ASML: Zwischen Rekord-Guidance und Vertrauenskrise

Trotz angehobener Jahresprognose fällt die ASML-Aktie. Marktteilnehmer hinterfragen die Bewertung angesichts erwarteter Zyklusflaute und geopolitischer Risiken.

Die Kernpunkte:
  • Umsatzziel für 2026 deutlich erhöht
  • Aktie verliert trotz positiver Aussichten
  • Servicegeschäft treibt Bruttomarge auf 54 Prozent
  • Geopolitische Risiken belasten weiterhin die Bewertung

ASML liefert gerade eine der auffälligsten Divergenzen im Halbleitersektor. Das Management hat die Umsatzprognose für 2026 kräftig angehoben, auf 43 bis 45 Milliarden Euro. Zuvor stand eine Spanne von 36 bis 40 Milliarden Euro im Raum. Die Aktie reagierte trotzdem mit einem Rückgang von 5,1 Prozent innerhalb von sieben Handelstagen und schloss zuletzt bei 1.509,60 Euro.

Der Kurs notiert damit 2,9 Prozent unter seinem 50-Tage-Durchschnitt. Der Markt diskutiert offenbar nicht mehr, ob ASML wächst — sondern ob dieses Wachstum den aktuellen Preis noch rechtfertigt. Im Zentrum steht die Frage, ob eine für 2028 erwartete zyklische Verlangsamung bei Chip-Investitionen die Bewertung schon jetzt belastet.

Die entscheidende Frage

Reicht die überraschend starke Marge im Servicegeschäft aus, um die Bewertung bis 2027 zu tragen? Dann nämlich soll die massive Kapazitätserweiterung bei EUV-Systemen greifen. Bis dahin muss ASML zeigen, dass sein laufendes Geschäft stark genug ist, um die Fantasie der kommenden Ausbauphase zu rechtfertigen.

Bullen-Szenario: Der 2-Nanometer-Boom

Die Wachstumstreiber sind konkret. Chip-Fertiger wie TSMC sind Ende 2025 offiziell in die Serienproduktion für 2-Nanometer-Prozesse eingestiegen. Bis Ende 2026 soll die Kapazität dort auf bis zu 100.000 Wafer pro Monat steigen. Für ASML bedeutet das mehr Nachfrage nach den fortschrittlichsten Lithografie-Systemen des Konzerns.

Der Auftragsbestand erreichte im laufenden Zyklus bereits rund 38,8 Milliarden Euro. Besonders bemerkenswert: Das Servicegeschäft — Software-Upgrades und Systemwartung für die installierte Maschinenbasis — lief im zweiten Quartal deutlich besser als erwartet. Es trieb die Bruttomarge auf 54,0 Prozent, über der ursprünglichen Unternehmensprognose.

Je komplexer die Lithografie-Anlagen werden, desto wertvoller wird dieses margenstarke Servicegeschäft als Puffer. Das Management hat zudem eine Kapazitätserweiterung um 30 Prozent bei Low-NA-EUV- und DUV-Immersionssystemen für 2027 zugesagt. Das Signal: Langfristige Kundenverträge mit Foundries und Speicherherstellern stützen den Wachstumspfad bereits heute.

Bären-Szenario: Geopolitik und der Zyklus-Knick

Die Gegenseite argumentiert mit der Bewertung selbst. Der Kurs liegt aktuell 147 Prozent über seinem 52-Wochen-Tief von 611,70 Euro — ein erheblicher Teil des KI-Infrastruktur-Booms ist damit bereits eingepreist. Analysehäuser wie Gartner rechnen für 2028 mit einer zyklischen Pause bei den Investitionen in Chip-Fertigungsanlagen. Das könnte den Auftragseingang zeitweise abkühlen.

Der eigentliche Risikofaktor bleibt aber geopolitisch. Diskussionen über schärfere Exportkontrollen belasten weiterhin die Aussichten für DUV-Lieferungen und Servicekontrakte, insbesondere im chinesischen Markt. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 43 Prozent zeigt: Die Aktie reagiert nach wie vor empfindlich auf handelspolitische Nachrichten.

Sollten Foundries ihre mittelfristigen Investitionspläne wegen makroökonomischer Unsicherheit nach unten korrigieren, gerät die Bewertung von ASML unter zusätzlichen Druck. Vom 52-Wochen-Hoch bei 1.748,00 Euro aus dem Juni ist der Kurs bereits rund 14 Prozent entfernt.

Ausblick: Unterstützung und nächster Prüfstein

Solange sich die Aktie in dieser Konsolidierungsphase bewegt, gilt der 200-Tage-Durchschnitt bei 1.250,99 Euro als wichtigste strukturelle Unterstützung für langfristig orientierte Anleger. Der RSI von 48,0 signalisiert weder eine überkaufte noch eine überverkaufte Situation. Der Rückgang von 4,5 Prozent auf Monatssicht liest sich damit eher als Neujustierung der Erwartungen — nicht als Bruch mit der KI-Wachstumsstory.

Der nächste wichtige Test kommt Ende 2026. Dann muss ASML belegen, dass die angehobene Umsatzprognose von bis zu 45 Milliarden Euro tragfähig ist. Trifft der Konzern in den kommenden Quartalen einen Umsatz zwischen 11,0 und 12,0 Milliarden Euro bei Margen über 55 Prozent, spricht vieles für eine Fortsetzung des langfristigen Aufwärtstrends — der auf Zwölfmonatssicht bislang bei 138 Prozent liegt.

Ein nachhaltiger Ausbruch über den 50-Tage-Durchschnitt von 1.554,68 Euro wäre das erste technische Signal dafür, dass der Markt seinen Blick wieder auf die EUV-Ausbauphase 2027 richtet. Sollte hingegen der Zeitplan für den EUV-Rollout nach hinten verschoben werden, droht ein erneuter Test der Unterstützungszonen nahe dem Jahresdurchschnitt. Als nächster übergeordneter Termin gilt der für Juni 2027 erwartete Capital Markets Day, auf dem ASML seine strategische Roadmap bis 2030 aktualisieren will.

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