Brent und WTI im Höhenflug, Gold und Kupfer geraten unter Druck
Die Eskalation zwischen USA und Iran treibt Öl auf Mehrmonatshochs, während Gold unter Zinsängsten leidet und Kupfer sich stabil zeigt.

- Brent Crude übersteigt 100 Dollar
- Gold fällt trotz geopolitischer Spannungen
- Silber hält sich über 60 Dollar
- Kupfer fokussiert auf langfristige Defizite
Ein und derselbe Konflikt, fünf völlig unterschiedliche Reaktionen: Während sich der Krieg zwischen den USA und dem Iran zuspitzt, schießen die Ölpreise auf Mehrmonatshochs, Gold hingegen rutscht trotz Kriegsprämie ab. Silber behauptet sich dagegen hartnäckig oberhalb der 60-Dollar-Marke, und Kupfer bewegt sich fast schon gelassen zwischen Tagesgeschäft und Zukunftssorgen. Der Rohstoffsektor zeigt gerade exemplarisch, wie unterschiedlich Geopolitik auf einzelne Märkte wirken kann.
Gold: Zinsangst schlägt Kriegsprämie
Gold notiert aktuell bei 4.053,40 Dollar je Unze und büßt damit heute 1,97 Prozent ein. Der Rückgang wirkt wie ein Widerspruch – schließlich gilt das Edelmetall traditionell als sicherer Hafen in Krisenzeiten. Erklären lässt sich die Schwäche mit den steigenden Ölpreisen: Sie schüren Inflationssorgen und nähren die Erwartung, dass die US-Notenbank die Zinsen länger hoch hält oder sogar weiter anhebt.
Auf Wochensicht bleibt Gold mit einem Plus von 1,83 Prozent im grünen Bereich, seit Jahresbeginn steht dagegen ein Minus von 6,45 Prozent zu Buche. Der Kurs hat sich damit spürbar vom 50-Tage-Durchschnitt bei 4.252,94 Dollar entfernt und liegt mehr als zehn Prozent unter dem 200-Tage-Schnitt. Das 52-Wochen-Tief bei 3.901,30 Dollar rückt dadurch näher als das weit entfernte Jahreshoch.
Der RSI von 44,5 deutet auf keine überverkaufte Lage hin, sondern eher auf eine Konsolidierungsphase. Kurzfristig dominiert die Zinsdebatte das Bild, während langfristig orientierte Anleger die geopolitische Risikoprämie weiterhin im Blick behalten dürften.
Silber Preis: Robust nahe der 60-Dollar-Schwelle
Silber zeigt sich widerstandsfähiger als Gold. Die September-Futures eröffneten bei 60,01 Dollar je Unze, ein Rückgang von 0,5 Prozent gegenüber dem Vortagesschluss – doch damit notiert das Metall erstmals seit dem 10. Juli wieder oberhalb der psychologisch wichtigen 60-Dollar-Marke. In der vergangenen Woche summierte sich der Zugewinn auf 7,3 Prozent.
Diese Stärke erklärt sich aus der Doppelrolle des Metalls. Als Industriemetall mit Edelmetallcharakter profitiert Silber sowohl von der Nachfrage nach sicheren Häfen als auch von einem strukturellen Angebotsdefizit, das mit dem Nahost-Konflikt kaum etwas zu tun hat. Seit 2021 verzeichnet der Silbermarkt Jahr für Jahr eine Angebotslücke, für 2026 wird bereits das sechste Defizitjahr in Folge mit einem Fehlbetrag von rund 67 Millionen Unzen erwartet.
Am aktuellen Rand justieren Analysten ihre kurzfristigen Einschätzungen leicht nach unten, bleiben aber langfristig zuversichtlich. Das Gold-Silber-Verhältnis bewegt sich mit rund 68 Punkten weiterhin im historischen Durchschnittsbereich – ein Hinweis darauf, dass keines der beiden Metalle aktuell drastisch über- oder unterbewertet erscheint.
Brent Crude: Kriegsprämie treibt Preis über 100 Dollar
Der mit Abstand größte Ausschlag im gesamten Rohstoffsektor kommt vom Ölmarkt. Brent Crude notiert aktuell bei 100,34 Dollar je Barrel, ein Tagesplus von 6,96 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom Mittwoch bei 93,81 Dollar. Auf Wochensicht liegt das Plus bei 18,24 Prozent, über die vergangenen 30 Tage sogar bei 30,53 Prozent.
Verantwortlich für den Sprung sind Angriffe der iranisch unterstützten Huthi-Miliz auf saudi-arabische Tanker im Roten Meer sowie eine erneute, mittlerweile zwölfte Nacht in Folge mit US-Luftschlägen gegen iranische Ziele. Seit Jahresbeginn hat sich Brent damit um 64,84 Prozent verteuert – ein Ausmaß, das die Marktlage im Frühsommer, als der Preis noch bei rund 70 Dollar lag, kaum erahnen ließ.
Trotz der Rekordserie bleibt der Ölpreis noch ein gutes Stück vom 52-Wochen-Hoch bei 126,10 Dollar entfernt, das im April erreicht wurde. Der RSI von 74,4 signalisiert allerdings eine überkaufte Lage – ein Warnsignal für kurzfristige Rücksetzer, sollte sich die militärische Lage beruhigen.
Rohöl WTI: Fünfte Gewinnsitzung in Folge
Auch die US-Sorte WTI zieht kräftig an und markiert mit einem Anstieg von fast vier Prozent auf rund 90 Dollar je Barrel den höchsten Stand seit dem 10. Juni. Es ist bereits die fünfte Handelssitzung in Folge mit Kursgewinnen.
Treiber sind dieselben Faktoren wie bei Brent, verschärft durch zusätzliche Angebotsrisiken: Angriffe auf Schiffe in der Straße von Hormus, neue US-Drohungen gegen Teheran sowie Kasachstans Entscheidung, Rohölexporte über das Caspian-Pipeline-Consortium-Terminal nach Drohnenangriffen auszusetzen. Präsident Trump warnte zudem, im Falle eines iranischen Angriffs auf ein Schiff in der Straße von Hormus gezielt Brücken oder Kraftwerke im Iran zu treffen – Teheran drohte im Gegenzug mit Vergeltung gegen US-nahe Energieinfrastruktur in der Region.
Charttechnisch bewegt sich WTI in einer aufsteigenden Keilformation nahe wichtiger Widerstandszonen. Zusätzlichen Auftrieb erhält der Preis durch Berichte, wonach weder Washington noch Teheran aktuell zu neuen Verhandlungen bereit sind.
Kupfermarkt: Ruhiger Fahrplan Richtung Defizit ab 2027
Verglichen mit der kriegsgetriebenen Volatilität bei Öl und der Zinsnervosität bei Edelmetallen wirkt der Kupfermarkt fast unauffällig. Aktuell notiert das Industriemetall bei 6,35 Dollar, ein Rückgang von 2,21 Prozent gegenüber dem Vortagesschluss bei 6,49 Dollar. Auf Wochensicht steht dennoch ein leichtes Plus von 0,92 Prozent, seit Jahresbeginn ein deutliches Plus von 12,74 Prozent zu Buche.
Der Fokus der Analysten liegt weniger auf der Tagesbewegung als auf der mittelfristigen Angebotslage. BMI, eine Tochter von Fitch Solutions, hat die Prognose für den durchschnittlichen Kupferpreis 2026 angehoben und rechnet bereits ab 2027 mit einem strukturellen Defizit am Weltmarkt, das sich bis 2035 auf nahezu 1,5 Millionen Tonnen ausweiten könnte.
Als Belastungsfaktoren für das Angebot gelten anhaltende Minenausfälle: Erdrutsche haben die Produktion im indonesischen Grasberg-Bergwerk halbiert, eine vollständige Erholung wird erst 2028 erwartet. Die Kamoa-Kakula-Mine im Kongo kämpft weiterhin mit den Folgen schwerer Überschwemmungen. Nicht alle Häuser teilen die Defizit-These – Macquarie erwartet für 2026 noch einen deutlichen Überschuss und rechnet erst mittelfristig mit einer Verknappung.
Charttechnisch bewegt sich Kupfer nahe seinem 52-Wochen-Hoch bei 6,72 Dollar und deutlich über dem 200-Tage-Durchschnitt von 5,85 Dollar. Der RSI von 51,8 signalisiert eine neutrale Marktlage ohne akute Über- oder Unterhitzung.
Vergleichende Sektordynamik: Ein Kriegstreiber, fünf Reaktionen
Die aktuelle Marktphase zeigt exemplarisch, wie unterschiedlich Rohstoffe auf denselben geopolitischen Auslöser reagieren:
- Öl profitiert direkt: Brent und WTI verzeichnen die kräftigsten Tagesgewinne im gesamten Rohstoff-Komplex, getrieben von realen Versorgungsrisiken.
- Gold wird gebremst: Die durch hohe Ölpreise geschürte Zinserwartung macht das zinslose Edelmetall unattraktiver, trotz Kriegsgeschehen.
- Silber nimmt eine Zwischenposition ein: Industrielle Nachfrage und strukturelles Defizit stützen den Preis unabhängig von der Kriegsprämie.
- Kupfer bleibt am wenigsten geopolitisch getrieben: Hier dominieren langfristige Angebots- und Nachfragefragen rund um Elektrifizierung und Minenproduktion.
Diese Divergenz zeigt: Der Rohstoffsektor folgt derzeit keiner einheitlichen Erzählung. Stattdessen prägen mindestens zwei parallele Themenstränge das Bild – Kriegsprämie auf der einen, Zinserwartungen auf der anderen Seite.
Rohstoffmärkte zwischen Kriegslogik und Zinspfad
Die kommenden Handelstage dürften weiter im Zeichen der Iran-Eskalation stehen. Spitzt sich der Konflikt um die Straße von Hormus und die Tanker-Angriffe im Roten Meer weiter zu, ist mit anhaltendem Aufwärtsdruck bei Brent und WTI zu rechnen. Gold und Silber dürften derweil zwischen Kriegsprämie und Zinsangst hin- und hergerissen bleiben.
Richtungsweisend könnten die kommenden Konjunkturdaten wirken: Nach den Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe folgen die Einkaufsmanagerindizes für Juli, bevor Ende des Monats die Zinsentscheidung der Federal Reserve ansteht. Für den Kupfermarkt bleibt der Blick unterdessen auf die für 2027 erwarteten Zollmaßnahmen sowie die Produktionsentwicklung in Chile, Indonesien und dem Kongo gerichtet – Faktoren, die unabhängig vom Kriegsgeschehen im Nahen Osten über die künftige Preisrichtung mitentscheiden dürften.
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