Auftragsbuch gegen Zins: Rüstung, Netze und Gold im Realitätstest
JPMorgan stuft europäische Rüstungswerte unterschiedlich ein, während Siemens Energy US-Kraftwerke liefert und hohe Anleiherenditen Gold belasten.

- JPMorgan bevorzugt BAE Systems, Leonardo und Babcock
- Rheinmetall bleibt unter JPMorgan-Beobachtung
- Boeing erhält US-Marine-Auftrag über 20 Milliarden Dollar
- Siemens Energy liefert mobile Kraftwerke in die USA
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
volle Auftragsbücher schützen in diesem Herbst nicht vor fallenden Kursen. Das dritte Quartal endet mit den höchsten US-Anleiherenditen seit 2007. Zehnjährige US-Staatsanleihen rentieren über 5 Prozent, Öl hat im Quartal rund 40 Prozent zugelegt, und der DAX rutschte zum Monatsende unter seine 100-Tage-Linie.
Wer jetzt nach „harten“ Anlagen sucht, bekommt drei sehr verschiedene Antworten. Rüstungswerte haben volle Auftragsbücher und trotzdem fallende Kurse. Energienetze haben sichtbare Nachfrage. Und Gold zieht gegen fünf Prozent Zins den Kürzeren.
Europas Rüstung: JPMorgan sortiert die Favoriten neu
Europas Rüstungssektor ist 2026 trotz zweier Kriege ein Nachzügler. Nach Berechnung von JPMorgan liegt der Sektor im Schnitt rund 6 Prozent hinter den jeweiligen Heimatmärkten zurück. Die Bank hat ihre Liste für das vierte Quartal neu sortiert: BAE Systems, Leonardo und Babcock stehen auf „Overweight“.
MTU Aero Engines setzt JPMorgan vor dem Kapitalmarkttag am 30. November auf „Positive Catalyst Watch“. Der Rückruf der GTF-Triebwerke hat MTU rund 1 Milliarde Dollar gekostet und soll bis Jahresende weitgehend abgeschlossen sein. Leonardo bekommt dasselbe Etikett vor dem Update des Industrieplans im März 2027.
Rheinmetall dagegen landet auf „Negative Catalyst Watch“. Der Kern der Skepsis ist eine einzige Zahl: JPMorgan traut Rheinmetall für 2030 einen Umsatz von 36,9 Milliarden Euro zu, der Konzern selbst peilt 50 Milliarden Euro an.
Die Rheinmetall-Aktie notiert im Verlauf bei rund 950 Euro, nur knapp über ihrem Juni-Tief von 902,50 Euro und rund 52 Prozent unter dem Stand vor zwölf Monaten. Heute meldete Rheinmetall einen neuen US-Auftrag, der erhoffte Arminius-Milliardenauftrag steht weiter aus. Nächster Prüfstein ist die Investorenveranstaltung am 27. November, Renk folgt am 8. Dezember.
Dazu kommt eine physische Bedrohung, die in keiner Bewertungstabelle steht. Estlands Geheimdienst erklärte heute, Russland nehme europäische Rüstungsfirmen systematisch für Angriffs- und Sabotageversuche ins Visier.
Für einen Brandanschlag auf den Hersteller unbemannter Militärsysteme Milrem Robotics macht Estland Moskau verantwortlich, Russland dementiert. Die Behörde verzeichnet zunehmend Sprengstoffvorfälle. Werkschutz wird damit zur Betriebsausgabe, und Lieferverzögerungen können künftig auch politische Ursachen haben.
Während JPMorgan seine Rüstungsfavoriten neu sortiert und Sicherheitsbehörden vor gezielten Sabotageakten warnen, rückt Europas milliardenschweres Aufrüstungsprogramm stärker in den Anlegerfokus. Ein kostenloser Spezial-Report von Analyst Volkmar Michler zeigt, welche Unternehmen aus Verteidigung, Energie und Infrastruktur von den mehr als 800 Milliarden Euro profitieren könnten, die in Europas strategische Neuausrichtung fließen. Zum Spezial-Report
Die Lehre aus JPMorgans Liste lautet nicht „Rüstung meiden“, sondern „Erwartungen prüfen“. Wo ein Termin die These bald testet und die Ziele erreichbar sind, ist Rüstung ein Anker, wo die Ziele der Fantasie vorauslaufen, bleibt sie ein Risiko.
Boeing gegen Northrop: Beschaffung kennt nur einen Sieger
US-Rüstung zeigt heute die andere Seite harter Anlagen: Beschaffungsentscheidungen sind binär. Boeing hat den Zuschlag der US-Marine für ein neues Kampfflugzeug erhalten, ein Auftrag von mehr als 20 Milliarden Dollar. Northrop Grumman ging leer aus und verliert im laufenden Handel knapp 4 Prozent.
Die Northrop-Aktie markierte im Verlauf mit 422,60 Euro ein neues 52-Wochen-Tief, das März-Hoch bei 671 Euro ist weit entfernt. Boeing selbst bewegt sich kaum, die Aktie liegt aktuell bei rund 165 Euro und damit im Jahresverlauf 11 Prozent im Minus.
Der Markt bezahlt Boeing den Sieg also nicht, bestraft aber Northrop für die Niederlage. Wer US-Verteidigung als Depotanker hält, fährt mit Streuung über mehrere Hersteller besser als mit einem Einzelwert, denn ein einzelner Marine-Auftrag entscheidet über Jahre an Umsatz.
Siemens Energy: Der Strombedarf ist der stillere Anker
Der verlässlichste harte Anker des Tages liegt nicht bei Waffen, sondern bei Strom. Siemens Energy liefert mit seiner Sparte Dynamis mobile Kraftwerkslösungen mit über 1,7 Gigawatt Leistung in die USA. Hintergrund ist der stark wachsende US-Strombedarf, der Erzeugung und Netze gleichermaßen fordert. Mobile Kraftwerke sind dabei die schnellste Antwort, weil sie dort stehen können, wo der Bedarf entsteht.
Auch hierzulande fließt Kapital in physische Anlagen. Die Initiative „Made for Germany“ mit 147 Unternehmen und Investoren plant bis 2028 Investitionen von über 850 Milliarden Euro in Deutschland. Mehr als 200 Milliarden Euro davon wurden bereits 2025 umgesetzt.
Am 19. und 20. Oktober lädt die Bundesregierung zum „Invest in Germany Summit“. Wo Investitionen in Netze, Fabriken und Erzeugung in dieser Größenordnung anlaufen, sind die Ausrüster die stilleren Gewinner: Ihre Auftragsbücher füllen sich, lange bevor die Schlagzeilen über Zinsen und Öl verstummen.
Gold verliert den Wettbewerb gegen den Zins
Gold, der klassische harte Anker, ist derzeit der schwächste der drei. Die Unze notiert zwischen 4.150 und 4.200 Dollar, umgerechnet rund 3.660 Euro, und liegt damit 6,6 Prozent unter dem Stand von vor 30 Tagen.
Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 3,7 Prozent. Der Grund ist die Konkurrenz: Dreißigjährige US-Staatsanleihen rentieren mit gut 5,6 Prozent so hoch wie seit 2002 nicht, zehnjährige Bundesanleihen bei rund 3,6 Prozent.
Analysten sehen erst dann eine Rally über 4.300 Dollar, wenn der US-Arbeitsmarkt schwächelt. Danach sieht es nicht aus: Der Dienstleister ADP meldete für September 90.000 neue Stellen in der US-Privatwirtschaft, mehr als erwartet.
Auch die Inflationsdaten helfen Gold nur bedingt. In den USA fiel der PCE-Preisindex im August mit 3,4 Prozent niedriger aus als die erwarteten 3,7 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Fed-Zinserhöhung im Oktober sank daraufhin auf rund 35 Prozent, nachdem die Notenbank am 16. September auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben hatte.
Für Dezember preist der Markt weiterhin eine Anhebung mit fast 60 Prozent ein. In Deutschland stieg die Teuerung im September auf 3,3 Prozent, erstmals seit Ende 2023 über drei Prozent, getrieben von Energiepreisen mit plus 14,9 Prozent. Ökonomen erwarten deshalb eine Anhebung des EZB-Einlagenzinses auf 2,75 Prozent in diesem Jahr.
Gold schützt vor Inflation nur, wenn die Notenbanken sie laufen lassen. Solange Fed und EZB mit Zinsen antworten, ist die Anleihe der besser bezahlte harte Anker.
Der globale Kompass
Die kommenden Wochen liefern die Prüfsteine für alle drei Anker. Der Tankrabatt ab morgen dämpft die deutsche Inflation laut Berenberg um etwa 0,3 Prozentpunkte.
Der US-Arbeitsmarktbericht am Freitag entscheidet über Gold, die Fed-Sitzung am 28. Oktober über die Zinsseite. Für Rüstung zählen der 27. November bei Rheinmetall und der 30. November bei MTU. Bis dahin gilt: Harte Anlagen sind kein Selbstläufer, sondern eine Frage der Auftragslage gegen den Zins.
Stand heute, 30. September: Gold – Kaufen, halten oder verkaufen?
Wer in Gold investiert ist oder einen Einstieg prüft, sollte die Lage jetzt neu bewerten. Die Gratis-Analyse vom 30. September gibt die klare Antwort – und zeigt, warum Abwarten gerade jetzt riskanter sein kann, als es wirkt.




