Blackrock kauft Stromnetze, Ungarn schaltet ab: Die Woche der stillen Rotation
Europäische Banken, Eli Lillys Zulassung und Holcims Verkauf prägen die Woche. Blackrock investiert Milliarden in US-Stromnetze, während Ungarn die Stromversorgung einschränkt.

- JPMorgan hebt Stoxx-600-Ziel auf 680
- Eli Lilly erhält FDA-Zulassung für Foundayo
- Holcim verkauft Philippinen-Geschäft für 527 Mio. Dollar
- Blackrock übernimmt AES für 33 Mrd. Dollar
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
während Bitcoin über das Wochenende unter die 60.000-Dollar-Marke rutschte und binnen 24 Stunden rund eine Milliarde Dollar an Derivatepositionen liquidiert wurden, spielte sich die eigentlich lesenswerte Geschichte woanders ab: in europäischen Bankbilanzen, in einer FDA-Zulassung und in einem 33-Milliarden-Dollar-Deal um US-Stromnetze. Wer nur auf die lautesten Ausschläge schaut, verpasst die Frage, die für die kommende Woche zählt: Trägt diese Rotation in Substanzwerte, oder ist sie nur die Verschnaufpause vor der nächsten Volatilitätswelle bei Halbleitern, KI- und Space-Titeln?
Europas Banken tragen die Rally – JPMorgan erhöht das Kursziel
JPMorgan hat sein Jahresend-Kursziel für den Stoxx 600 auf 680 Punkte angehoben, nachdem der Index im ersten Halbjahr bereits 13 Prozent zugelegt hatte. Der eigentliche Motor: Europas Bankaktien, die im selben Zeitraum um 45 Prozent gestiegen sind. JPMorgan stützt die These auf fünf Säulen – eine erwartete Gewinnerholung von rund 20 Prozent, weiterhin günstige Bewertungen, Rückenwind durch die EZB, positive Makrodynamik und eine strukturelle Unterinvestition internationaler Anleger in europäische Aktien. Der MSCI Europe notiert derzeit mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14,9 bis 15,4 – nur leicht über dem 30-Jahres-Durchschnitt von 14,3. Das ist eine moderate, keine überhitzte Bewertung.
Die Kehrseite: Genau während diese Value-Story an Fahrt gewinnt, warnen Marktbeobachter vor ersten Rissen bei Halbleiter-, KI- und Space-Titeln – befeuert durch schwache Sommer-Saisonalität, dünne Liquidität und ambitionierte Bewertungen. Für ein deutsches Depot heißt das: Die Verschiebung aus teuren Wachstumsstorys in unterbewertete europäische Substanzwerte ist kein Nischenthema mehr, sondern wird von der größten US-Investmentbank explizit goutiert.
Die Verschiebung von überteuerten Tech-Storys hin zu robusten Substanzwerten zeigt sich nicht nur in Europa – auch am US-Markt rotiert Kapital längst weg von den bekannten Tech-Giganten. Ein kostenloser PDF-Sonderreport von Börsenexperte Henrik Voigt analysiert die „Rolling Recovery“-Strategie und nennt drei konkrete US-Aktien aus Sektoren mit massivem Nachholpotenzial – inklusive Name, WKN und Fahrplan zur Umsetzung. US-Sonderreport kostenlos sichern
Gesundheitswerte als defensiver Anker: Eli Lilly liefert, BioNTech wartet
Während Tech-Bewertungen unter Druck geraten, liefert der Pharmasektor konkrete Kurstreiber. Die FDA hat Eli Lillys neue Abnehm-Pille Foundayo zugelassen, ein GLP-1-Präparat zum Preis von 149 bis 349 Dollar pro Monat. In Studien zeigte sich ein Gewichtsverlust von rund 12 Prozent über 72 Wochen, und eine Medicare-Kostenübernahme wird ab Sommer 2026 als möglich diskutiert – was den adressierbaren US-Markt erheblich vergrößern würde. Das ist ein handfester, regulatorisch abgesicherter Wachstumstreiber, wie er in einem nervösen Marktumfeld selten ist.
BioNTech dagegen kommt kaum vom Fleck: Die Aktie stagniert, der Markt wartet weiter auf den entscheidenden Auslöser für eine Trendwende. Der Kontrast zeigt, wie unterschiedlich der Gesundheitssektor derzeit bewertet wird – Zulassungserfolge mit klarer Kommerzialisierungsstory werden honoriert, reine Pipeline-Hoffnung dagegen nicht mehr.
Holcim verkauft die Philippinen und hebt gleichzeitig die Prognose an
Ein konkreter M&A-Deal mit Signalwirkung: Der Schweizer Baustoffkonzern Holcim verkauft seine 68-Prozent-Mehrheit am Philippinen-Geschäft an den chinesischen Baustoffkonzern Huaxin Building Materials für 527 Millionen Dollar, umgerechnet rund 457 Millionen Euro. Der Abschluss ist für das erste Halbjahr 2027 geplant, eine Restbeteiligung soll in drei bis fünf Jahren für mindestens 280 Millionen Dollar (rund 243 Millionen Euro) folgen. Parallel dazu hebt Holcim die Prognose für das organische Umsatzwachstum 2026 auf 5 Prozent an – ein Hinweis, dass der Konzern das freiwerdende Kapital gezielt in margenstärkere Kernmärkte umschichtet, statt zu schrumpfen.
Die Holcim-Aktie schloss am Freitag bei 78,96 Euro, deutlich unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 90 Euro aus dem Februar – ein Rückgang von 3,25 Prozent zum Vortag, noch vor Bekanntwerden des Deals. Wie der Markt zu Wochenbeginn auf die Kombination aus Verkauf und angehobener Guidance reagiert, wird der erste Test dafür sein, ob Anleger die Strategie als Stärke oder als Rückzugsgefecht lesen.
Blackrock kauft US-Netze, während Ungarn den Strom abschaltet
Getrieben vom Rechenzentrums-Hunger der KI-Industrie erreichten Fusionen im US-Stromsektor in den ersten fünf Monaten 2026 einen Rekordwert von 203,6 Milliarden Dollar – ein Plus von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Investitionen in Rechenzentren haben sich dabei auf 151,5 Milliarden Dollar verdoppelt. Zu den Großtransaktionen zählt die Übernahme des Versorgers AES durch ein Konsortium aus Blackrock und EQT für 33 Milliarden Dollar, daneben der noch größere Zusammenschluss von Dominion und Nextera mit einem Volumen von 112 Milliarden Dollar. Für Blackrock-Aktionäre ist das mehr als eine Randnotiz: Die Aktie legte in den vergangenen 30 Tagen um 12,4 Prozent zu und notiert nur noch moderat unter ihrem 52-Wochen-Hoch – ein Indiz, dass der Markt die Positionierung als Infrastrukturfinanzierer der KI-Ära honoriert.
Der Kontrast zu Europa könnte kaum größer sein. Ungarn musste sein Atomkraftwerk Paks mit allen vier Reaktorblöcken wegen historisch niedriger Pegelstände der Donau komplett vom Netz nehmen, ein Ausfall von 2.000 Megawatt. Großverbraucher wie Mercedes und Suzuki haben bereits Sparmaßnahmen angekündigt, der Industrie drohen Stromabschaltungen. Während US-Kapital in die Konsolidierung der Netze für KI-Rechenzentren fließt, kämpft Europa mit den Grundlagen der eigenen Versorgungssicherheit – ein struktureller Unterschied, der sich in den kommenden Monaten in unterschiedlichen Energiepreisen niederschlagen dürfte.
Am Rande der Woche bleibt festzuhalten: Der Dollar-Index stieg auf ein 13-Monats-Hoch, und der Markt preist inzwischen sogar eine Fed-Zinserhöhung bis Oktober ein – trotz der jüngsten Zinspause bei 3,5 bis 3,75 Prozent. Zusammen mit den Bitcoin-Liquidationen vom Wochenende zeigt das: An den Rändern des Marktes ist die Liquidität bereits angespannt, auch wenn die Notenbank-Debatte diese Woche nicht den Ton angibt.
Der globale Kompass
Vier Signale, ein Muster: JPMorganes angehobenes Kursziel für europäische Banken, Eli Lillys Zulassung, Holcims Kapitalumschichtung und Blackrocks Netz-Deal haben eines gemeinsam – sie sind belastbar, weil sie auf Gewinnerholung, Regulierung oder realen Cashflows beruhen, nicht auf Wachstumsversprechen. Der Gegenpol liefert gleich zwei Warnsignale: die Risse bei Halbleiter- und KI-Bewertungen und Ungarns erzwungene Kraftwerksabschaltung, die zeigt, wie eng Europas industrielle Basis bereits an ihre energetischen Grenzen stößt. Für die kommende Woche zählt daher weniger, wohin der nächste Kurssprung zeigt, als ob sich die angehobenen Prognosen bei Banken und Holcim bestätigen – und ob Blackrocks Wette auf US-Infrastruktur beweist, dass reales Kapital verlässlicher ist als reine KI-Fantasie.
Das Wochenende neigt sich, die neue Handelswoche bringt frische Zahlen – nutzen Sie die verbleibende Ruhe, um Ihr Depot auf diese stille Rotation hin zu prüfen.
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