Banken gegen Circle: Der Machtkampf um den digitalen Dollar eskaliert
US-Großbanken laufen Sturm gegen verzinste Stablecoins, während Circle eine nationale Banklizenz erhält. Der Machtkampf um den digitalen Dollar eskaliert.

- Circle erhält OCC-Genehmigung als National Trust
- Banken fürchten Abwanderung von 6,6 Billionen Dollar
- Eigenes tokenisiertes Einlagen-Netzwerk in Planung
- Regulierungsfrist läuft diese Woche ab
Liebe Leserinnen und Leser,
6,6 Billionen Dollar. So viel an Bankeinlagen könnte nach Schätzung des US-Finanzministeriums abwandern, sollten Stablecoins künftig Zinsen zahlen dürfen. Diese eine Zahl erklärt, warum ausgerechnet jene Großbanken, die den GENIUS Act vor einem Jahr mitverhandelt haben, jetzt gegen die eigene Handschrift lobbyieren. Während der DAX am Montag trotz neuer US-Angriffe auf Iran und steigender Ölpreise über der 25.000-Punkte-Marke blieb – gestützt von Käufern bei BASF und Deutscher Telekom –, entscheidet sich das eigentlich interessantere Rennen weit weg von der Geopolitik: im US-Fintech-Sektor, wo es um nichts Geringeres geht als die Kontrolle über die Zukunft des digitalen Dollar. Und das ausgerechnet in der Woche, in der JPMorgan, Goldman Sachs, Citigroup, Bank of America und Wells Fargo am Dienstag ihre Quartalszahlen vorlegen.
Der Stablecoin-Showdown
Der Stablecoin-Emittent Circle hat von der US-Bankenaufsicht OCC die finale Genehmigung für die „Circle National Trust“ erhalten – ein Novum für Emittenten dieser Anlageklasse und ein deutliches Aufwertungssignal für die über 300 Milliarden Dollar schwere Stablecoin-Branche. Gleichzeitig aber laufen JPMorgan, Bank of America, HSBC, Citigroup und Wells Fargo im Kongress Sturm gegen verzinste Stablecoins – dieselben Institute, die den GENIUS Act (unterzeichnet am 18. Juli 2025) einst mitgestaltet haben. Neben der Treasury-Schätzung von 6,6 Billionen Dollar möglicher Einlagenabwanderung beziffert die American Bankers Association den Schaden für die Kreditvergabekapazität der Banken auf 65 Milliarden bis 1,26 Billionen Dollar.
Pikant daran: Die Banken bauen parallel über The Clearing House ein eigenes tokenisiertes Einlagen-Netzwerk auf, das im ersten Halbjahr 2027 starten soll. Es geht ihnen also nicht darum, das Geschäftsmodell zu verhindern – sie wollen es sich selbst sichern. Der GENIUS Act verbietet Emittenten wie Circle bereits jetzt Zinszahlungen; die Banken wollen zusätzlich die Schlupflöcher für Krypto-Börsen und deren Affiliates schließen. Die Regulierer müssen die Umsetzungsregeln bis zum 18. Juli 2026 vorlegen – also in dieser Woche. Für Anleger in Circle oder klassischen US-Großbanken lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf die Berichtssaison ab Dienstag: Wie die Institute ihre Stablecoin-Strategie kommentieren, entscheidet, wessen Bilanzmodell künftig die Oberhand behält.
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Deutsche Telekom trotzt der eigenen Baustelle
Während sich Washington um digitale Einlagen streitet, liefert Bonn ein handfestes Beispiel dafür, wie ein Rücksetzer zur Kaufgelegenheit werden kann. Die Telekom-Aktie legte am Montag um bis zu 2,64 Prozent auf 26,81 Euro zu und führte damit den DAX an. JPMorgan bestätigte am 10. Juli seine Einstufung „Overweight“ mit einem Kursziel von 40 Euro – rund 53 Prozent Luft nach oben. UBS sieht den fairen Wert bei 36,20 Euro und bleibt ebenfalls bei „Buy“. Gestützt wird der Kurs vom laufenden Rückkaufprogramm: Allein in der ersten Juliwoche kaufte der Konzern 909.000 eigene Aktien im Wert von 22,5 Millionen Euro zurück, für das Gesamtjahr sind bis zu 2 Milliarden Euro vorgesehen.
Belastend wirkt weiterhin die Kritik von Großaktionären an einer engeren Holdingstruktur mit T-Mobile US – sie hatte den Kurs seit dem Februar-Hoch um rund 30 Prozent einbrechen lassen. Gegenwind kommt derweil aus dem eigenen Konzern: T-Mobile US erhöht seine Preise um etwa vier Dollar pro Monat, ein Umsatzhebel, der in den Zahlen am 23. Juli (T-Mobile US) und 6. August (Deutsche Telekom) sichtbar werden dürfte. Bei einem KGV von rund 12 und einer Dividendenrendite über 4 Prozent bietet der Rücksetzer damit einen Einstiegspunkt – vorausgesetzt, die Holdingstruktur-Debatte eskaliert nicht weiter.
BASF: Wenn ein Sechstel des Umsatzes ein Drittel des Gewinns bringt
Der Chemiekonzern treibt laut Handelsblatt-Informationen einen Teilbörsengang seiner Agrarsparte für 2027 voran – geplant ist ein Minderheitsanteil an der Frankfurter Börse, in Finanzkreisen kursiert eine Bewertung von 20 bis 30 Milliarden Euro. Die Zahlen dahinter sind bemerkenswert: Die Agrarsparte steht nur für ein Sechstel des Konzernumsatzes von 60 Milliarden Euro, erwirtschaftet mit rund 2 Milliarden Euro aber fast ein Drittel des Konzerngewinns. Genau das ist die Logik eines Sum-of-the-Parts-Falls – ein hochprofitabler, aber im Konzernverbund unterbewerteter Teil soll separat an den Markt.
Der Schritt ist Teil der „Winning Ways“-Strategie, Timing und Umfang bleiben von der Kapitalmarktlage abhängig, ein Termin im zweiten Quartal 2027 gilt als wahrscheinlich. Die BASF-Aktie gehörte am Montag mit einem Plus von bis zu 2,7 Prozent zu den stärksten DAX-Werten – ein erstes Signal, dass der Markt die Value-Story goutiert und mittelfristig Kurspotenzial für die Mutteraktie sieht.
Der ehrlichere Konsum-Indikator
Während Halbleiterwerte unter der Nahost-Unsicherheit leiden, liefert die anlaufende Berichtssaison einen nüchterneren Gradmesser für Unternehmensausgaben und privaten Konsum als jede Ölpreis-Schlagzeile. Evercore ISI hat vier „beaten-down beat and raisers“ identifiziert, die mit den Q2-Zahlen drehen könnten: Nvidia, Alphabet, Netflix und Booking Holdings. Netflix liegt rund 40 Prozent unter seinem Hoch, Booking 23 Prozent – beides klassische Indikatoren für Streaming-Ausgaben und Reisebudgets. Analyst Stan Shipley erwartet für das zweite Quartal Gewinnüberraschungen von 7 Prozent, Evercore hebt seine S&P-500-Gewinnschätzung für 2026 auf 330 Dollar an (von 310) und sieht den Index Ende 2026 bei 7.750 Punkten. Netflix legt am Donnerstag Zahlen vor; Oppenheimer bestätigt zwar „Outperform“, senkte das Kursziel aber auf 100 Dollar (von 120) – ein gemischtes Signal.
Wie robust der Konsum abseits der USA bleibt, zeigt derweil MercadoLibre: Der Börsenwert liegt bei 94 Milliarden Dollar, das Kurs-Gewinn-Verhältnis von 49 markiert ein Zehnjahrestief, während der Umsatz im ersten Quartal um 49 Prozent zulegte und das Bruttowarenvolumen um 42 Prozent. Für Anleger sind solche Werte ein präziserer Frühindikator für die globale Konsumlage als jede Schlagzeile aus dem Nahen Osten.
Dass ausgerechnet Nvidia, Alphabet und andere Schwergewichte als „beaten-down beat and raisers“ gehandelt werden, zeigt, wie stark die Abhängigkeit vieler Depots von wenigen Tech-Riesen bereits ist. Ein kostenloser Sonderreport erklärt, warum diese Konzentration 2026 riskant werden könnte und welche US-Sektoren jenseits von Big Tech laut Experten das größte Nachholpotenzial bieten. Kostenlosen Sonderreport zur Sektor-Rotation sichern
Apple gegen OpenAI – Musk mischt mit
Ein Randthema mit prominenter Besetzung: Apple hat OpenAI wegen des mutmaßlichen Diebstahls von Geschäftsgeheimnissen verklagt – die Klage sorgte umgehend für einen öffentlichen Schlagabtausch zwischen Elon Musk und Sam Altman, die sich seit dem gemeinsamen OpenAI-Start 2015 immer wieder befehden. Musk hatte im laufenden kalifornischen Verfahren gegen Altmans Umbau von OpenAI in ein Geflecht gewinnorientierter Tochtergesellschaften verloren und will das Urteil anfechten. Für Apple-Anleger bleibt der Rechtsstreit vorerst Nebensache – Citi erhöhte am Montag dennoch sein Kursziel für Apple auf 365 Dollar (von 315) und bestätigte „Buy“, ein Vertrauensbeweis, der trotz Klage und laufendem CEO-Übergang Bestand hat.
Quintessenz
Die kommenden Tage entscheiden, ob diese Nebenschauplätze zur Hauptsache werden: US-Bankzahlen am Dienstag, US-Inflationsdaten (Verbraucherpreise Dienstag, Erzeugerpreise Mittwoch) und Netflix am Donnerstag verdichten die Datenlage genau in dem Moment, in dem die Nahost-Eskalation die Schlagzeilen dominiert. Wer über die Ölpreis-Sorgen hinausblickt, findet die eigentlichen Signale für das zweite Halbjahr woanders: in Bankbilanzen, die zeigen, wie ernst die Institute die Stablecoin-Konkurrenz nehmen, in Streaming- und Handelszahlen, die den wahren Konsumpuls messen, und in einer Regulierungsfrist, die in dieser Woche abläuft, ohne dass die Wall Street bislang genau weiß, wer am Ende profitiert.
Herzlichst, Ihr
Felix Baarz
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