Bayer Aktie: Reicht Nubeqa, um den Xarelto-Patentverlust aufzufangen?
Neue Medikamente verbessern Bayers Perspektiven, doch Schulden und ungeklärte Rechtskosten begrenzen den Bewertungsspielraum.

- Nubeqa-Umsatzwachstum bleibt entscheidender Prüfstein
- Asundexian in China bereits zugelassen
- Xarelto-Dosierungspatent ist ausgelaufen
- Schulden und Rechtskosten belasten Bewertung
Im Gespräch mit Felix Baarz untersucht Dieter Jaworski die Spannung zwischen der neuen Wachstumserzählung um Bayers Medikamente und den finanziellen Verpflichtungen des Konzerns. Die chinesische Zulassung von Asundexian und neue Nubeqa-Studiendaten treffen auf auslaufenden Patentschutz, Preisdruck im Agrargeschäft und weiterhin offene Rechtskosten.

Bayer (DE000BAY0017) — Schlusskurse 30.04.2026 bis 27.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 27.10.2026.
Felix Baarz: Wie viel belastbare Substanz steckt in Bayer, wenn man die Schulden vollständig vom Wert der einzelnen Geschäfte abzieht?
Dieter Jaworski: Der vermeintliche Bewertungspuffer wird dann ziemlich dünn. Rechnet man mit der im Gespräch zum zweiten Quartal 2026 genannten Nettofinanzverschuldung von 33,6 Milliarden Euro, ergibt die vorliegende Bewertung der Einzelgeschäfte einen Eigenkapitalwert von rund 35,3 Milliarden Euro. Das liegt unter dem aktuellen Börsenwert. Pensionsverpflichtungen und Rechtsrisiken sind dabei noch nicht ausdrücklich abgezogen.
Das ist mein Ausgangspunkt für die Verlustseite: Schwächelt das Geschäft, trifft die Wertminderung nach Abzug der Schulden unmittelbar die Aktionäre. Mein faires Zwölfmonatsniveau liegt dennoch bei rund 61 Euro, praktisch beim Analysten-Konsens. Dafür muss Bayer allerdings Fortschritte liefern, die über eine statische Substanzrechnung hinausgehen. Einen großzügigen Sicherheitspuffer kann ich aus dieser Rechnung nicht herauslesen.
Felix Baarz: Wie teuer kann es werden, wenn Bayer die verbliebenen Glyphosat-Verfahren trotz des US-Urteils nicht wie geplant begrenzen kann?
Dieter Jaworski: Eine seriöse endgültige Rechnung lässt sich daraus noch nicht machen. Genau diese offene Rechnung wiegt für mich schwerer als kleine Unterschiede bei Bewertungsmultiplikatoren, also den Faktoren, mit denen man Geschäftsergebnisse bewertet.
Das Urteil des Supreme Court vom Juni betrifft Ansprüche wegen fehlender Krebswarnungen und deren Verhältnis zu bundesrechtlichen Kennzeichnungsvorgaben. Das entlastet Bayer erheblich. Es erledigt jedoch nicht sämtliche Verfahren; auch die endgültige gerichtliche Genehmigung des landesweiten Vergleichs stand nach den vorliegenden Angaben noch aus.
Zusätzliche Zahlungen würden Mittel binden, die für Schuldenabbau und neue Medikamente gebraucht werden. Auf der Verlustseite können sich deshalb Rechtskosten und operative Schwäche gegenseitig verschärfen. Den Gesamtbetrag dieser möglichen Belastung kenne ich nicht.
Felix Baarz: Nubeqa senkte in der Zwischenanalyse das Risiko für Metastasen oder Tod um 58 Prozent. Ist Ihre Zurückhaltung angesichts eines solchen Ergebnisses nicht übertrieben?
Dieter Jaworski: Aus dem Studienergebnis allein folgt noch kein wirtschaftlicher Beitrag, den ich heute vollständig bewerten könnte. Dafür müssten Sie mir zeigen, weshalb zusätzliche Zulassungen und Mehrumsätze bereits als gesichert gelten sollen.
Die 58 Prozent sind medizinisch eindrucksvoll. Sie beziehen sich in DASL-HiCaP auf die zusätzliche Behandlung mit Darolutamid gegenüber Placebo; beide Gruppen erhielten außerdem Hormonentzug und Bestrahlung. Für diese zusätzliche Anwendung liegt damit noch keine Zulassung vor. Asundexian hat mit der chinesischen Zulassung dagegen bereits eine konkrete behördliche Hürde genommen. Daraus folgt keine automatische Zulassung in Europa oder den USA.
Meine vorsichtig positive Sicht braucht wirtschaftliche Bestätigung. Der eine Datenpunkt, auf den ich bei den nächsten Geschäftszahlen besonders schaue, ist tatsächliches Umsatzwachstum von Nubeqa. Bleibt dieses Wachstum aus, müsste ich meine positive Gewichtung der Pharmachance zurücknehmen. Die neuen Medikamente müssen den Patentverlust auffangen.
Felix Baarz: Sie sagen: „Die neuen Medikamente müssen den Patentverlust auffangen.“ Weshalb geben Sie Bayer dann überhaupt Bewertungsspielraum, solange dieser Ausgleich noch aussteht?
Dieter Jaworski: Weil ein Medikament schon vor seinen vollständigen Umsätzen einen wirtschaftlichen Wert haben kann. Die Belege dafür sind bei Bayer stärker geworden. Ich gestehe dem Unternehmen dafür einen begrenzten Vorschuss zu.
Bei Xarelto ist der Ablauf des zentralen Dosierungspatents bereits erfolgt. Ersatzanbieter können damit Druck auf Preise und Umsätze ausüben, während neue Medikamente ihre zusätzlichen Anwendungen erst erschließen müssen. Diese zeitliche Lücke ist gefährlich. Bayer verfügt über die internationale Vertriebs- und Zulassungsinfrastruktur, um neue Präparate zu vermarkten; die Infrastruktur allein schafft allerdings noch keine Nachfrage.
Auch das Agrargeschäft ist für mich kein verlässlicher Ausgleich. Patentierte Pflanzeneigenschaften, Forschung und weltweite Produktregistrierungen erschweren neuen Wettbewerbern den Eintritt.
Die begrenzte Zahl großer Anbieter verhindert trotzdem keinen Preisdruck. Genau deshalb sind die Geschäftszahlen am 3. November wichtig: Vorherige Warnungen vor überhöhten Erwartungen waren Einschätzungen von Analysten, keine veröffentlichte Gewinnwarnung Bayers.
Felix Baarz: Anderson hat selbst Aktien gekauft und lässt durch die reduzierte Ausschüttung Geld im Unternehmen. Gewichten Sie diesen Vertrauensbeweis des Managements zu gering?
Dieter Jaworski: Die Käufe erkenne ich an. Eigenes Geld macht eine Zusage glaubwürdiger. Entscheidend bleibt, ob die Führung ihre Zusagen einlöst und die Belastungen tatsächlich kleiner werden. Vertrauen ersetzt keine Ergebnisse.
Felix Baarz: Nach der Risikosenkung um 58 Prozent in der Nubeqa-Studie: Reicht Ihnen diese Pharmachance für ein positives Gesamturteil über Bayer, oder muss zuerst der Schuldenabbau überzeugen?
Dieter Jaworski: Für ein vorsichtig positives Gesamturteil reicht sie mir, für großes Vertrauen in die Bewertung noch nicht. Ich gewichte die besseren Aussichten der neuen Medikamente inzwischen höher; auf der Verlustseite dominieren weiterhin Schulden und offene Rechtskosten.
Der Schuldenabbau muss deshalb mitziehen, bevor ich Bayer einen größeren Bewertungspuffer zugestehe. Die medizinischen Fortschritte verdienen Anerkennung, den finanziellen Beweis schuldet Bayer noch.
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