BioNTech vor Seoul: Warum die Lungenkrebs-Daten zur Nagelprobe werden

BioNTechs Aktie legte trotz Studienabbruch und gekürzter Prognose zu. Neue Kombinationsdaten in Seoul sollen die Onkologie-Strategie stützen.

Die Kernpunkte:
  • Aktie trotzt mehreren negativen Nachrichten
  • Seoul liefert neue Kombinationsdaten
  • Umsatzprognose auf 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro gesenkt
  • Analysten bewerten BioNTech unterschiedlich

Ausgangslage

BioNTech hat in den vergangenen Wochen mehrere Etappen hinter sich gebracht: den Abbruch der Darmkrebs-Studie BNT122-01 am vergangenen Montag, die Ernennung von Guido Oelkers zum künftigen Vorstandsvorsitzenden vor rund einem Monat und Quartalszahlen, die eine deutlich gesenkte Umsatzprognose brachten.

Die Aktie hat all das bislang erstaunlich robust weggesteckt – seit den Zahlen liegt sie rund 13,5 Prozent im Plus, seit der CEO-Ankündigung rund 12,1 Prozent, seit dem Studienabbruch immerhin noch 2,6 Prozent. Der Kurs notierte am Mittwoch bei 89,70 Euro und damit rund 7,4 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt.

Jetzt zählt ein neuer Termin: Vom 12. bis 15. September präsentiert BioNTech auf der IASLC-Weltkonferenz für Lungenkrebs in Seoul neue Daten zur Kombination aus Pumitamig und dem Antikörper-Wirkstoff-Konjugat Elfetabart Drozuntecan. Es soll die erste Kombinationsdatenlage für ein PD-(L)1xVEGF-Bispecific-Immunmodulator mit einem ADC in der Lungenkrebs-Behandlung sein.

Nach dem Rückschlag bei der Darmkrebs-Studie wird Seoul zum Prüfstein dafür, ob die Onkologie-Story trägt, auf der ein Großteil der Kursfantasie seit dem 19. August ruht.

Die entscheidende Frage

Für Anleger reduziert sich die Lage auf einen Punkt: Bestätigt Pumitamig in Kombination mit dem ADC seine bisherige Konsistenz über verschiedene PD-L1-Expressionsniveaus hinweg, wie sie bereits auf dem ASCO-Jahrestreffen als dritter globaler Datensatz gezeigt wurde?

Pumitamig gilt als das zentrale Vehikel, mit dem BioNTech den Umsatzeinbruch im COVID-Geschäft kompensieren will. Im zweiten Quartal fiel der Umsatz auf 105,6 Millionen Euro von zuvor 260,8 Millionen Euro, der Nettoverlust lag bei 820,8 Millionen Euro. Die Jahresguidance wurde auf 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro gekappt.

Ohne belastbare Onkologie-Fortschritte bleibt wenig, was die Bewertung stützt – mit einer Kriegskasse von 16,6 Milliarden Euro und einem laufenden Aktienrückkaufprogramm über bis zu einer Milliarde Dollar hat das Unternehmen zwar finanziellen Spielraum, aber keinen Ersatz für klinische Substanz.

Bullisches Szenario

Bestätigen sich in Seoul konsistente Ansprechraten und ein handhabbares Sicherheitsprofil der Kombination, dürfte das die Erzählung stärken, wonach BioNTech mit Pumitamig ein Präparat mit breiter Wirksamkeit über Patientengruppen hinweg besitzt. Das würde die im August ausgelöste Rally – seinerzeit auch durch die positiven Phase-3-Daten von Modernas und Mercks personalisiertem Melanom-Impfstoff beflügelt, der denselben mRNA-Wirkmechanismus validierte – fortschreiben.

Canaccord Genuity hatte am 19. August die Kaufempfehlung bestätigt und das Kursziel auf 142 Dollar angehoben, mit Verweis auf drei zentrale Onkologie-Datenpunkte bis Jahresende und den bevorstehenden CEO-Wechsel als Katalysatoren.

Weitere anstehende Ablesungen – die Zwischenanalyse zu Gotistobart bei nicht-kleinzelligem Plattenepithelkarzinom der Lunge, die Phase-III-Zwischenanalyse zu BNT113 bei Kopf-Hals-Tumoren sowie die Primäranalyse zu TPAM bei Brustkrebs – würden im positiven Fall zusätzliche Anschlussfantasie liefern.

Bärisches Szenario

Der Abbruch der Darmkrebs-Studie zeigt, dass nicht jedes Programm hält, was die Frühphase versprach. Sollten die Seoul-Daten schwächer ausfallen als die bisherigen ASCO-Ergebnisse oder Sicherheitssignale auftauchen, würde das Zweifel an der Übertragbarkeit der Pumitamig-Erfolge auf komplexere Kombinationstherapien nähren.

Leerink Partners stufte die Aktie bereits am 19. August herab und verwies auf schwache Umsatztrends sowie generelle Risiken für die mRNA-Krebsimpfstoff-Klasse.

Auch bei institutionellen Investoren zeigte sich im zweiten Quartal ein gemischtes Bild: Während ein großer Fonds aufstockte, reduzierten andere ihre Positionen spürbar, und auch ein Vorstandsmitglied trennte sich von einem Aktienpaket im Millionenwert.

Mit einer annualisierten 30-Tage-Volatilität von 71 Prozent bleibt das Papier zudem anfällig für scharfe Ausschläge in beide Richtungen, sollte Seoul enttäuschen.

Ausblick

Solange BioNTech auf Kongressen wie in Seoul weiterhin konsistente Onkologie-Daten liefert, dürfte die seit August etablierte Erholung Bestand haben – der Abstand zum 52-Wochen-Hoch von 105,80 Euro (minus 15 Prozent) ließe dann Spielraum nach oben.

Kippt die Datenlage jedoch, insbesondere bei der Pumitamig-Kombination, droht eine Neubewertung der gesamten Onkologie-Pipeline, zumal das COVID-Geschäft als Umsatzstütze weiter schrumpft. Der nächste konkrete Prüfstein ist damit die Konferenz vom 12. bis 15. September in Seoul, gefolgt von den für die zweite Jahreshälfte angekündigten Zwischenanalysen zu Gotistobart, BNT113 und TPAM.

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