Bankenfusion mit Frist, Mobilfunk mit Musk: Chancen und Risiken fürs Depot

EU-Prüffrist, SpaceX-Frequenzkauf und Siemens-Energy-Rückkäufe prägen die Aktienlage; bei Evonik bleibt ein mögliches BASF-Angebot unbestätigt.

Die Kernpunkte:
  • EU-Kommission entscheidet bis 16. November
  • SpaceX-Frequenzkauf braucht noch FCC-Zustimmung
  • Siemens Energy kaufte eigene Aktien zurück
  • BASF-Sondierungen zu Evonik bleiben offen

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Brüssel hat der Commerzbank-Übernahme heute ein Verfallsdatum gegeben. UniCredit hat den Deal bei der EU-Kommission angemeldet, die Wettbewerbshüter müssen bis zum 16. November entscheiden. Damit bekommt die größte Bankenkonsolidierung Europas einen festen Termin.

Am selben Tag wirbelt Elon Musk den Telekom-Sektor mit einem Frequenzkauf durcheinander. Der DAX schob sich dank fallender Ölpreise und sinkender Anleiherenditen zurück über die Marke von 25.000 Punkten. Die eigentlichen Geschichten des Tages spielen aber in einzelnen Depots.

Commerzbank: Brüssel stellt die Uhr auf den 16. November

Für Commerzbank-Aktionäre ist die Ungewissheit jetzt befristet. UniCredit hat sich fast die Hälfte des Commerzbank-Grundkapitals gesichert, der Bund hält noch 13,3 Prozent. Die EU-Kommission kann die Übernahme bis zum 16. November mit oder ohne Auflagen freigeben oder eine vertiefte Prüfung einleiten.

Das Bundeskartellamt sah im Vorjahr keine wettbewerblichen Probleme, und die EZB tendierte laut Reuters bereits im August zur Genehmigung. Beide Banken führen inzwischen Gespräche über einen Zusammenschluss, nachdem UniCredit sich mehr als zwei Jahre um die Frankfurter bemüht hat.

Die Börse reagiert verhalten. Die Commerzbank-Aktie notiert bei 38,02 Euro, kaum verändert, aber deutlich unter dem Septemberhoch von 43,34 Euro. In den vergangenen 30 Tagen hat das Papier rund 9,5 Prozent verloren, UniCredit ähnlich viel. Die Integration belastet vorerst die harte Kernkapitalquote von UniCredit, eine EU-Sonderregelung soll hier Entlastung bringen.

Für Anleger ergibt sich daraus ein klarer Terminkalender. Die Commerzbank ist nach dem Rücksetzer günstiger als im September, und eine Freigabe ohne vertiefte Prüfung wäre das Signal, dass der politische Widerstand in Berlin wettbewerbsrechtlich nicht trägt. Das Risiko liegt in einer Vollprüfung, die den Prozess um Monate streckt.

Deutsche Telekom: Musk kauft Frequenzen, der Markt verkauft die Dividende

Der Ausverkauf bei der Telekom ist größer als die Bedrohung, die ihn ausgelöst hat. SpaceX erwirbt von Grain Management ein landesweites US-Frequenzpaket im 800-Megahertz-Band, laut Wall Street Journal für rund 8 Milliarden Dollar. Die Genehmigung der US-Aufsicht FCC steht noch aus. Zuvor hatte die FCC bereits 15.000 neue SpaceX-Satelliten im 2-Gigahertz-Bereich bewilligt.

Die Reaktion fiel heftig aus: Die Deutsche Telekom liegt bei 24,74 Euro und damit rund 8,5 Prozent im Minus, der schwerste Handelstag seit über drei Jahren. Der Grund ist die 54-Prozent-Beteiligung an T-Mobile US, deren Aktie im Verlauf rund 12 Prozent verliert und am Freitag ein neues 52-Wochen-Tief markierte. Verizon büßt rund 11 Prozent ein, AT&T gerät ebenfalls stark unter Druck.

Die Substanz hinter dem Abverkauf ist dünner, als die Kurse vermuten lassen. SpaceX bekommt 14 Megahertz Bandbreite, die drei US-Netzbetreiber halten zusammen rund 60 Megahertz im Niedrigfrequenzbereich. Satellitennutzung reduziert die spektrale Effizienz laut Experten um das Drei- bis Fünffache, effektiv bleiben also 3 bis 5 Megahertz.

Arthur D. Little erwartet für ein Starlink-Mobilfunkangebot maximal 25 bis 35 Millionen US-Kunden. JPMorgan sieht die kurzfristige Gefahr wegen nötiger Zeit und Investitionen als begrenzt. Morgan Stanley erwartet eine schrittweise Disruption vor allem in ländlichen Märkten.

Bernstein bestätigt SpaceX trotzdem mit Outperform und Kursziel 248 Dollar. Die SpaceX-Aktie notiert bei rund 145 Euro, leicht im Plus, bei einem Börsenwert von gut 2 Billionen Euro. Bemerkenswert ist die Gegenbewegung bei den Funkturmbetreibern: Crown Castle und American Tower legten im US-Handel zwischen 7 und 12 Prozent zu, weil ein hybrides Netz terrestrische Infrastruktur braucht.

Die Telekom-Aktie liegt nur knapp über ihrem Jahrestief von 23,54 Euro aus dem Juni: Wer die US-Bedrohung als Mehrjahresprojekt einschätzt, findet hier einen Dividendentitel zu Krisenkursen, wer an Musks Tempo glaubt, hält sich fern.

Siemens Energy: Rückkauf, Rückendeckung und ein Markt, der Gigawatt bestellt

Siemens Energy geht mit Rückenwind in die Quartalszahlen, aber auch mit hohen Erwartungen. Siemens Energy hat über 1,18 Millionen eigene Aktien zurückgekauft, und RBC bekräftigt vor den anstehenden Quartalszahlen seine positive Haltung zu dem Energietechnikkonzern und rechnet mit einer anhaltend guten Umsatzentwicklung.

Die Siemens-Energy-Aktie notiert bei 145,10 Euro, gut 3 Prozent fester, liegt aber weiterhin deutlich unter dem Aprilhoch von 195,38 Euro. Seit Jahresbeginn hat das Papier rund 21 Prozent gewonnen.

Der strukturelle Rückenwind kommt von zwei Seiten. Erstens Wasserstoff: EWE und die Verbund-Tochter Verbund Green Hydrogen planen bei Nordenham eine 500-Megawatt-Elektrolyseanlage bis 2032. EWE baut in Emden bereits 320 Megawatt mit Produktionsstart Ende 2027 und Salzgitter als Abnehmer.

RWE will in Lingen bis Ende 2026 200 Megawatt in Betrieb nehmen. Zweitens Rechenzentren: Moderne KI-Racks ziehen inzwischen 150 Kilowatt, und die Bundesregierung will die deutschen Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 vervierfachen.

Dazu kommt eine Wood-Mackenzie-Analyse, wonach Vier-Stunden-Batteriespeicher in allen 43 untersuchten Märkten günstiger Strom liefern als neue Gasturbinen. In Deutschland sieht das Stromversorgungskraftwerksgesetz für 2026 Ausschreibungen über rund 9 Gigawatt vor.

Meine These: Siemens Energy verkauft die Schaufeln für drei Goldgräber gleichzeitig, Elektrolyse, Netze und Rechenzentren, und der Rückkauf signalisiert, dass das Management den Abstand zum Aprilhoch als Kaufgelegenheit liest.

Das Risiko sind die Quartalszahlen selbst, denn nach 33 Prozent Kursplus in zwölf Monaten verzeiht der Markt keine Verzögerung. Bei der Mutter Siemens bleibt RBC mit Sector Perform und Kursziel 280 Euro zurückhaltender. Die Siemens-Aktie notiert bei rund 272 Euro.

Salzgitter und Evonik: Ein Upgrade, eine Übernahmewette

Bei Salzgitter kauft man eine Analystenmeinung, bei Evonik ein Gerücht. UBS stuft Salzgitter von Neutral auf Buy hoch und hebt das Kursziel von 56 auf 71 Euro. Die Salzgitter-Aktie sprang daraufhin um mehr als 13 Prozent auf rund 50 Euro. Hintergrund sind neue EU-Importbeschränkungen, die die Einfuhrquoten für Stahl drastisch senken und die Preise treiben sollen. Davon profitiert Salzgitter überproportional.

Operativ ist der Konzern noch nicht über den Berg. Im zweiten Quartal stand ein berichteter Verlust von 0,75 Euro je Aktie, für das Gesamtjahr 2026 erwarten Analysten aber 3,96 Euro Gewinn je Aktie. Die Q3-Zahlen von Salzgitter folgen am 12. November.

Bei Evonik bleibt es vorerst bei Spekulationen. Laut Insiderberichten hatte BASF Ende September rund 22,15 Euro je Aktie geboten, inklusive Schulden eine Bewertung von rund 14 Milliarden Euro, und war damit abgeblitzt.

Nun erwägt BASF laut Reuters-Insidern eine Aufstockung sowie Standort- und Beschäftigungszusagen. Offiziell ist davon nichts: Evonik spricht von einer unverbindlichen Ansprache und erklärt, derzeit fänden keine Gespräche statt; BASF bezeichnet den Ausgang der Sondierungen als offen.

Das Kuratorium der RAG-Stiftung, mit rund 43 Prozent größter Aktionär, beriet heute vertraulich über das Interesse; laut Satzung wäre eine Komplettveräußerung möglich. Die Evonik-Aktie notiert bei 21,40 Euro, markierte am Freitag ein 52-Wochen-Hoch und hat seit Jahresbeginn 60 Prozent gewonnen.

Der Markt handelt das Papier damit nur knapp unter dem kolportierten ersten Angebot: Wer jetzt einsteigt, kauft die Wette auf eine höhere zweite Offerte, die es offiziell noch gar nicht gibt, nicht mehr den Übernahmeabschlag.

SAP und Nemetschek: Gewinner einer OpenAI-Zahlenkorrektur

Ein schwächeres OpenAI ist eine gute Nachricht für Europas Software-Schwergewichte. Die Financial Times berichtete, OpenAIs annualisierter Umsatz lag Ende September bei rund 50 Milliarden Dollar, rund 20 Milliarden unter früher kolportierten Zahlen. Die Differenz erklärt sich durch die Methodik: Investoren hatten Cloud-Partnererlöse wie bei Anthropic hinzugerechnet.

Die Nasdaq verlor am Donnerstag über 1 Prozent, Halbleiteraktien gaben mehr als 3 Prozent ab. Heute meldet Bloomberg unter Berufung auf Insider, OpenAI erwarte bis Jahresende mindestens 70 Milliarden Dollar Jahresumsatz, der Börsengang ist auf frühestens 2027 verschoben.

Die deutlichste Reaktion kam aus Deutschland: SAP legte 3,7 Prozent zu, Nemetschek 4,9 Prozent. Die Logik dahinter ist, dass ein langsamer wachsendes OpenAI die Angst vor der Verdrängung etablierter Softwareanbieter dämpft.

Die Hardware-Seite bleibt dagegen auf Rekordkurs: Samsung meldete vorläufig einen operativen Rekordgewinn für das dritte Quartal, getragen vom Boom bei Speicherchips. Nvidia notiert praktisch unverändert bei rund 205 Euro, Mittwoch berichtet ASML, Donnerstag TSMC.

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Die kommende Woche liefert gleich drei Bewährungsproben für die Themen dieser Ausgabe. Montag legt Volkswagen die Q3-Absatzzahlen vor, nachdem UBS das Kursziel für die Aktie wegen des Wettbewerbsdrucks aus China gesenkt und die Einstufung Neutral belassen hat. Dienstag starten JPMorgan, Goldman Sachs und Citigroup die US-Bankenbilanzen. Mittwoch kommen die US-Verbraucherpreise, bei denen die Commerzbank einen deutlichen Anstieg erwartet.

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