Bayer vor der Nierendaten-Frage: Wird Kerendia zum tragenden Pfeiler?
Neue Kerendia-Daten zeigen einen langsameren Nierenfunktionsverlust. Zugleich bleiben Glyphosat-Vergleich und Pharmawachstum zentrale Unsicherheiten.

- Kerendia bremst Nierenfunktionsverlust gegenüber Placebo
- Halbjahresumsatz steigt um 75 Prozent
- Bayer bestätigt Jahresziele für 2026
- Glyphosat-Anhörung auf 14. September verschoben
Ausgangslage
Bayer präsentierte am Sonntag neue Auswertungen zur Phase-III-Studie FIND-CKD. Eine Subgruppenanalyse zeigt: Der Wirkstoff Finerenon, vermarktet unter dem Namen Kerendia, verlangsamte bei Patienten mit hypertensiver Nephropathie den Rückgang der Nierenfunktion gegenüber Placebo.
Vorgestellt wurden die Daten im Rahmen des ESC-Kongresses in München, wo Bayer insgesamt elf Vortragsbeiträge platziert hatte, darunter mehrere Late-Breaking-Analysen zu chronischer Nierenerkrankung.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Kerendia soll für Bayer die Lücke füllen, die der auslaufende Patentschutz älterer Präparate hinterlässt. Im ersten Halbjahr 2026 wuchs der Umsatz des Mittels um 75 Prozent auf 603 Millionen Euro.
Die Pharma-Sparte insgesamt hielt sich im zweiten Quartal währungs- und portfoliobereinigt auf Vorjahresniveau, während Nubeqa, ein weiteres Wachstumsprodukt der Krebssparte, zulegte.
Die Aktie notiert aktuell bei 48,72 Euro, kaum verändert zum Vortag, und bewegt sich damit knapp über ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 48,57 Euro – ein Zeichen dafür, dass der Markt die Nierendaten bislang nüchtern aufnimmt, statt sie als Kurstreiber zu feiern.
Die entscheidende Frage
Für Anleger reduziert sich die Bewertung von Bayers Pharma-Zukunft zunehmend auf eine Kennzahl: das Wachstumstempo von Kerendia außerhalb der bisherigen Indikation Diabetes. Die neuen Subgruppendaten zur hypertensiven Nephropathie ohne Diabetes deuten auf ein größeres adressierbares Patientenkollektiv hin.
Ob sich daraus tatsächlich zusätzliche Verschreibungen und damit ein noch stärkeres Umsatzwachstum ergeben, entscheidet, ob Kerendia zum strukturellen Ersatz für wegbrechende Erlöse wird oder ein Nischenprodukt bleibt.
Bayer bestätigte im zweiten Quartal seine Guidance für 2026 mit einem Umsatzkorridor von 44,7 bis 47,0 Milliarden Euro und einem Core EPS zwischen 4,10 und 4,80 Euro – die Pharma-Sparte soll dabei bestenfalls moderat, um bis zu drei Prozent währungsbereinigt, wachsen.
Bullisches Szenario
Bestätigen sich die ESC-Daten in weiteren Analysen und regulatorischen Verfahren, könnte Kerendia eine Indikationserweiterung erhalten, die den adressierbaren Markt deutlich vergrößert. Bei einem Wachstumstempo, das nahe an den 75 Prozent des ersten Halbjahres bleibt, würde das Präparat binnen kurzer Zeit zu einer der tragenden Umsatzsäulen der Pharma-Division aufsteigen.
Parallel entlastet die im Juli vereinbarte Kapitalzuführung von Apollo Global Management über 3,0 Milliarden Euro die Bilanz: Bayer senkte seine Verschuldungs-Guidance für Jahresende 2026 bereits von 32–33 auf 29–30 Milliarden Euro.
Sinkende Schulden schaffen Spielraum, um Wachstumsfelder wie Kerendia oder die im Mai für bis zu 2,45 Milliarden US-Dollar übernommene Perfuse Therapeutics weiter zu finanzieren.
Bärisches Szenario
Das Risiko liegt in der Übertragbarkeit klinischer Subgruppendaten auf den breiten Praxisalltag. Positive Signale aus einer Analyse bedeuten noch keine Zulassungserweiterung – bislang handelt es sich um wissenschaftliche Präsentationen, nicht um behördliche Entscheidungen.
Zudem bleibt die juristische Altlast Glyphosat ein Belastungsfaktor: Die Anhörung zur endgültigen Genehmigung des 7,25-Milliarden-Dollar-Sammelvergleichs wurde auf den 14. September verschoben, nachdem Bayer und die Klägerseite gemeinsam mehr Zeit für die Bearbeitung von Widerrufsanträgen zu Opt-outs beantragt hatten.
Der Vergleich ist damit weiterhin nicht rechtskräftig abgeschlossen, sondern hängt von der gerichtlichen Prüfung ab. Sollte sie sich verzögern oder scheitern, träfe das Anleger, die bereits auf eine Bereinigung dieses Risikofaktors gesetzt haben. Auch operativ bleibt die Pharma-Sparte insgesamt nur stabil, nicht wachsend – Kerendia muss also andere, schwächelnde Produkte ausgleichen.
Ausblick
Solange Kerendia sein Wachstumstempo aus dem ersten Halbjahr auch in der zweiten Jahreshälfte annähernd hält und die Glyphosat-Anhörung am 14. September ohne neue Verzögerung verläuft, bleibt das aktuelle Kursniveau nahe dem 50-Tage-Durchschnitt eine plausible Basis für weitere Stabilisierung.
Kippt hingegen eines der beiden Elemente – schwächeres Kerendia-Wachstum oder eine erneute juristische Hängepartie um den Sammelvergleich – dürfte der Markt die Bewertung neu justieren.
Der nächste konkrete Prüfstein ist damit doppelt gesetzt: die Gerichtsanhörung am 14. September und die Frage, ob Bayer bei den nächsten Quartalszahlen belegen kann, dass Kerendia sein Wachstumstempo auch außerhalb der bisherigen Diabetes-Indikation hält.
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