ASML Aktie: Earnings-Woche entscheidet über Richtung
ASML steht vor entscheidenden Q2-Zahlen. Starkes EUV-Geschäft trifft auf regulatorische Risiken durch den MATCH Act.

- EUV-Nachfrage auf Rekordniveau
- MATCH Act bedroht China-Geschäft
- Q2-Bericht Mitte Juli erwartet
- High-NA-Auslieferungen als Wachstumstreiber
Wenige Wochen nach einem neuen 52-Wochen-Hoch bei 1.710 Euro steht ASML vor seiner wichtigsten Bewährungsprobe des Jahres. Der Kurs schloss den Freitag bei 1.582 Euro — ein Rückgang von gut 4,8 Prozent in sieben Handelstagen. Trotzdem liegt die Aktie seit Jahresbeginn rund 60 Prozent im Plus. Hinter der Volatilität steckt ein echter Konflikt: Die stärkste EUV-Nachfrage der Unternehmensgeschichte trifft auf ein US-Gesetz, das ASMLs letzten verbliebenen Absatzkanal nach China kappen könnte.
Die entscheidende Frage
Kann der beschleunigte EUV-Nachfragezyklus — getrieben von KI-Infrastrukturausgaben — das Umsatzrisiko durch mögliche Exportkontrollen auf Immersions-DUV-Maschinen auffangen? Das ist die strukturelle Weggabelung für ASML-Investoren. Die Antwort liefert voraussichtlich der Q2-Bericht, den das Unternehmen Mitte Juli vor Marktöffnung veröffentlicht.
Das bullische Szenario: Speicher-Boom und High-NA als zweite Wachstumsachse
Die Nachfrageseite ist selten so stark gewesen. ASML hob seine Umsatzprognose für 2026 auf 36 bis 40 Milliarden Euro an. CEO Christophe Fouquet formulierte es direkt: Die Chipnachfrage übersteige das Angebot. Im ersten Quartal 2026 stiegen die Nettoumsätze um 13 Prozent auf 8,8 Milliarden Euro. Der Nettogewinn wuchs auf 2,8 Milliarden Euro — ein Plus von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Der Speicherbereich entwickelt sich zur zweiten strukturellen Wachstumsquelle. Im ersten Quartal entfielen 45 Prozent des Umsatzes auf Südkorea. Mehr als die Hälfte der Quartalslieferungen gingen in die Speicherproduktion. SK Hynix und Samsung kaufen EUV-Systeme, um die Nachfrage nach HBM und fortschrittlichem DRAM für KI-Rechenzentren zu bedienen.
Hinzu kommt der High-NA-EUV-Anlauf. ASML plant, in diesem Jahr zehn High-NA-Scanner auszuliefern. Intel nutzt sie für seinen 14A-Knoten, SK Hynix übernimmt voraussichtlich zwei Systeme für Speicheranwendungen. CFO-Bestätigungen zufolge soll das Unternehmen 2026 rund 60 Low-NA-EUV-Systeme ausliefern — 25 Prozent mehr als 2025 — und hat Kapazität für 80 Einheiten im Jahr 2027.
Der Auftragsbestand stützt die Visibilität. ASML schloss 2025 mit einem Backlog von 38,8 Milliarden Euro ab. Die Q4-Buchungen erreichten mit 13,2 Milliarden Euro einen Rekord, davon 7,4 Milliarden aus EUV-Aufträgen. Das sichert Umsätze weit in das Jahr 2027 hinein.
Microns Quartalsergebnisse liefern zusätzliche Rückendeckung. Der Speicherkonzern steigerte seinen Umsatz auf fast 42 Milliarden Dollar — eine Vervierfachung gegenüber dem Vorjahr. CEO Sanjay Mehrotra erwartet, dass angespannte Marktbedingungen über das Kalenderjahr 2027 hinaus anhalten. Das deutet darauf hin, dass Ausrüstungsbestellungen nicht nachlassen werden.
Das bärische Szenario: MATCH Act und KI-Capex-Fragilität
Der MATCH Act ist das unmittelbarste Abwärtsrisiko. Das geplante US-Gesetz würde Exportkontrollen auf alle Immersions-DUV-Maschinen ausweiten — also genau jene Kategorie, die ASML noch nach China liefern darf. China macht 19 Prozent der Netto-Systemumsätze aus. Das ist kein Randproblem.
Der MATCH Act hat einen Ausschuss passiert, aber noch nicht den vollen Kongress. Der niederländische Handelsminister reiste eigens nach Washington, um gegen das Gesetz zu argumentieren. Die betroffenen Maschinen entsprechen etwa einem Fünftel des für 2026 erwarteten Umsatzes. Mitte Juni verschärfte sich die Lage: US-Behörden äußerten den Verdacht, eine hochwertige ASML-Maschine sei möglicherweise unter Verletzung bestehender Exportregeln nach China geliefert worden. ASML wies das zurück.
Erschwerend kommt hinzu: Im ersten Quartal 2026 veröffentlichte ASML erstmals keine Auftragszahlen — einen der meistbeachteten Indikatoren der Branche. Investoren warten damit bis zum Q2-Bericht auf einen zentralen Vorwärtsindikator. Weitere offene Punkte sind ein schleppender Start bei Immersionsverkäufen und Unsicherheit rund um die ambitionierten Lieferziele für 2027.
Ein breiterer KI-Capex-Einbruch — kurzfristig wenig wahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen — würde neue Aufträge komprimieren und das hohe Bewertungsniveau unter Druck setzen.
Ausblick: Q2-Zahlen als Richtungsentscheid
ASML hat für das zweite Quartal einen Umsatz von 8,4 bis 9,0 Milliarden Euro bei einer Bruttomarge von 51 bis 52 Prozent in Aussicht gestellt. Der Bericht Mitte Juli wird auf drei Punkte besonders genau untersucht: die Auftragstrends unter der neuen Nicht-Offenlegungs-Politik, jede Aktualisierung zur China-Exposure und den Fortschritt bei High-NA-Auslieferungen.
Technisch liegt der 50-Tage-Durchschnitt bei rund 1.402 Euro — gut 12 Prozent unter dem aktuellen Kurs. Mit einem RSI von 54,8 ist die Aktie weder überkauft noch überverkauft. Der Kurs hat Spielraum nach beiden Seiten.
Landen die Q2-Zahlen am oberen Ende der Guidance und bestätigt ASML die Jahresziele mit beruhigenden Signalen zur China-Situation, könnte der Rückzug vom Allzeithoch eine Konsolidierung gewesen sein — kein Trendwechsel. Schreitet der MATCH Act im Kongress voran oder enttäuschen die Umsätze, dürfte die Lücke zwischen ASMLs ambitionierter Bewertung und einem engeren Umsatzprofil schnell sichtbar werden. Der Mitte-Juli-Termin ist damit mehr als ein regulärer Quartalsbericht: Er ist der erste echte Test, ob das Wachstumsversprechen unter regulatorischem Druck standhält.
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