Bayer Aktie: Kommt die Glyphosat-Befreiung?

Die Genehmigung des Glyphosat-Vergleichs ist offen; zugleich meldet Bayer Verkäufe und operative Kennzahlen aus dem zweiten Quartal.

Die Kernpunkte:
  • Gerichtsanhörung zum Vergleich hat stattgefunden
  • Richterspruch in Missouri steht noch aus
  • Amundi hält 3,04 Prozent der Stimmrechte
  • Pharma-Ergebnis sank im zweiten Quartal um 3,6 Prozent

Vor Gericht im US-Bundesstaat Missouri hat Mitte September die Anhörung zur finalen Genehmigung des 7,25 Milliarden USD schweren Roundup-Vergleichs stattgefunden. Die juristische Hängepartie rund um den Unkrautvernichter Glyphosat geht damit in ihre womöglich entscheidende Phase. Eine offizielle Entscheidung des Gerichts steht noch aus und wird zu einem späteren Zeitpunkt erwartet.

Für die Leverkusener markiert dieses schwebende Verfahren den wichtigsten Katalysator des laufenden Jahres. Nach Jahren milliardenschwerer Belastungen und strategischer Unsicherheit stehen Anleger nun vor der Frage, ob der Pharma- und Agrarkonzern einen dauerhaften Schlussstrich unter die US-Klagewellen ziehen kann oder ob weiterhin unkalkulierbare Restrisiken die Bewertung belasten.

Der juristische Deckel auf den Altlasten

Die entscheidende Frage für die künftige Wertentwicklung lautet: Akzeptiert das US-Gericht die ausgehandelte Einigung über 7,25 Milliarden USD in vollem Umfang und schafft damit einen tragfähigen Rechtsfrieden?

Für Bayer steht dabei die finanzielle Planbarkeit auf dem Spiel. Erst wenn der Vergleich rechtskräftig vollzogen werden kann, lässt sich der tatsächliche Liquiditätsbedarf für die Streitbeilegung verlässlich beziffern.

Die Ungewissheit über das genaue Timing und mögliche Nachbesserungsforderungen bremst das Vertrauen der Marktteilnehmer. Solange der Richterspruch aussteht, bleibt der Bewertungsabschlag auf den Agrarbereich ein prägender Faktor für die Gesamteinschätzung des DAX-Konzerns.

Dass institutionelle Investoren dem Prozess dennoch mit gewissem Optimismus begegnen, verdeutlicht die Meldung von Mitte September, wonach der Vermögensverwalter Amundi mit 3,04 Prozent der Stimmrechte die meldepflichtige Schwelle von drei Prozent an Bayer überschritten hat. Großanleger wägen derzeit präzise ab, wie viel Risiko bereits im aktuellen Kursniveau eingepreist ist.

Freie Mittel für operative Prioritäten

Im bullischen Szenario bestätigt der Richter in Missouri den vorgeschlagenen 7,25-Mrd.-USD-Vergleich ohne einschneidende Auflagen. Ein solcher Schritt würde den Weg frei machen, um die strategische Neuaufstellung unter der seit Ende Mai amtierenden Finanzvorständin Judith Hartmann zügig voranzutreiben.

Die Bilanz gewinnt parallel durch Desinvestitionen an Spielraum: Medienberichten zufolge soll der Verkauf einer Minderheitsbeteiligung am Geschäft mit LARC-Verhütungsmitteln an Apollo für 3,0 Milliarden Euro Eigenkapital noch im dritten Quartal 2026 abgeschlossen werden.

Zudem vollzog Bayer vor einigen Tagen den Verkauf des Krebsmedikaments Stivarga an Grünenthal für bis zu 375 Millionen Euro, dessen Abschluss für Ende 2026 oder Anfang 2027 avisiert ist.

Zusammen mit gezielten Zukäufen wie der im Mai vereinbarten Übernahme von Perfuse Therapeutics für bis zu 2,45 Milliarden USD – inklusive 300 Millionen USD Sofortzahlung – könnte die Pharma-Sparte ihre Pipeline für die kommenden Jahre stärken. Gelingt die juristische Befreiung, erhielte die Aktie, die gestern bei 49,50 Euro schloss, Spielraum für einen Test des 52-Wochen-Hochs von 53,86 Euro.

Das Risiko zusätzlicher Nachforderungen

Das bärische Szenario liegt in einer Verzögerung oder teilweisen Ablehnung des Vergleichsentwurfs durch das Gericht in Missouri. Sollte der zuständige Richter wesentliche Teile des Pakets beanstanden, drohen langwierige Neuverhandlungen oder ein Wiederaufflammen einzelner Geschworenenprozesse. Dies würde nicht nur die veranschlagten 7,25 Milliarden USD infrage stellen, sondern könnte zusätzlichen Mittelabfluss erfordern.

Hinzu kommen operative Bremsspuren: Im zweiten Quartal 2026 sank das bereinigte Ergebnis der Pharma-Sparte um 3,6 Prozent. Bei einem Konzernumsatz von 10,87 Milliarden Euro legte das bereinigte EBITDA im selben Zeitraum mit einem Plus von 1,9 Prozent auf 2,14 Milliarden Euro nur verhalten zu.

Sollte der Glyphosat-Kompromiss scheitern, gerieten die bestätigten Gesamtjahresziele für 2026 – ein bereinigtes EBITDA von 9,6 bis 10,1 Milliarden Euro sowie ein Kernergebnis je Aktie zwischen 4,30 und 4,90 Euro – unter verschärfte Beobachtung.

In einem solchen Umfeld könnte der Markt die Fortschritte bei den Desinvestitionen in den Hintergrund drängen und den Fokus erneut auf die hohe Verschuldung richten.

Katalysator Gerichtsentscheid setzt den Rahmen

Solange das Urteil in Missouri aussteht und die Genehmigung des Milliardenvergleichs als wahrscheinlich gilt, bleibt der übergeordnete Erholungstrend intakt. Die Notierung behauptet mit einem Abstand von 16 Prozent einen komfortablen Puffer zu ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 42,72 Euro.

Kippt das Verfahren in den USA jedoch durch unerwartete juristische Hürden, droht eine Neubewertung der Risikoprämie für den Gesamtkonzern. Der nächste entscheidende Katalysator für die weitere Richtung ist damit die Veröffentlichung des gerichtlichen Beschlusses in Missouri, gefolgt vom geplanten Vollzug des Apollo-Deals zum Ende des dritten Quartals 2026. Anleger benötigen daher vor allem Klarheit von der US-Justiz, bevor sich das langfristige Erholungspotenzial voll entfalten kann.

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