Apple entthront Nvidia: Halbleiter-Aktien zwischen Rekordgewinnen und Ausverkauf

Nvidia verliert die Marktkrone an Apple, während TSMC und ASML mit Rekordzahlen glänzen. Analysten bleiben trotz Kursrücksetzern optimistisch.

Die Kernpunkte:
  • Apple entthront Nvidia als wertvollste Firma
  • TSMC meldet fünften Rekordquartalsgewinn in Folge
  • ASML hebt Jahresprognose deutlich an
  • SK Hynix ADR startet mit Kurssprüngen

Ausgerechnet in der Woche, in der TSMC den fünften Rekordquartalsgewinn in Folge meldet und ASML eine Prognoseerhöhung nach der anderen von Analysten belohnt bekommt, verliert Nvidia den Titel als wertvollstes Unternehmen der Welt an Apple. Der Widerspruch könnte kaum größer sein. Während die Fundamentaldaten der Chipbranche weiter nach oben zeigen, reagieren die Kurse mit Nervosität und teils heftigen Ausschlägen.

Fünf Namen stehen dabei stellvertretend für die Zerrissenheit des Sektors: Nvidia, SK Hynix, ASML, AMD und TSMC. Jeder von ihnen erzählt gerade eine eigene Geschichte zwischen Rekordlauf und Konsolidierung.

Nvidia: Vom Thron gestürzt, aber nicht abgeschrieben

Der symbolische Aufreger der Woche war weniger operativer als vielmehr psychologischer Natur. Apple übernahm zwischenzeitlich die Krone als wertvollstes Unternehmen der Welt, getragen von starken iPhone-Verkäufen. Zusätzlichen Druck brachte eine Aussage aus dem US-Handelsministerium, wonach bislang nur sehr wenige H200-KI-Chips tatsächlich nach China ausgeliefert wurden – ein Hinweis darauf, wie stark die Exportkontrollen einen wichtigen Absatzmarkt weiterhin abwürgen.

Am Kurs zeigt sich die Verunsicherung deutlich. Nvidia schloss am Freitag bei 177,46 Euro, ein Minus von 2,14 Prozent an einem einzigen Tag. Auf Wochensicht steht ein Rückgang von 3,97 Prozent zu Buche, und vom 52-Wochen-Hoch bei 202,50 Euro trennen die Aktie mittlerweile 12,37 Prozent. Seit Jahresbeginn bleibt mit 10,72 Prozent dennoch ein Plus übrig.

Operativ baut Nvidia unbeirrt weiter aus: ein neues KI-Modell, eine erweiterte Präsenz im Bereich physischer KI in Japan sowie eine Partnerschaft zur Belieferung eines japanischen Konsortiums mit Rubin-Grafikprozessoren. Die Wall Street bleibt trotz der jüngsten Schwäche mehrheitlich optimistisch gestimmt, mit Kurszielen von UBS und Wells Fargo im Bereich zwischen 275 und 315 US-Dollar.

SK Hynix: Nasdaq-Party mit Kater

Kaum ein Titel im Sektor hat in den vergangenen Tagen für so viel Aufsehen gesorgt wie die neuen Nasdaq-Hinterlegungsscheine von SK Hynix. Nach dem Debüt zu 170 US-Dollar am vergangenen Donnerstag sprang das Papier am Montag um rund 27 Prozent nach oben, bevor sich der Kurs zuletzt um die 186-Dollar-Marke einpendelte.

Ausgelöst hatte die Rally eine Erstbewertung von Barclays mit einem Kursziel von 330 US-Dollar und der Einschätzung, die Aktie könne sich binnen eines Jahres verdoppeln. Analyst Simon Coles begründet seinen Optimismus mit der anhaltenden Speicherchip-Knappheit und einer erwarteten deutlichen Aufwärtsrevision bei den HBM-Preisen für 2027. Die Zustimmung an der Wall Street ist bemerkenswert breit: 36 von 37 Analysten bewerten die Aktie mit „Kaufen“ oder „Stark kaufen“, nur ein Analyst rät zum Halten.

Angesichts der Kursschwankungen sah sich sogar der Vorstandsvorsitzende genötigt, Anleger öffentlich zum Durchhalten aufzurufen und auf die anhaltend starke Chipnachfrage zu verweisen. Die Zahlen geben ihm zunächst recht: 2025 wuchs der Umsatz um 46,76 Prozent, der Gewinn legte sogar um 116,89 Prozent zu. Mit dem Start der Auslieferung von HBM4-Speicher, der rund 46 Prozent schneller arbeitet als der bisherige Standard, sichert sich das Unternehmen zudem einen Technologievorsprung im umkämpften Speichermarkt.

ASML: Rekordprognose treibt Kursziel-Welle

Kaum ein Unternehmen im Sektor hat diesen Monat für so viel Kursziel-Bewegung bei Analysten gesorgt wie ASML. JPMorgan hob sein Ziel auf 2.400 US-Dollar an, Wells Fargo auf 2.500 US-Dollar – beide mit unverändert positiver Einstufung. Noch aggressiver zeigte sich Bernstein mit einer Anhebung auf 2.623 US-Dollar, was einem Aufwärtspotenzial von 48 Prozent gegenüber dem damaligen Kurs entsprach.

Auslöser war die aktualisierte Jahresprognose für 2026. ASML hob die Umsatzerwartung im Mittel von 38 auf 44 Milliarden Euro an, die Bruttomarge soll statt 52 nun 55 Prozent erreichen. Bernstein erhöhte parallel die Prognose für EUV-Systemauslieferungen deutlich für die kommenden Jahre und rechnet mit einem jährlichen Umsatzwachstum im EUV-Geschäft von 30 Prozent.

Am Kurs zeigt sich die Euphorie in der Rückschau, aktuell aber auch die Konsolidierung. Am Freitag schloss ASML bei 1.528,00 Euro, ein Minus von 2,51 Prozent, nach einem Wochenverlust von 2,92 Prozent. Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Plus von 65,82 Prozent zu Buche, auf Zwölfmonatssicht sogar von 137,41 Prozent. Sämtliche 19 von Analysten abgegebenen Einstufungen lauten weiterhin auf „Kaufen“ oder besser.

AMD: Kursrutsch trotz steigender Kursziele

AMD zählt derzeit zu den volatilsten Werten im Sektor – und das, obwohl Analysten fast im Wochentakt ihre Kursziele anheben. UBS-Analyst Timothy Arcuri hob sein Ziel auf 700 US-Dollar an, Rosenblatt auf 665 US-Dollar, TD-Cowen-Analyst Joshua Buchalter auf 675 US-Dollar. Alle drei bekräftigten ihre Kaufempfehlung, unter anderem mit Verweis auf die für die zweite Jahreshälfte 2026 erwartete Markteinführung der Helios-KI-Serverplattform.

Der Kurs folgt dieser Logik derzeit nicht. Am Freitag gab die Aktie um 1,06 Prozent nach, auf Wochensicht summiert sich der Rückgang auf deutliche 11,31 Prozent. Auslöser war weniger unternehmensspezifisch als vielmehr die drastische Kapitalausgaben-Erhöhung von TSMC, die branchenweit Sorgen vor einer nicht nachhaltigen Investitionswelle im KI-Sektor schürte. Trotz des Rücksetzers bleibt AMD mit einem Plus von 135,55 Prozent seit Jahresbeginn einer der stärksten Werte im gesamten Sektor.

TSMC: Rekordgewinn und Milliarden-Wette in den USA

Den eindeutigsten Gewinnsprung der Woche lieferte TSMC. Der Nettogewinn kletterte um 77 Prozent auf einen Rekordwert, der Umsatz wuchs um 36 Prozent – bereits der fünfte Rekordquartal in Folge und der neunte in Folge mit zweistelligem Gewinnwachstum. Die Nachfrage nach den fortschrittlichen Chips, die TSMC unter anderem für Nvidia und Apple fertigt, zeigt keine Anzeichen einer Abkühlung.

Parallel zu den Zahlen kündigte das Unternehmen eine massive Ausweitung seines US-Engagements an: zusätzliche 100 Milliarden US-Dollar an Investitionen, womit sich das Gesamtvolumen in den Vereinigten Staaten auf rund 265 Milliarden US-Dollar summiert. Geplant sind mindestens vier weitere Fabriken in Arizona für Chiptechnologie unterhalb von 2 Nanometern sowie zusätzliche Anlagen für fortschrittliches Packaging. Die Investition zielt gezielt auf die sogenannte CoWoS-Kapazität – aktuell der eigentliche Flaschenhals, der bestimmt, wie viele KI-Beschleuniger Nvidia, AMD und die großen Cloud-Anbieter überhaupt ausliefern können.

Der Kurs spiegelt trotz der starken Zahlen die sektorweite Verunsicherung wider. Am Freitag verlor die Aktie 3,21 Prozent auf 347,00 Euro, nach einem Wochenminus von 8,80 Prozent. Seit Jahresbeginn bleibt mit 35,02 Prozent dennoch ein solides Polster.

Sektordynamik: Fünf Aktien, fünf unterschiedliche Rhythmen

Die fünf Werte bewegen sich derzeit auf deutlich unterschiedlichen Taktfrequenzen, obwohl alle von derselben KI-Infrastrukturwelle getragen werden:

  • TSMC und ASML sitzen am Ausrüstungs- und Fertigungsende der Wertschöpfungskette. Beide lieferten Prognoseerhöhungen, die von Analysten mit einer Welle an Kurszielanhebungen belohnt wurden – ihre vorgelagerte Position macht sie zu relativen Fels-in-der-Brandung-Werten im Sektor.
  • Nvidia und AMD stehen näher an der Nachfrageseite und reagieren entsprechend nervöser auf Exportkontroll-Schlagzeilen, Wettbewerbsdruck und Gewinnmitnahmen nach der langen Rally.
  • SK Hynix nimmt als frisch gelisteter Wert eine Sonderrolle ein: Die ADR-Prämie gegenüber den in Seoul notierten Aktien erreichte zwischenzeitlich rund 51 Prozent – etwa doppelt so hoch wie die vergleichbare Prämie bei TSMCs Hinterlegungsscheinen. Ein Hinweis darauf, wie stark strukturelle Faktoren rund um eine brandneue Notierung Kursschwankungen unabhängig von den eigentlichen Speicherchip-Fundamentaldaten verstärken können.

Bezeichnend ist zudem, dass TSMCs massive Kapitalausgaben-Erhöhung von Analysten explizit als möglicher Gegenwind für Nvidia, AMD und Intel eingestuft wurde – ein Beleg dafür, wie Investitionsentscheidungen an einem Glied der Kette die Stimmung an einem anderen belasten können, selbst wenn das zugrunde liegende Nachfragesignal positiv bleibt.

Wohin steuert der Halbleiter-Sektor als Nächstes?

Die kommenden Wochen dürften zeigen, wie belastbar der aktuelle KI-Investitionszyklus tatsächlich ist. TSMCs angehobene Kapitalausgaben-Prognose und die Rekordgewinne, zusammen mit ASMLs erhöhter Umsatzprognose für 2026, deuten darauf hin, dass die Nachfrage in der Ausrüstungs- und Fertigungsebene das Angebot weiterhin übersteigt. Barclays’ Einschätzung, wonach sich die Speicherchip-Knappheit 2027 noch verschärfen und sich erst 2028 nur begrenzt entspannen dürfte, spricht für anhaltenden strukturellen Rückenwind bei SK Hynix und dessen Speicherchip-Konkurrenten.

Gleichzeitig zeigen die scharfen Tagesausschläge bei Nvidia, AMD und SK Hynix, wie hoch die Bewertungssensitivität im Sektor derzeit bleibt. Jedes neue Signal zu Exportkontrollen, zur Nachhaltigkeit der Investitionsausgaben oder zur Wettbewerbsdynamik kann überproportionale Kursbewegungen auslösen. SK Hynix’ Quartalszahlen Ende Juli sowie weitere Signale aus Washington zu Chip-Exporten nach China dürften kurzfristig darüber entscheiden, ob der Sektor seinen Rekordlauf fortsetzt oder in eine tiefere Konsolidierungsphase eintritt.

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