Biotech-Achterbahn: Sellas rasant, Newron und Kuros unter Druck
Sellas-Aktie profitiert von Katalysatoren, während Newron auf FDA-Signal wartet. Kuros trotz Gewinnwende unter Druck, Roche stabil.

- Sellas: Kursplus trotz REGAL-Risiko
- Newron: FDA-Meeting ohne Entwarnung
- Kuros: Gewinn erstmals, Kurs schwach
- Ocugen: Pipeline-Fortschritt, Aktie stagniert
Fünf Namen, fünf völlig unterschiedliche Geschichten – und das in derselben Woche. Während Sellas Life Sciences zum Kursraketen-Liebling der Small-Cap-Biotech-Szene avanciert, kämpft Kuros Biosciences trotz erstmals schwarzer Zahlen um Vertrauen an der Börse. Newron SpA wartet weiter auf regulatorische Entwarnung, Ocugen arbeitet geräuschlos an seiner Gentherapie-Pipeline, und Roche gibt als einziger Large Cap der Gruppe den ruhenden Pol.
Sellas Life Sciences: Nervenkitzel vor der REGAL-Entscheidung
Kaum ein Papier im Sektor zieht derzeit so viel Aufmerksamkeit auf sich wie Sellas. Grund ist die anstehende finale Auswertung der Phase-3-Studie REGAL zu Galinpepimut-S bei akuter myeloischer Leukämie, die nach dem 80. Ereignis erfolgen soll. Parallel dazu peilt das Unternehmen für das vierte Quartal 2026 Topline-Daten aus einer separaten Phase-2-Studie zu SLS009 bei neu diagnostizierter Erstlinien-AML an.
Finanziell steht Sellas mit einer Kassenposition von 138,3 Millionen US-Dollar zum Ende des zweiten Quartals solide da, in der laufenden Phase-2-Studie zu SLS009 sind bislang 28 Patienten eingeschlossen. Diese Kombination aus Kapitalpolster und nahendem Datenpunkt hat Analysten zuletzt optimistischer gestimmt.
Alliance Global hob das Kursziel Mitte August von 25 auf 35 US-Dollar an, während eine Einschätzung von Maxim auf ermutigende Moderna-Daten verwies, die für den bevorstehenden Sellas-Readout sprächen. Eine unabhängige Analyse mahnte dennoch zur Vorsicht: Die jüngsten Unternehmenszahlen stärkten zwar Finanz- und Pipeline-Seite der Story, lösten aber nicht das binäre Risiko der REGAL-Entscheidung.
An der Börse zeigte sich diese Anspannung deutlich. Gestern brach der Kurs um 6,5 Prozent auf 12,20 Euro ein – trotzdem steht über zwölf Monate ein Plus von 639 Prozent zu Buche. Auf Wochensicht bewegte sich die Aktie mit plus 8,0 Prozent wieder nach oben, über 30 Tage summiert sich der Zugewinn sogar auf 27 Prozent.
Von seinem 52-Wochen-Hoch bei 15,25 Euro, erreicht am 30. Juni, notiert das Papier aktuell rund 20 Prozent entfernt. Gemessen am 52-Wochen-Tief von 1,22 Euro im November bedeutet der aktuelle Kurs einen Zuwachs von 898 Prozent – ein Muster, wie es nur bei Katalysator-getriebenen Biotech-Werten entsteht.
Ocugen: Fortschritt ohne Kursfeuerwerk
Während bei Sellas die Nerven blank liegen, tut sich Ocugen mit spektakulären Kursbewegungen schwer – trotz handfester Pipeline-Erfolge. Die FDA erteilte dem Programm OCU410 bei geografischer Atrophie die RMAT-Bezeichnung, gestützt auf Zwölf-Monats-Daten aus Phase 2, die bei der geplanten Phase-3-Dosis eine statistisch signifikante Reduktion des Läsionswachstums um 31 Prozent zeigten. BLA- und MAA-Einreichungen sind für 2028 anvisiert.
Zusätzlich meldete das Unternehmen den Abschluss der Rekrutierung in zwei zulassungsrelevanten Studien: OCU400 bei Retinitis pigmentosa mit 140 Patienten und OCU410ST bei Morbus Stargardt mit 63 Patienten. Topline-Daten werden für das erste beziehungsweise zweite Quartal 2027 erwartet – ein Zeitplan, der Geduld von Investoren verlangt.
Finanziell hat sich die Ausgangslage deutlich verbessert. Zum Ende des zweiten Quartals verfügte Ocugen über liquide Mittel von 100,4 Millionen US-Dollar, nach 32,2 Millionen zum Ende des Vorquartals. Der Nettoverlust je Aktie lag bei 0,07 US-Dollar, nach 0,05 US-Dollar im Vorjahreszeitraum.
An der Börse hinterlässt all das kaum Spuren. Gestern schloss die Aktie bei 1,17 Euro, ein Minus von 1,2 Prozent, und bewegt sich damit weiterhin nur knapp unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 1,19 Euro. Seit Jahresbeginn steht ein Rückgang von 6,4 Prozent zu Buche, auf Zwölf-Monats-Sicht dagegen ein Plus von 30 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 2,35 Euro aus dem März trennen die Aktie derzeit rund 50 Prozent – eine Lücke, die Analysten mit Kurszielen von teils über 11 Euro für deutlich überzogen halten.
Kuros Biosciences: Gewinne wachsen, der Kurs schrumpft
Kaum ein Wert im Sektor liefert derzeit einen größeren Widerspruch zwischen operativer Realität und Börsenreaktion als Kuros Biosciences. Der Schweizer Spezialist für Knochenheilung meldete für das erste Halbjahr ein Umsatzwachstum von 45 Prozent, das bereinigte EBITDA kletterte um 61 Prozent auf 12,5 Millionen US-Dollar. Unter dem Strich stand mit 4,4 Millionen US-Dollar erstmals ein Gewinn, nach einem Verlust im Vorjahreszeitraum.
Das Management bestätigte seine Jahresziele: mindestens 35 Prozent Umsatzwachstum und eine EBITDA-Marge von rund 14 Prozent für 2026, mittelfristig sogar Umsätze im dreistelligen Millionenbereich bei einer Marge von mindestens 20 Prozent bis 2028. CEO Chris Fair sprach von einem wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu einem profitablen, wachstumsstarken Medizintechnik-Unternehmen.
Die Börse honoriert das bislang nicht. Das Markenprodukt MagnetOs gewinnt zwar Marktanteile und ist inzwischen die drittgrößte Knochenersatz-Marke in den USA, doch der Kurs bleibt schwach. Gestern gab die Aktie um 1,5 Prozent auf 22,68 Euro nach, auf Wochensicht steht ein Minus von 2,0 Prozent zu Buche. Seit Jahresbeginn hat das Papier 24 Prozent verloren, über zwölf Monate 18 Prozent.
Vom 52-Wochen-Hoch bei 37,10 Euro aus dem Oktober trennen die Aktie mittlerweile 39 Prozent, während sie sich vom Jahrestief bei 19,18 Euro immerhin um 18 Prozent erholt hat. Die Diskrepanz zwischen operativer Stärke und Kursschwäche dürfte Investoren noch länger beschäftigen.
Roche: Ruhiger Riese nahe dem Mehrmonatshoch
Roche liefert im Vergleich zu den kleineren Werten der Gruppe das ruhigere, aber ebenso robuste Bild. Mitte August erreichte die Schweizer Notierung 369,70 Franken, während die deutsche Notierung Ende vergangener Woche mit 405,40 Euro sogar ein Plus von 2,27 Prozent gegenüber dem Vortag und 5,24 Prozent auf Wochensicht verzeichnete. Damit rückt der Titel wieder in die Nähe seines Allzeithochs von rund 426,89 Euro aus dem Frühjahr 2022.
Fundamental stützt ein solides operatives Geschäft diesen Trend. Im ersten Halbjahr wuchs der Umsatz währungsbereinigt um 6 Prozent, in Franken gerechnet ergab sich wegen der Aufwertung der eigenen Währung dagegen ein Minus von 2 Prozent. Für das laufende Jahr rechnet der Konsens mit einem Gewinn je Aktie von 20,26 Franken.
Die in den USA gehandelten Papiere kommen auf eine Marktkapitalisierung von 370,337 Milliarden US-Dollar bei einem KGV von 24,21. Die nächste größere Bewährungsprobe steht mit den Quartalszahlen zum dritten Quartal am 22. Oktober an.
Newron SpA: Warten auf grünes Licht von der FDA
Newron bleibt das klarste Beispiel im Sektor für eine Aktie, die auf regulatorische Klarheit wartet. Nach dem partiellen Rekrutierungsstopp für US-Standorte der Phase-3-Studie ENIGMA-TRS 2 zu Evenamide traf sich das Unternehmen zu einem sogenannten Type-A-Meeting mit der FDA. Die Beteiligten bezeichneten das Treffen als konstruktiv und diskutierten mögliche Schritte zur Auflösung der Probleme, die zu dem Hold geführt hatten.
Evenamide gilt als First-in-Class-Glutamatmodulator mit dem Potenzial, die erste Zusatztherapie für behandlungsresistente und schlecht ansprechende Schizophrenie-Patienten zu werden. Die Zulassungsstudie ist entsprechend anspruchsvoll angelegt: Mindestens 400 Patienten sollen über zwölf Wochen randomisiert und placebokontrolliert die 15-mg-Dosis zweimal täglich erhalten. Ergebnisse zum primären Endpunkt werden weiterhin für das vierte Quartal 2026 erwartet.
Abseits von Evenamide erwirtschaftet Newron bereits Umsätze mit dem zugelassenen Parkinson-Präparat Xadago, das über Partner wie Zambon, Supernus und Meiji Seika in mehreren Regionen vertrieben wird. An der Börse zeigt sich die Unsicherheit über den weiteren Studienverlauf deutlich: Gestern fiel die Aktie um 3,7 Prozent auf 13,05 Euro, auf Wochensicht summiert sich der Rückgang auf 5,4 Prozent.
Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs damit halbiert, ein Minus von 50 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 34,15 Euro aus dem Januar trennen die Aktie inzwischen 62 Prozent – ein Ausmaß, das die Schwere des regulatorischen Rückschlags unterstreicht.
Sektordynamik im Überblick
Die fünf Werte decken nahezu das gesamte Risikospektrum der Branche ab:
- Sellas und Newron: binäre, katalysatorgetriebene Wetten, bei denen ein einzelnes Studienergebnis die Bewertung über Nacht neu definieren kann
- Ocugen: hohes Risiko, aber längerer Zeithorizont dank verbesserter Kassenlage bis 2028 und erster regulatorischer Erfolge
- Kuros: operative Wende zur Profitabilität, die der Aktienkurs bislang ignoriert
- Roche: einziger Large Cap der Gruppe, gestützt durch breit diversifiziertes Onkologie- und Diagnostikgeschäft
Kuros und Roche zeigen dabei, wie unterschiedlich der Markt kommerzielle Reife bewertet. Während Kuros trotz zweistelligem Wachstum und erstmaligem Gewinn unter Bewertungssorgen leidet, profitiert Roche von seiner Größe, Stabilität und dem verlässlichen Cashflow eines etablierten Pharmakonzerns.
Herbst 2026 als Weichenstellung für die Biotech-Riege
Die kommenden Monate dürften vom Rhythmus klinischer Datenpunkte geprägt sein. Bei Sellas richten sich alle Blicke auf das 80. Ereignis der REGAL-Studie und die anschließende finale Auswertung, ergänzt um die für das vierte Quartal erwarteten SLS009-Daten. Newron braucht im selben Zeitfenster ein positives Signal aus der ENIGMA-TRS-2-Studie, um die FDA-Gespräche in einen konkreten Weg zurück zur vollen Rekrutierung zu übersetzen.
Ocugen arbeitet unterdessen auf einer längeren Zeitachse Richtung 2027 und 2028 an gleich drei Zulassungsprogrammen. Kuros muss beweisen, dass sich die bestätigte Guidance für 2026 und 2028 endlich auch im Aktienkurs niederschlägt. Roche schließlich liefert mit den Zahlen zum dritten Quartal am 22. Oktober den nächsten Test für seine ruhige, aber beständige Aufwärtsbewegung.
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