Bayer vor dem 14. September: Warum die Entschuldung zum Prüfstein wird

Bayer senkt Schuldenziel auf 30 Milliarden Euro, doch die Glyphosat-Vergleichsgenehmigung am 14. September bleibt der entscheidende Kurstreiber.

Die Kernpunkte:
  • Schuldenziel auf 30 Milliarden gesenkt
  • Apollo-Deal bringt drei Milliarden Eigenkapital
  • Glyphosat-Anhörung entscheidet über Rechtssicherheit
  • Analysten uneins über Kursentwicklung

Ausgangslage

Bayer steht vor einer Weichenstellung, die weit über die Glyphosat-Frage hinausreicht. Der Konzern hat seine Nettofinanzverschuldung im Zuge der Quartalsvorlage auf 29 bis 30 Milliarden Euro nach unten revidiert, zuvor waren 32 bis 33 Milliarden Euro angepeilt.

Möglich macht das der Deal mit Apollo-Fonds, die eine Minderheitsbeteiligung an einer neuen Gesellschaft für Langzeit-Verhütungsmittel wie Mirena, Kyleena und Jaydess übernehmen. Bayer soll dafür drei Milliarden Euro Eigenkapital erhalten, bei Mehrheit und operativer Kontrolle bleiben. Der Abschluss wird für das dritte Quartal erwartet.

Diese Entschuldungsstory trifft nun auf einen Kalender, der wenig Verschnaufpause lässt: Am 14. September verhandelt ein Gericht in Missouri über die endgültige Genehmigung des milliardenschweren Glyphosat-Vergleichs.

Für Anleger bündeln sich damit zwei Fragen zu einer einzigen Entscheidung: Trägt die operative und bilanzielle Stabilisierung so weit, dass ein juristischer Rückschlag verkraftbar wäre – oder hängt die gesamte Bewertung weiterhin am Ausgang der Glyphosat-Causa?

Die entscheidende Frage

Der Kern der Bewertung liegt im Zusammenspiel aus Schuldenabbau und Rechtssicherheit. Die Aktie notiert mit rund 49 Euro noch immer gut acht Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 53,86 Euro, hat sich aber gegenüber dem Jahrestief nahezu verdoppelt.

Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt von rund 20 Prozent zeigt, wie stark die vergangenen Monate den Kurs bereits nach oben getragen haben. Die entscheidende Kennzahl für die kommenden Wochen ist deshalb weniger der Aktienkurs selbst als die Frage, ob die Vergleichsanhörung tatsächlich am 14. September stattfindet und ohne neue Verzögerung zu einer Genehmigung führt.

Die Verschiebung vom ursprünglich geplanten 19. August, um Opt-out-Widerrufsanträge von Klägern zu bearbeiten, zeigt, dass der Prozess noch nicht abgeschlossen ist – ein gerichtlicher Verfahrensschritt, kein Etappensieg.

Bullisches Szenario

Gelingt die Genehmigung im September ohne weitere Verzögerung, hätte Bayer einen der größten Unsicherheitsfaktoren der vergangenen Jahre eingehegt. Das bis zu 7,25 Milliarden Dollar schwere Vergleichsvolumen, verteilt über bis zu 21 Jahre, würde damit planbar.

Zusammen mit dem sinkenden Schuldenstand nach dem Apollo-Deal ergäbe sich ein Bild, das Analysten wie Matthew Weston von UBS bereits Anfang August mit der Anhebung des Kurziels auf 62 Euro und der Bestätigung des Ratings „Buy“ goutiert hatten.

Auch die DZ Bank hatte ihren fairen Wert im selben Zeitraum auf 60 Euro erhöht und die operative Stabilisierung sowie die Fortschritte beim Schuldenabbau als Argument angeführt.

Sollte sich das Bild der Quartalszahlen – ein Konzernumsatz von 10,9 Milliarden Euro im zweiten Quartal und ein währungsbereinigt bestätigter Jahresausblick – fortsetzen, könnte die Rally der vergangenen zwölf Monate von 73 Prozent eine tragfähige fundamentale Basis bekommen statt einer reinen Erleichterungsbewegung zu bleiben.

Bärisches Szenario

Das Risiko liegt genau dort, wo die jüngste Verschiebung ansetzt: bei den Opt-out-Anträgen. Je mehr Kläger aus dem Sammelvergleich aussteigen, desto größer wird die Zahl der Einzelverfahren, die Bayer trotz des Vergleichs weiter beschäftigen könnten.

Eine erneute Verzögerung der Anhörung oder eine gerichtliche Ablehnung der Genehmigung würde die Rechtssicherheit, auf der ein Teil der Kursrally seit dem Jahrestief beruht, wieder infrage stellen. Skeptisch bleibt in diesem Punkt auch Michael Leuchten von Jefferies, der sein Rating „Hold“ und ein Kursziel von 46 Euro erst am 23. August bestätigt hat – deutlich unter dem aktuellen Kursniveau.

Seine Begründung: Ohne strukturelle Änderungen am Konzernzuschnitt sieht er keine nachhaltige Bewertungsverbesserung. Auch Richard Vosser von JPMorgan hatte Anfang August zwar das Overweight-Rating bestätigt, das Kursziel aber bei 50 Euro belassen – nur knapp über dem aktuellen Niveau und damit deutlich zurückhaltender als UBS oder DZ Bank.

Ausblick

Solange der Zeitplan für die Vergleichsgenehmigung hält und der Apollo-Deal wie geplant im dritten Quartal abgeschlossen wird, dürfte die Erzählung einer graduellen Entschuldung bei gleichzeitig eingehegtem Rechtsrisiko intakt bleiben.

Kippt einer dieser beiden Faktoren – etwa durch eine weitere Verschiebung der Missouri-Anhörung oder Verzögerungen beim Apollo-Closing – dürfte die Skepsis der zurückhaltenderen Analystenstimmen schnell wieder Gehör finden. Der nächste konkrete Prüfstein ist damit klar terminiert: der 14. September, an dem sich zeigt, ob die gerichtliche Genehmigung tatsächlich zustande kommt.

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