Amazon Aktie: Cloud-Boom trifft auf Kapitalhunger

AWS wächst mit 37 Prozent so stark wie seit Jahren, doch die hohen KI-Investitionen drücken den freien Cashflow von Amazon in den negativen Bereich.

Die Kernpunkte:
  • AWS-Umsatz steigt um 37 Prozent
  • Investitionen erreichen 220 Milliarden Dollar
  • Freier Cashflow rutscht ins Minus
  • Bezos verkauft weitere Amazon-Aktien

Amazon steckt gerade in einem Balanceakt. Die Cloud-Sparte AWS wächst so schnell wie seit viereinhalb Jahren nicht mehr. Zeitgleich frisst der Ausbau der KI-Infrastruktur so viel Kapital, dass der freie Cashflow ins Minus gerutscht ist. Die Aktie gab zuletzt um 1,97 Prozent nach und schloss bei 236,10 Euro — nach einem Plus von 15,40 Prozent binnen sieben Handelstagen bleibt das nur eine kurze Verschnaufpause.

Die Marktkapitalisierung liegt bei 2.534 Milliarden Euro. Der entscheidende Konflikt dahinter: Kann Amazon seinen Auftragsbestand schnell genug in Gewinn verwandeln, um die explodierenden Investitionskosten zu rechtfertigen?

Die Kennzahl, die alles entscheidet

AWS meldete im zweiten Quartal 2026 ein Umsatzwachstum von 37 Prozent. Das ist das schnellste Tempo seit 18 Quartalen. Der Auftragsbestand der Cloud-Sparte kletterte auf 496 Milliarden Dollar — eine Verdopplung binnen eines Jahres.

AWS-Chef Matt Garman sagte kürzlich, die Kapazitäten seien bis 2028 größtenteils verplant. Die Nachfrage übersteigt also das Angebot an Serverkapazität. Gleichzeitig steigt die geplante Investitionssumme für 2026 auf 220 Milliarden Dollar, nach zuvor angekündigten 200 Milliarden. Genau in dieser Lücke zwischen Nachfrage und Kapitalbedarf entscheidet sich, wie der Markt die Aktie in den kommenden Monaten bewertet.

Das bullische Szenario: Nachfrage, die sich nicht abschütteln lässt

Das Hauptargument für steigende Kurse ist simpel: AWS wächst schneller, als Amazon bauen kann. Weltweit laufen noch immer 85 Prozent aller IT-Ausgaben auf eigenen Servern statt in der Cloud. Diese Verschiebung dürfte AWS über Jahre hinweg Rückenwind geben.

Analysten bleiben entsprechend optimistisch. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 278,74 Euro — das wäre ein Potenzial von gut 18 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs. Auch das technische Bild stützt die Bullen. Trotz des jüngsten Rücksetzers notiert die Aktie rund 16 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt, ein Zeichen für einen intakten mittelfristigen Trend.

Das bärische Szenario: Die verdeckten Schulden des KI-Wettlaufs

Die Kehrseite zeigt sich in der Bilanz. Der freie Cashflow der vergangenen zwölf Monate ist auf minus 7,6 Milliarden Dollar gefallen — im Vorjahr standen noch plus 18,2 Milliarden zu Buche. Hinzu kommen 137,21 Milliarden Dollar an künftigen Leasingverpflichtungen für Rechenzentren und Lagerhallen, die in der klassischen Schuldenrechnung noch gar nicht voll erfasst sind.

Parallel dazu verkauft Amazon-Gründer Jeff Bezos im Rahmen eines langfristig angelegten Programms weiter Aktien ab — 15 Millionen Stück insgesamt, davon allein am Mittwoch rund 1,21 Millionen. Die Verkäufe laufen nach einem vorab festgelegten Plan. Der Zeitpunkt fällt dennoch auf, denn die Aktie notiert aktuell gut fünf Prozent unter ihrem Rekordhoch von 249,00 Euro.

Kommt hinzu: Die Umsatzprognose für das dritte Quartal liegt mit 197 bis 202 Milliarden Dollar unter manchen Markterwartungen. Sollte das nicht reichen, um die steigenden Betriebskosten zu kompensieren, könnten Anleger den sinkenden Cashflow stärker abstrafen.

Ausblick: Der Auftragsbestand als Nagelprobe

Solange das AWS-Wachstum über der Marke von 30 Prozent bleibt und der Auftragsbestand von 496 Milliarden Dollar sich weiter in echte Verträge verwandelt, dürfte das fundamentale Argument für Amazon intakt bleiben. Der RSI von 62,4 zeigt zwar eine gewisse Nähe zur überkauften Zone, lässt aber noch Spielraum nach oben.

Eine Rückkehr zum Rekordhoch von 249,00 Euro würde vermutlich voraussetzen, dass sich die Investitionspläne stabilisieren oder der Weg zurück zu positivem freiem Cashflow klarer wird. In den kommenden Wochen dürfte der Markt vor allem darauf schauen, wie Amazon die 220-Milliarden-Dollar-Investition umsetzt und wie sich die Verschiebung des Prime Day auf die Zahlen des dritten Quartals auswirkt.

Ein weiterer Prüfstein: der milliardenschwere Buchgewinn aus der Anthropic-Beteiligung. Zeigt sich, dass dieser tatsächlich operative KI-Einnahmen ankündigt, dürfte die Aktie ihre aktuelle Bewertungsprämie halten. Bremsen dagegen Engpässe bei Chips oder Stromversorgung den für 2028 verplanten Kapazitätsausbau, könnte die hohe Schwankungsbreite von gut 53 Prozent einen Test des 50-Tage-Durchschnitts bei 214,59 Euro auslösen.

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