ASML und TSMC vor Quartalszahlen — Intel, AMD und Marvell auf Allzeithoch-Kurs
AMD, Intel und Marvell erreichen neue Höchststände. ASML und TSMC legen im Juli Quartalsberichte vor, die über die Nachhaltigkeit der Rallye entscheiden.

- AMD mit neuem Allzeithoch
- ASML vor Q2-Zahlen am 15. Juli
- TSMC mit Rekordumsatz-Erwartungen
- Intel-Aktie verdreifacht sich
Zwei Billionen Dollar an zusätzlichem Börsenwert in einem einzigen Quartal. Was nach einer Dotcom-Reminiszenz klingt, ist die Realität im Halbleiter-Sektor zur Jahresmitte 2026. AMD, Intel und Marvell Technology notieren allesamt nahe ihrer Rekordstände, TSMC markierte gestern ein neues 52-Wochen-Hoch — und mit ASML steht der Schlüsselausrüster der gesamten Branche unmittelbar vor seinen Q2-Zahlen. Die kommenden zwei Wochen entscheiden, ob die Rallye auf fundamentalem Boden steht.
AMD: Venice-Ramp und ein Kursziel von 700 Dollar
AMD lieferte zum Halbjahresende ein Ausrufezeichen. Die Aktie schloss den Handelstag am 30. Juni mit einem Plus von knapp 8 % auf einem neuen Allzeithoch. Der Kurs liegt bei rund 508,50 Euro — ein Plus von über 166 % seit Jahresbeginn.
Getrieben wurde der Sprung von gleich zwei aggressiven Analystenaufstufungen. Wells Fargo hob das Kursziel von 505 auf 615 Dollar an. Cantor Fitzgerald legte mit einem Ziel von 700 Dollar noch deutlich drauf und argumentierte, AMD biete aktuell das stärkste Momentum im gesamten Compute-Segment.
Der Grund für die Euphorie ist handfest: AMDs Server-CPU der sechsten Generation — Codename Venice — hat Ende Mai die Serienproduktion aufgenommen. Der Chip basiert auf TSMCs 2-nm-Prozess und packt bis zu 256 Zen-6-Kerne auf einen Die. Die Zahl der Kunden in der Validierungsphase übertrifft jede vorherige Generation. Wells-Fargo-Analyst Aaron Rakers erwartet:
- Server-CPU-Umsatz 2026: 16 Mrd. Dollar
- KI-GPU-Umsatz 2026: 15,6 Mrd. Dollar
- Server-CPU-Umsatz 2028: 25 Mrd. Dollar
28 von 35 Analysten bewerten die Aktie mit „Kaufen“. Venice könnte AMDs Position im Rechenzentrumsmarkt dauerhaft verändern — vorausgesetzt, die Skalierung im zweiten Halbjahr gelingt ohne Produktionsverzögerungen.
ASML: Quartalsvorschau am 15. Juli im Fokus
Der niederländische Lithografie-Monopolist nähert sich seinen Q2-Zahlen am 15. Juli mit breiter Analystenunterstützung. ASML schloss gestern bei 1.737,80 Euro und notiert damit weniger als ein Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch.
Die Aufwertungswelle reißt nicht ab. Barclays bestätigte das Kaufrating und hob das Kursziel auf 2.000 Euro an. Bank of America zog auf 2.345 Dollar nach, ebenfalls mit Kaufempfehlung. Aletheia Capital vollzog sogar eine Kehrtwende vom Verkaufs- zum Kaufrating und verwies auf steigende Bestellungen für EUV-Maschinen.
Die Fundamentaldaten untermauern die Zuversicht. Im ersten Quartal 2026 erzielte ASML einen Umsatz von 8,77 Milliarden Euro bei einer Bruttomarge von 53 %. Der Nettogewinn lag bei 2,76 Milliarden Euro. Bereits im Geschäftsjahr 2025 waren die Erlöse um knapp 16 % auf 32,67 Milliarden Euro gestiegen.
Ein Wermutstropfen bleibt: CEO Christophe Fouquet erwartet für 2026 einen deutlichen Rückgang der China-Umsätze — eine Folge verschärfter Exportbeschränkungen. Anleger werden am 15. Juli vor allem auf die Auftragsbücher und etwaige Signale zur geopolitischen Lage schauen.
TSMC: Rekordumsatz erwartet — Barclays sieht 625 Dollar
Einen Tag nach ASML, am 16. Juli, folgt TSMC mit seinem Q2-Bericht. Die Aktie markierte gestern bei 419,00 Euro ein neues 52-Wochen-Hoch und hat seit Jahresbeginn über 53 % zugelegt.
Die Erwartungen sind hoch — und die Voraussetzungen dafür solide. Im ersten Quartal 2026 steigerte TSMC den Umsatz um 35 % auf 1.134 Milliarden NT-Dollar. Der Nettogewinn sprang um 58 % nach oben. Mit einer Nettomarge von 50,5 % operiert der weltgrößte Auftragsfertiger auf einem Niveau, das in der Industrie seinesgleichen sucht.
Für das zweite Quartal rechnet die Wall Street mit einem Umsatz von rund 40 Milliarden US-Dollar — ein Anstieg von einem Drittel gegenüber dem Vorjahr. UBS hob das Kursziel für die in Taiwan notierten Aktien auf 3.400 NT-Dollar an. Barclays ging noch weiter und setzte das ADR-Kursziel auf 625 Dollar, gestützt auf Eindrücke einer jüngsten Lieferketten-Analyse in Asien.
TSMC selbst prognostiziert ein Umsatzplus von über 30 % für das Gesamtjahr 2026 und plant Investitionen am oberen Ende der Spanne zwischen 52 und 56 Milliarden Dollar. Als exklusiver Fertiger von AMDs Venice-Chips und Zulieferer nahezu aller großen KI-Hardwareunternehmen sitzt das Unternehmen im Zentrum des gesamten Halbleiter-Ökosystems.
Marvell Technology: Custom-Silicon-Champion mit Nvidia-Rückenwind
Marvell Technology hat sich in der ersten Jahreshälfte als einer der großen Profiteure des KI-Booms positioniert. Die Aktie notiert bei 261,30 Euro — ein Plus von über 242 % seit Jahresbeginn, trotz eines Rücksetzers von rund 10 % gegenüber dem Allzeithoch aus dem Juni.
Die Analystengemeinde überschlägt sich mit Aufstufungen. UBS hob das Kursziel von 230 auf 340 Dollar, Cantor Fitzgerald von 220 auf 300 Dollar. Das höchste Ziel kommt von Keybanc: 385 Dollar, gesetzt am 18. Juni. 44 Analysten vergeben im Konsens ein „Strong Buy“.
Hinter dem Optimismus steht ein beeindruckender Wachstumskurs. Im abgeschlossenen Geschäftsjahr 2026 erzielte Marvell einen Rekordumsatz von 8,2 Milliarden Dollar, ein Plus von 42 %. Das Datencenter-Geschäft steuerte allein über 6 Milliarden Dollar bei.
Ein strategischer Meilenstein stärkt die Position zusätzlich: Nvidia investierte 2 Milliarden Dollar in Marvell und integrierte das Unternehmen über NVLink Fusion in sein KI-Ökosystem. Die Unternehmensführung peilt für das Geschäftsjahr 2027 einen Umsatz von rund 11 Milliarden Dollar an — ein Sprung von 30 % gegenüber dem gerade erst aufgestellten Rekord.
Intel: Vervielfacher mit offenen Fragen
Keine Aktie im Halbleiter-Sektor polarisiert derzeit so stark wie Intel. Der Kurs hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdreifacht und notiert bei 122,32 Euro — nahe dem 52-Wochen-Hoch. Gemessen am Tief vor rund einem Jahr bei 16,69 Euro ist die Aktie um über 630 % gestiegen. Zahlen, die man eher von Small-Cap-Spekulationen kennt.
Die jüngste Rallye wurde durch Berichte über einen Kostenvorteil gegenüber einem wichtigen Wettbewerber befeuert. Cantor Fitzgerald reagierte mit einer Kurszielerhöhung von 90 auf 150 Dollar. Intel demonstrierte auf der Computex 2026 den Xeon 6+ auf dem hauseigenen 18A-Fertigungsprozess und gab einen Vorgeschmack auf die Crescent-Island-KI-GPU.
Die Fundamentaldaten zeigen Fortschritte — mit Einschränkungen:
- Q1-Umsatz: 13,58 Mrd. Dollar, ein Plus von 7 % gegenüber dem Vorjahr
- Rechenzentrum und KI: 5,05 Mrd. Dollar Umsatz, ein Plus von 22 %
- Foundry-Segment: 16 % Wachstum, aber weiterhin defizitär
Unter dem Strich stand im ersten Quartal ein GAAP-Nettoverlust. Der freie Cashflow blieb negativ. 32 Analysten vergeben im Konsens lediglich ein „Hold“-Rating. Das Forward-KGV liegt jenseits der 150er-Marke. CEO Lip-Bu Tans Turnaround-Story steht und fällt mit der Frage, ob Intel gleichzeitig als KI-Chip-Anbieter und als Auftragsfertiger für US-Hyperscaler bestehen kann.
Earningsseason als Stresstest für die Rallye
Der Halbleiter-Sektor startet mit außergewöhnlichem Schwung in den Juli. Die Trennlinien innerhalb der Branche werden dabei klarer:
- Pure-Play-KI-Gewinner: AMD und Marvell, getrieben von explodierenden Rechenzentrum-Umsätzen
- Infrastruktur-Herzstück: TSMC als unverzichtbarer Fertiger für praktisch jeden KI-Chipentwickler
- Monopolistische Engstelle: ASML als einziger Lieferant von EUV-Lithografieanlagen
- Turnaround-Wette: Intel mit spektakulärer Kursentwicklung, aber ungelösten Profitabilitätsfragen
Der globale Foundry-Markt wuchs im ersten Quartal 2026 um 23 % auf 86 Milliarden Dollar. Barclays nannte TSMC, ASML und SK Hynix als Top-Picks für die anstehende Berichtssaison.
Zwei Wochen, die das zweite Halbjahr prägen
Der Blick richtet sich jetzt auf den 15. und 16. Juli — ASMLs und TSMCs Quartalsberichte. Beide Termine werden zum Gradmesser für die gesamte Branche. Investoren achten auf Auftragseingänge, Kapazitätsplanungen und mögliche geopolitische Störfeuer rund um China-Exportkontrollen.
Für AMD wird die Skalierung der Venice-Produktion im zweiten Halbjahr zum zentralen Bewährungstest. Marvell muss ein prognostiziertes Umsatzwachstum von rund 30 % liefern — viel Spielraum für Enttäuschungen bleibt bei der aktuellen Bewertung nicht. Und Intel steht vor der vielleicht schwierigsten Aufgabe: beweisen, dass hinter der spektakulärsten Kursrallye des Jahres mehr steckt als eine Wette auf Potenzial. Das zweite Halbjahr 2026 wird zeigen, welche dieser Narrative trägt.
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