Ausverkauf bei Europas Autobauern — nur BYD und CATL spielen noch Angriff

Volkswagen, Mercedes und BMW kämpfen mit massiven Einbrüchen, während chinesische Konzerne mit Rekordexporten und neuer Batterietechnik angreifen.

Die Kernpunkte:
  • VW plant Abbau von 100.000 Stellen
  • Mercedes-Benz streitet über Arbeitszeitverlängerung
  • BMW senkt Gewinnprognose drastisch
  • CATL bringt Natrium-Ionen-Batterien in Serie

Vier deutsche Autotitel kratzen an ihren Jahrestiefs, während in China ein Batteriegigant Milliarden in eine neue Zelltechnologie pumpt und ein Elektroauto-Riese die Exportzahlen um 80 Prozent steigert. Der europäische Automobilsektor erlebt gerade eine Neubewertung, die weit über konjunkturelle Schwäche hinausgeht: Was sich in dieser Woche entlud, ist das Ergebnis eines tektonischen Kräfteverschiebung zwischen westlichen Premiumherstellern und chinesischen Skalierungsmaschinen.

Volkswagen: 100.000 Stellen auf der Streichliste

Der radikalste Umbau der 89-jährigen Konzerngeschichte nimmt Gestalt an. CEO Oliver Blume kündigte am Freitag den Abbau von 100.000 Arbeitsplätzen und das Ende der Produktion an vier deutschen Standorten an: Hannover, Zwickau, Emden und das Audi-Werk in Neckarsulm. Allein in Deutschland könnten mehr als 45.000 Stellen wegfallen.

Hinzu kommt ein struktureller Befreiungsschlag: Sowohl die Kernmarke VW als auch die Komponentensparte sollen als eigenständige Unternehmen aus dem Konzern herausgelöst werden — ein Schritt, der den Weg für separate Börsengänge ebnen könnte.

Die Zahlen des ersten Quartals 2026 machen den Handlungsdruck greifbar. Der Nettogewinn schrumpfte um 28 Prozent auf 1,56 Milliarden Euro. Der Umsatz ging leicht auf 75,7 Milliarden Euro zurück. US-Zölle belasten den Konzern mit geschätzt vier Milliarden Euro pro Jahr, und in China — dem wichtigsten Einzelmarkt — brachen die Absätze im ersten Quartal um 20 Prozent ein.

Die VW-Vorzugsaktie schloss bei 74,40 Euro, nur knapp über dem frischen 52-Wochen-Tief. Seit Jahresbeginn hat der Kurs fast 30 Prozent verloren. Der durchschnittliche Analysten-Zielkurs liegt bei 110,45 Euro — eine Kluft, die zeigt, wie tief das Misstrauen des Marktes sitzt. Der Betriebsrat und die IG Metall kündigten erbitterten Widerstand an. Eine entscheidende Aufsichtsratssitzung ist für den 9. Juli angesetzt.

Mercedes-Benz: Arbeitskampf bei kollabierenden Margen

Mercedes-Benz hat den Sparschrauben eine weitere Umdrehung verpasst — und damit einen Arbeitskonflikt ausgelöst, der die Aktie auf ein neues Jahrestief drückte. Rund 90.000 der etwa 108.000 Beschäftigten erhalten die für Juli geplante Sonderzahlung — die sogenannte „Transformationskomponente“ in Höhe von 18,4 Prozent eines Monatsgehalts — erst im kommenden Jahr.

Brisanter noch: Vorstandschef Martin Brudermüller fordert eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich. Sein Argument: Deutsche Arbeit sei „im internationalen Vergleich zu teuer geworden“ — die Lohnstückkosten lagen 2024 rund 22 Prozent über dem globalen Durchschnitt. Der Betriebsrat lehnte sofort ab.

Die Ertragslage untermauert die Dringlichkeit. Im ersten Quartal 2026 lag die bereinigte Umsatzrendite der Pkw-Sparte bei mageren 4,1 Prozent. Das Konzern-EBIT sank um gut 17 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro bei einem Umsatz von 31,6 Milliarden Euro. In China wurden nur noch 112.000 Fahrzeuge abgesetzt — ein Einbruch von 27 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.

Der Kurs schloss am Freitag bei 43,27 Euro, die Aktie hat seit Jahresanfang knapp 30 Prozent eingebüßt. Bernstein-Analystin Eunice Lee bewertet den Titel mit „Market-Perform“ und warnt weiterhin vor Lieferkettenstörungen und der schleppenden E-Auto-Nachfrage. Ein Lichtblick abseits der Zahlen: Im spanischen Vitoria ist die Serienproduktion des vollelektrischen Luxusvans VLE mit 800-Volt-Architektur und über 700 Kilometern Reichweite angelaufen.

BMW: Gewinnwarnung frisst 40 Prozent Börsenwert

Der Münchner Autobauer steckt im Schraubstock zwischen einer brutalen Gewinnwarnung und einem beschleunigten Technologieumbau. Mitte Juni senkte BMW die erwartete EBIT-Marge im Automobilsegment von 4 bis 6 Prozent auf nur noch 1 bis 3 Prozent. Als Gründe nannte der Konzern den Nachfrageeinbruch in China und Störungen durch den Iran-Konflikt.

Die Folgen im Kurs sind verheerend. Seit Dezember hat die Aktie fast 40 Prozent verloren, am Freitag notierte sie bei 58,94 Euro — dem tiefsten Stand seit über fünf Jahren. Allein im laufenden Monat ging es um knapp 24 Prozent abwärts. In China fielen die Fahrzeugverkäufe im Mai um 22 Prozent, über die ersten fünf Monate summiert sich das Minus auf 20 Prozent.

Inmitten des finanziellen Drucks treibt BMW eine Fertigungsrevolution voran. Am Leipziger Werk testet der Konzern erstmals humanoide Roboter von Hexagon Robotics in der Hochvoltbatterie-Montage — die erste Anwendung von „Physical AI“ in einer europäischen Autofabrik. Ab Sommer 2026 soll der humanoide Roboter AEON in der Komponentenfertigung regulär zum Einsatz kommen.

Strukturell hat BMW außerdem die jahrzehntealte Doppelstruktur aus Stamm- und Vorzugsaktien beendet. Die im Mai beschlossene Umwandlung soll internationale Indexfonds anlocken, die duale Aktienklassen bisher mieden.

Die Analystenreaktionen fielen gemischt aus:

  • Goldman Sachs senkte das Kursziel von 107 auf 84 Euro, hält aber an der Kaufempfehlung fest — der Ausverkauf sei angesichts der starken Netto-Cash-Position übertrieben.
  • Bernstein reduzierte auf 85 Euro, Berenberg ging auf 69 Euro herunter.
  • UBS-Analyst Patrick Hummel kappte sein Ziel auf 70 Euro und warnte, eine Erholung im China-Geschäft sei vor 2028 unwahrscheinlich.

Am 30. Juli veröffentlicht BMW die Halbjahreszahlen — der erste echte Härtetest für die neue Margenguidance.

BYD: Exportrekorde trotz Pentagon-Bann

BYD liefert gerade das Lehrstück eines Unternehmens, dessen operative Stärke und geopolitische Verwundbarkeit in entgegengesetzte Richtungen laufen. Die Aktie notierte am Freitag bei 8,29 Euro und liegt damit fast 44 Prozent unter ihrem Zwölfmonatshoch. Der RSI von 20,6 signalisiert eine massiv überverkaufte Lage.

Auslöser der jüngsten Verkaufswelle war die Entscheidung des Pentagon vom 8. Juni, BYD auf die Liste chinesischer Unternehmen mit angeblichen Militärverbindungen zu setzen. Das Verbot für US-Verteidigungsaufträge tritt am 30. Juni in Kraft. BYD bestreitet jede Verbindung zum Militär und prüft rechtliche Schritte.

Die operativen Kennzahlen erzählen eine ganz andere Geschichte. Im Mai verschiffte BYD über 160.000 Fahrzeuge ins Ausland — ein Plus von 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Management hat das Exportziel für 2026 auf 1,5 Millionen Einheiten angehoben. Im vierten Quartal soll die erste europäische Fabrik in Ungarn die Produktion aufnehmen, um die EU-Zölle auf in China gebaute Elektroautos zu umgehen.

Der Umsatz für das Geschäftsjahr 2025 erreichte 804 Milliarden Yuan, der Nettogewinn fiel allerdings um 19 Prozent auf 32,6 Milliarden Yuan. Das Analysten-Konsens-Kursziel für die H-Aktie liegt bei 123,35 Hongkong-Dollar — 25 Analysten empfehlen den Kauf. Die Kluft zwischen Bewertung und Konsens zeigt, wie stark geopolitische Risiken den Kurs von den Fundamentaldaten abgekoppelt haben.

CATL: Natrium-Ionen-Technik erreicht die Marktreife

Während europäische Autobauer Kosten senken, investiert CATL Milliarden in die nächste Batteriegeneration. Am 22. Juni stellte der weltgrößte Batteriehersteller in München sein TENER-Natrium-Ionen-Speichersystem vor — ein kommerziell ausgereiftes Produkt, das die Abhängigkeit von Lithium-Lieferketten reduzieren könnte.

Die technischen Eckdaten des modularen Systems:

  • Nennkapazität über 30 MWh
  • 15.000 Zyklen bei 25 Grad Celsius — das entspricht einer Lebensdauer von 25 bis 30 Jahren
  • Mehr als 92 Prozent Restkapazität bei minus 20 Grad
  • Konfigurationen von einer bis acht Stunden Speicherdauer
  • Volle Größenkompatibilität mit Lithiumbatterien

In China sollen die ersten Systeme im September an Kunden geliefert werden, bis Jahresende peilt CATL kumulative Auslieferungen von einem Gigawattstunde an. Internationale Lieferungen folgen ab Juni 2027.

Die Fertigungskapazitäten stehen bereit. Rund fünf Milliarden Yuan flossen in Natrium-Ionen-Produktionslinien am Standort Fuding mit 40 GWh Jahreskapazität. Ein weiteres geplantes Werk in Jining soll bis zu 160 GWh liefern können. Im April sicherte sich CATL mit HyperStrong einen Dreijahresvertrag über 60 GWh — den weltweit größten kommerziellen Natrium-Ionen-Auftrag.

Am heimischen Batteriemarkt bleibt CATL dominant: Im April 2026 installierte das Unternehmen 29,06 GWh an Batterien und hielt damit einen Marktanteil von 46,6 Prozent. Die Aktie gab am Freitag allerdings um gut 5 Prozent auf 381 Yuan nach und notiert rund 19 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch. Gründer Robin Zeng hat Investoren wiederholt erklärt, dass günstige Natrium-Ionen-Batterien langfristig 30 bis 40 Prozent des bestehenden Batteriemarktes ersetzen könnten.

Drei Bruchlinien im Automarkt

Die vergangene Woche hat drei strukturelle Verwerfungen offengelegt, die den Sektor in den kommenden Quartalen prägen werden.

Der China-Schock: BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen verlieren in ihrem wichtigsten Wachstumsmarkt massiv Boden. Die Absatzrückgänge von 20 bis 27 Prozent im ersten Quartal sind keine zyklischen Dellen — chinesische Hersteller unter Führung von BYD verdrängen europäische Premiummarken in einem Tempo, dem die Traditionskonzerne bisher nichts entgegensetzen können.

Die Kostenkrise: VW verdoppelt mit 100.000 Stellen das bisherige Abbauziel. Mercedes verordnet Lohnverzicht. BMW verbucht Restrukturierungslasten in der zweiten Jahreshälfte. Die deutsche Kostenstruktur, gebaut für eine Welt hoher Volumina und üppiger Margen, passt immer weniger zu einem Markt mit steigendem Wettbewerbsdruck und zyklischem Gegenwind.

Die Technologiekluft: Während europäische Hersteller sparen, skaliert CATL eine Batterietechnologie, die Lithium in stationären Anwendungen teilweise überflüssig machen könnte. BYD steigert seine Exporte um 80 Prozent und baut seine erste europäische Fabrik. Die Innovationsdynamik hat sich verschoben.

Europas Autobauer am Scheideweg

Die kommenden sechs Wochen bringen Klarheit. BMW und Mercedes veröffentlichen Ende Juli ihre Halbjahreszahlen — der erste harte Test, ob die Sparmaßnahmen die Margen stabilisieren können. Am 9. Juli berät der VW-Aufsichtsrat über das Restrukturierungspaket. Für BYD wird der 30. Juni zum Stichtag: Dann greift der Pentagon-Bann, und die Märkte werden bewerten, ob die geopolitische Belastung weiter zunimmt oder der operative Schwung überwiegt.

CATLs Natrium-Ionen-Lieferungen ab September könnten zum Wendepunkt für eine Technologie werden, die sowohl den E-Auto- als auch den Netzstromspeichermarkt umkrempeln will. Die strukturellen Druckpunkte — Zölle, Margenverfall, wachsende Technologielücke — deuten in eine Richtung: Das nächste Kapitel der Automobilindustrie wird nicht nur in Stuttgart und Wolfsburg geschrieben, sondern mindestens ebenso in Ningde und Shenzhen.

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