Applied Materials Aktie: 211 Prozent in zwölf Monaten

Trotz Kurskorrektur von 18 Prozent hält Applied Materials an optimistischen Prognosen für die Chip-Nachfrage fest. Analysten sehen die Aktie fair bewertet.

Die Kernpunkte:
  • Kurs fiel 18 Prozent vom Hoch
  • Management sieht Nachfrage für acht Quartale
  • Kunden planen zwei Jahre im Voraus
  • Analysten-Konsens liegt unter aktuellem Kurs

Applied Materials steckt gerade in einem Tauziehen zweier Erzählungen. Die eine warnt vor einer platzenden KI-Blase. Die andere verspricht einen mehrjährigen Superzyklus für Chip-Ausrüster. Wer hat recht? Der Kursverlauf der letzten Woche liefert keine eindeutige Antwort — aber er zeigt, wie nervös der Markt gerade tickt.

Am Freitag schloss die Aktie bei 527,70 Euro, ein Plus von 2,03 Prozent zum Vortag. Auf Wochensicht steht dennoch ein Minus von 5,26 Prozent zu Buche. Zwei Zahlen, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen — und genau darin liegt die Geschichte.

Vom Zyklus-Ängsten zur Acht-Quartale-Sichtweite

Ende Juni erreichte die Aktie mit 647,80 Euro ihr 52-Wochen-Hoch. Seitdem ging es abwärts, aktuell liegt der Kurs 18,54 Prozent unter diesem Gipfel. Ausgelöst hat die Korrektur keine schlechte Zahl aus dem Unternehmen selbst. Stattdessen sorgten Sorgen um ein Überangebot bei High-Bandwidth-Memory-Chips und eine Rotation weg von gefragten Tech-Titeln für Verkaufsdruck.

Das Management wehrt sich gegen die These vom auslaufenden Zyklus. CEO Gary Dickerson betont eine grundlegende Verschiebung: Die Chip-Industrie war historisch für ihre Boom-Bust-Zyklen bekannt. Jetzt berichtet Applied Materials von einer „außergewöhnlichen Sichtweite“ auf die Kundennachfrage — für die nächsten acht Quartale. Große Chiphersteller reichen ihre Ausrüstungsprognosen inzwischen zwei Jahre im Voraus ein, um sich Kapazitäten für den KI-Infrastruktur-Ausbau zu sichern.

Das ist kein Detail am Rande. Wenn Kunden zwei Jahre vorausplanen, verschiebt sich die gesamte Risikologik für einen Ausrüster wie Applied Materials.

Ein Jahr mit außergewöhnlicher Dynamik

Trotz des jüngsten Rücksetzers bleibt die langfristige Kursentwicklung beeindruckend. Seit Jahresbeginn hat die Aktie 130,03 Prozent zugelegt, auf Zwölfmonatssicht sogar 211,55 Prozent. Diese Zahlen spiegeln wider, wie aggressiv der Markt den Übergang zu fortschrittlicheren Chip-Architekturen mit „Gate-all-around“-Transistoren einpreist.

Das technische Bild bleibt trotz der Korrektur solide. Der aktuelle Kurs liegt 17,34 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt von 449,70 Euro und deutlich über dem 200-Tage-Durchschnitt von 305,61 Euro. Der RSI steht bei 53,2 — die Aktie hat damit die überkaufte Zone verlassen, in der sie im Juni noch notierte. Das spricht eher für eine gesunde Konsolidierung als für eine Trendwende.

Wachstum gegen Bewertung

Die zentrale Frage für die zweite Jahreshälfte 2026 lautet: Kann das operative Wachstum mit der Kursbewertung Schritt halten? Applied Materials hat seine Erwartungen für den Halbleiterausrüstungsmarkt kürzlich nach oben korrigiert. Das Unternehmen rechnet nun mit einem Wachstum von mehr als 30 Prozent für das Kalenderjahr — getrieben vor allem durch fortschrittliches Packaging und Logikchips für KI-Anwendungen.

Der durchschnittliche Kursziel-Konsens der Wall Street liegt derzeit bei 513,52 Euro. Das sind 2,7 Prozent unter dem aktuellen Marktpreis. Ein seltener Moment: Die Marktbegeisterung läuft dem mathematischen Modell der Analysten voraus, obwohl mehrere große Häuser ihre Kursziele zuletzt angehoben haben.

Kurz gesagt: Der Markt glaubt dem Management schon mehr, als die Analystenmodelle rechtfertigen. Mit Blick auf die nächste Quartalssaison im August wird sich zeigen, ob sich die vielbeschworene „außergewöhnliche Sichtweite“ tatsächlich in einem weiter wachsenden Auftragsbuch niederschlägt — oder ob die Skeptiker recht behalten, die im HBM-Überangebot bereits die ersten Risse im Superzyklus sehen.

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