unter anderem von Verkaufsorders aus Lawrence-Page-Trusts.

Charttechnisch notiert die Aktie mit 307,00 Euro rund 12,47 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 350,75 Euro, während sie ihren 200-Tage-Durchschnitt um 7,77 Prozent überragt – ein Bild zwischen kurzfristiger Verunsicherung und langfristig intaktem Aufwärtstrend. Die eigentliche Frage aber bleibt eine strategische: Kann ein Konzern gleichzeitig der größte Finanzier und der größte Verlierer der nächsten KI-Generation sein?

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