Bayer Aktie: Die Lücke von 13 Milliarden ist ein Preisschild auf das Rechtsrisiko
Der Analyst sieht die Bewertungsdifferenz vor allem als Rechtsrisiko; entscheidend bleibt die noch ausstehende Genehmigung des Roundup-Vergleichs.

- Börsenwert knapp 42 Milliarden Euro
- Summe der Einzelteile: rund 55 Milliarden
- Missouri-Gericht muss Vergleich noch genehmigen
- Patentabläufe erhöhen den Druck auf Bayer
Rund 55 Milliarden Euro ergibt die Summe der Einzelteile von Bayer, an der Börse ist der Konzern knapp 42 Milliarden wert. Dazwischen stehen Nettoschulden, auslaufende Pharmapatente und ein Roundup-Vergleich in Missouri, dessen endgültige Genehmigung noch aussteht. Dieter Jaworski fragt bei diesem Fall zuerst, wie viel von der Lücke das Geschäft selbst schließen kann und wie viel ein Gericht entscheidet.

Bayer (DE000BAY0017) — Schlusskurse 22.04.2026 bis 19.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 19.10.2026.
Felix Baarz: Sechs Häuser, ein Median-Kursziel von 61,5 Euro, und selbst die vorsichtigste Schätzung liegt bei 58 Euro. Wer bei Bayer zögert, muss erklären, was all diese Analysten übersehen. Was übersehen sie?
Dieter Jaworski: Beim Ziel übersehen sie wenig. Mein eigenes faires Niveau landet ebenfalls bei rund 62 Euro, und dass ich mit sechs Häusern übereinstimme, macht mich eher nervös als stolz.
Wo ich abweiche, ist der Weg dorthin. Viele Einschätzungen lesen sich, als würde sich der Abstand mit jeder guten Pharma-Nachricht ein Stück schließen. Nubeqa hier, eine neue Phase-II-Studie bei der Tochter Vividion dort. So rechnet Bayer nicht.
Dass bei Vividion der erste Patient in eine Darmkrebsstudie aufgenommen wurde, verschiebt den Wert um praktisch nichts, das ist ein Anfang, kein Ergebnis. Was den Wert tatsächlich bewegt, sitzt in einem Gerichtssaal in Missouri und in der Bilanz. Beim Ziel ist mir der Konsens recht. Bei der Begründung ist er mir zu bequem.
Felix Baarz: Ihre Summe-der-Teile-Rechnung kommt auf rund 55 Milliarden Euro Eigenkapitalwert, der Börsenwert liegt bei knapp 42 Milliarden. Woraus besteht diese Lücke: aus Substanz, die der Markt übersieht, oder aus Risiko, das er zu Recht abzieht?
Dieter Jaworski: Überwiegend aus Risiko. Kurz zur Methode: Bei einer Summe-der-Teile-Bewertung nimmt man Agrar, Pharma und Consumer Health einzeln, bewertet jede Sparte mit den Multiplikatoren vergleichbarer Spezialisten und addiert. Ich habe diese Multiplikatoren schon bewusst unter denen von Corteva oder Haleon angesetzt.
Trotzdem bleibt eine Lücke von gut 13 Milliarden Euro. Diese Lücke ist für mich ein Preisschild auf das Rechtsrisiko, also Glyphosat vor allem, dazu PCB und Essure. Und dieses Risiko steckt in den bilanziellen Nettoschulden nicht vollständig drin.
Mein Maßstab ist eine einzige Bedingung: Solange der Roundup-Vergleich über bis zu 7,25 Milliarden Dollar nicht endgültig genehmigt ist, halte ich dieses Preisschild für berechtigt. Erst die Genehmigung macht aus einer offenen Rechnung eine mit Deckel. Ob der Deckel dann hält, ist die nächste Sorge.
Felix Baarz: „Ein Preisschild auf das Rechtsrisiko“, sagen Sie. Nur hat der Supreme Court im Juni im Fall Durnell entschieden, dass Klagen wegen fehlender Krebswarnungen durch Bundesrecht ausgeschlossen sind. Müsste das Preisschild dann nicht längst kleiner sein?
Dieter Jaworski: Kleiner ist es geworden. Verschwunden ist es nicht. Das Urteil erledigt einen bestimmten Klagetyp, den Warnhinweis-Anspruch, und genau den. Andere Argumentationslinien der Kläger bleiben offen, PCB und Essure berührt es überhaupt nicht. Hier lohnt der Blick auf den Standort.
In der EU ist Glyphosat als Wirkstoff bis Dezember 2033 genehmigt, mit Auflagen und nationalen Produktzulassungen, aber planbar. In den USA wird Haftung über Geschworene und Sammelvergleiche ausgehandelt. Das eine ist Verwaltung, das andere ist Lotterie mit Anwälten.
Was das Supreme-Court-Urteil wirklich leistet: Es stärkt Bayers Position gegenüber allen, die den Vergleich in Missouri noch angreifen wollen. Deshalb schaue ich dorthin und nicht auf das Urteil selbst.
Felix Baarz: Spitzen wir es zu: Das Gericht in Missouri lehnt den Vergleich ab. Was bleibt dann von Ihrer Rechnung?
Dieter Jaworski: Wenig, ehrlich gesagt. Dann steht Bayer wieder vor einer Rechnung ohne Obergrenze, und jeder Fortschritt im Arzneimittelgeschäft wird von Anwälten aufgezehrt, bevor er bei den Aktionären ankommt. Wer diese Aktie hält, wettet auf einen Richterspruch, ob er will oder nicht.
Felix Baarz: Für das dritte Quartal, das am 30. September endete, erwartet der Konsens 0,387 Euro Gewinn je Aktie nach einem Verlust von 0,980 Euro im Vorjahresquartal, allerdings bei leicht sinkendem Umsatz. Ist das nicht Kosmetik, Sparen statt Wachsen?
Dieter Jaworski: Sie lesen das als Schwäche. Ich lese es als genau das, was ein Konzern mit dieser Schuldenlast liefern sollte. Wer bei stagnierenden Erlösen mehr verdient, hat seine Kosten im Griff. Jeder gesparte Euro kann in die Entschuldung fließen, und die gekürzte Dividende passt ins selbe Bild. Wachstum auf Pump wäre bei Bayer das eigentliche Alarmzeichen.
Jetzt der unbequeme Teil, denn hier ist meine Rechnung am verwundbarsten. Das zentrale Dosierungspatent von Xarelto ist seit Januar 2026 abgelaufen, und in Deutschland, Spanien, Italien und anderen EU-Ländern streitet Bayer bereits mit Generikaherstellern.
Bei Eylea droht ab dem vierten Quartal 2026 in den USA Konkurrenz durch Biosimilars, also Nachahmerversionen biotechnologischer Arzneien. Das sind Produkte, die Apotheken und Krankenkassen gern austauschen, sobald es billiger geht.
Wenn das leichte Umsatzminus Quartal für Quartal tiefer frisst und Nubeqa, Finerenon und Asundexian das nicht rechtzeitig auffangen, trägt die Kostendisziplin nicht mehr. Sparen kann man nur einmal.
Dann fehlt das Geld für den Schuldenabbau, und meine Rechnung kippt, auch wenn Missouri gut ausgeht. Asundexian liegt immerhin bei der EMA zur Prüfung, in den USA und China sogar priorisiert. Geprüft heißt allerdings noch nicht zugelassen.
Felix Baarz: Sie haben die Lücke von gut 13 Milliarden Euro ein Preisschild auf das Rechtsrisiko genannt, berechtigt, solange der Vergleich nicht endgültig genehmigt ist. Ist diese Lücke heute zu groß oder fair bepreist?
Dieter Jaworski: Zu groß. Die Lücke preist mehr ein, als der Vergleich an Zahlungen deckelt, und sie ignoriert, worauf das Agrargeschäft steht: Im Saatgut teilt sich Bayer den Weltmarkt im Kern mit Syngenta. Dazu kommt eine Zulassungsinfrastruktur, die kein Neuling in zehn Jahren nachbaut, und kein Farmer wechselt bei patentierten Sojasorten über Nacht den Lieferanten.
Mehr als dieses Fundament braucht es nicht, um den heutigen Preis zu tragen. Den Rest muss Bayer sich erst verdienen, und zwar in einer Reihenfolge, die der Konsens unterschätzt: zuerst der Richter, dann die Pharma-Brücke über die Patentlücke, zuletzt die Schulden.
Ich gewichte die Entscheidung in Missouri schwerer als jede Studie und jede Kaufempfehlung zusammen. Fällt sie positiv aus, ist der Abstand zum fairen Wert eher zu klein geschätzt als zu groß. Fällt sie negativ aus, rede ich über eine andere Aktie.
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