Buybacks verpuffen, Verbio glüht nach — fünf Grünstrom-Aktien im Stimmungstest

Siemens Energy und RWE trotzen mit Milliarden-Rückkäufen schwachen Kursen, während Verbio und Vulcan Energy vor unterschiedlichen Herausforderungen stehen.

Die Kernpunkte:
  • Siemens Energy Buyback stoppt Kursrutsch nicht
  • RWE schließt Aktienrückkauf erfolgreich ab
  • Vulcan Energy sichert Milliarden-Finanzierung
  • Verbio mit Gewinnwende nach Verlustjahr

Eine Milliarde Euro für den Rückkauf eigener Aktien, und der Kurs fällt trotzdem. Was Siemens Energy diese Woche erlebt, fasst die Stimmungslage im Erneuerbare-Energien-Sektor pointiert zusammen: Operative Stärke allein reicht nicht, wenn der Markt nach Bewertungskorrekturen sucht. RWE hat seinen Buyback gerade abgeschlossen, Energiekontor pflegt die ESG-Bilanz, Vulcan Energy kämpft mit der Charttechnik, und Verbio ist trotz einer Vervierfachung seit dem Vorjahrestief ins Stocken geraten. Fünf Aktien, fünf Temperaturmessungen.

Siemens Energy: Milliarden-Buyback gegen die Schwerkraft

Das am 4. Juni gestartete Aktienrückkaufprogramm über bis zu eine Milliarde Euro konnte die Talfahrt bislang nicht bremsen. Seit dem April-Hoch bei 195,54 Euro hat die Aktie rund ein Fünftel verloren und schloss am Freitag bei 155,70 Euro. Allein im vergangenen Monat ging es über 16 % bergab.

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Dabei sehen die operativen Zahlen so stark aus wie selten. Im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres erreichten die Aufträge 17,7 Milliarden Euro, der Auftragsbestand schwoll auf kolossale 154 Milliarden Euro an, der Nettogewinn lag bei 835 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr erwartet das Management ein vergleichbares Umsatzwachstum von 14 bis 16 Prozent und einen Nettogewinn von rund vier Milliarden Euro.

Die Analysten sehen deutlich höhere Kurse. RBC Capital Markets bekräftigte am 5. Juni das Kursziel von 200 Euro mit „Outperform“-Rating. JPMorgan hält an 225 Euro fest, Jefferies hob das Ziel auf 215 Euro an. Der Konsens liegt bei etwa 186 Euro — allesamt Niveaus, die deutlich über dem aktuellen Kurs liegen.

Technisch notiert die Aktie unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 168,46 Euro. Der RSI bei 37 signalisiert erhöhten Verkaufsdruck, ohne bereits eine extreme Überverkauft-Zone zu markieren. Am 9. Juni startet eine Investoren-Roadshow in München, gefolgt von Kopenhagen, Stockholm und der J.P. Morgan European Industrials Conference am 17. Juni. Die ersten bestätigten Rückkaufvolumina dürften innerhalb von sieben Handelstagen veröffentlicht werden — ein handfester Impuls, den der Markt genau beobachten wird.

RWE: Buyback beendet, Offshore-Wind liefert

Bei RWE ist das Aktienrückkaufprogramm über 1,5 Milliarden Euro bereits Geschichte. Die letzte Tranche wurde am 3. Juni abgeschlossen — insgesamt wechselten in der dritten Tranche knapp 9,5 Millionen Aktien für rund 330 Millionen Euro den Besitzer. Der Kurs reagierte gelassen: Mit 55,96 Euro zum Wochenschluss notiert die Aktie gut 19 % über dem Jahresanfangsniveau und rund 68 % über dem Vorjahrestief.

Die operativen Fortschritte untermauern die Bewertung. Alle Offshore-Windprojekte im Bau liegen im Plan und im Budget. Das dänische Projekt Thor und das britische Sofia-Projekt speisten im ersten Quartal erstmals Strom ein. Das bereinigte EBITDA legte im ersten Quartal um 15 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro zu, das bereinigte Ergebnis je Aktie stieg um 25 Prozent auf 0,85 Euro.

Bis 2031 plant der Konzern Nettoinvestitionen von 35 Milliarden Euro, um die Kapazität um 25 Gigawatt auf rund 65 GW auszubauen. Das bereinigte Ergebnis je Aktie soll dadurch im Schnitt um 12 Prozent jährlich wachsen. 14 Analysten empfehlen den Kauf, keiner rät zum Verkauf. Das mittlere Kursziel liegt bei 63,03 Euro.

Vulcan Energy: Finanzierung steht, Kurs fällt weiter

Auf dem Papier hat Vulcan Energy den wichtigsten Meilenstein vor Produktionsstart erreicht: Financial Close für ein Finanzierungspaket über 2,2 Milliarden Euro. Das Lionheart-Projekt im Oberrheingraben — Europas erstes integriertes Lithium- und Geothermie-Vorhaben — ist damit bis zum geplanten Produktionsstart 2028 durchfinanziert.

Am Kurs ist davon wenig zu spüren. Die in Frankfurt gehandelte Aktie schloss am Freitag bei 2,10 Euro, ein Minus von fast 5 Prozent an einem einzigen Tag. Auf Monatssicht steht ein Rückgang von über 10 Prozent. Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt beträgt knapp minus 20 Prozent. Die Volatilität ist mit über 70 Prozent annualisiert die höchste unter den fünf betrachteten Titeln.

Anfang Juni kamen zudem 757.423 neue Aktien an die ASX-Börse — geringe Verwässerung, aber ein Signal, das bei einem ohnehin angeschlagenen Chart nicht hilft. Der Analystenkonsens sieht den fairen Wert deutlich höher. Die Spanne zwischen Kursziel und Marktpreis offenbart die Kluft zwischen Projektfortschritt und dem langen Weg von der Finanzierung zur tatsächlichen Produktion.

Immerhin stützen strukturelle Trends die Langfrist-These:

  • Globale EV-Verkäufe stiegen 2025 um 23 Prozent, in Europa sogar um 33 Prozent
  • Die Nachfrage aus Batteriespeichersystemen wuchs 2025 um 50 Prozent
  • Batteriespeicher machen inzwischen rund 20 Prozent der weltweiten Lithiumnachfrage aus

Vulcan Energy tritt nun in eine mehrjährige Bauphase ein. Quartalsberichte zum Baufortschritt ersetzen finanzielle Katalysatoren — Geduld wird zur Kernwährung für Aktionäre.

Energiekontor: Solide Basis, fehlender Schwung

Wer sich im Erneuerbare-Energien-Sektor nach Berechenbarkeit sehnt, landet schnell bei Energiekontor. Der Bremer Wind- und Solarparkentwickler betreibt 39 eigene Parks mit rund 450 Megawatt Gesamtleistung und hat am 4. Juni zum dritten Mal in Folge die EMAS-Zertifizierung für sein Umweltmanagementsystem bestanden. Kein direkter Gewinnkatalysator, aber ein Pfund bei der Vergabe institutionellen Kapitals für nachhaltige Infrastrukturprojekte.

Die Geschäftszahlen für 2025 können sich sehen lassen. Der Umsatz stieg um 37 Prozent auf 173,5 Millionen Euro, der Nettogewinn sprang um 82 Prozent auf 41 Millionen Euro. Das Ergebnis je Aktie kletterte von 1,62 auf 2,94 Euro. Eine Dividende von 1,00 Euro je Aktie wurde Anfang Juni ausgezahlt.

Trotzdem tut sich die Aktie schwer. Bei 42,65 Euro notiert sie rund 19 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch, der RSI liegt bei 44. DZ Bank und Warburg Research halten an ihren Kaufempfehlungen fest. Das durchschnittliche Analystenkursziel von 86,70 Euro impliziert mehr als eine Verdopplung — eine Diskrepanz, die auf den ersten Blick irritiert. Offensichtlich braucht der Markt mehr als gute Zahlen und ein Umweltsiegel, um die Aktie nachhaltig in Bewegung zu setzen. Der nächste Impuls könnte von Pipeline-Updates oder dem Verkauf weiterer Windparks kommen.

Verbio: Erholung mit Schönheitsfehlern

Keine andere Aktie im Quintett hat eine derart dramatische Achterbahnfahrt hinter sich. Vom 52-Wochen-Tief bei 9,42 Euro im Juni 2025 bis zum Freitagsschlusskurs von 37,30 Euro — ein Anstieg um knapp 296 Prozent in zwölf Monaten. Seit Jahresanfang steht ein Plus von fast 68 Prozent.

Die Erholung hat fundamentale Gründe. Im zweiten Quartal 2026 kehrte der Biokraftstoffhersteller in die Gewinnzone zurück: Der Nettogewinn lag bei 3,38 Millionen Euro nach einem Verlust im Vorjahresquartal. Der Umsatz wuchs um 16 Prozent auf 459,9 Millionen Euro. Die Marge bleibt mit 0,7 Prozent allerdings hauchdünn — die Rückkehr in die schwarzen Zahlen ist eher ein Richtungssignal als ein Beweis nachhaltiger Ertragskraft.

Die Deutsche Bank hob das Kursziel im April auf 42 Euro an und bestätigte die Kaufempfehlung. Andere Analysten sehen die Aktie niedriger, haben aber ihre Ziele ebenfalls angehoben und verweisen auf stärkere EBITDA-Entwicklung sowie eine solide Anlagenauslastung in Europa. Für das kommende Jahr erwarten sie ein Gewinnwachstum von fast 88 Prozent.

Mit dem Geschäftsjahresende im Juni steht bald der Härtetest an: Die Jahreszahlen werden zeigen, ob die Margenerholung tragfähig ist oder ob der US-Hochlauf und die europäische Preisdynamik noch Fragezeichen hinterlassen.

Kapitalrückgabe gegen Bau-Risiko — ein Sektor, zwei Welten

Die fünf Aktien verkörpern eine fundamentale Spaltung innerhalb des Sektors:

  • Large Caps mit Kapitalrückgabe: Siemens Energy und RWE liefern starke operative Ergebnisse und verteilen Milliarden an die Aktionäre. Der Markt dankt es (noch) nicht — beide Aktien konsolidieren nach langen Rallys.
  • Projekt-Risiko pur: Vulcan Energy hat die Finanzierung gesichert, steht aber vor Jahren der Bauphase. Der Kurs spiegelt das Ausführungsrisiko, nicht den Projektfortschritt.
  • Profitabler Mittelstand: Energiekontor liefert ordentliche Zahlen und ESG-Nachweise, wartet aber auf den nächsten Wachstumsimpuls.
  • Turnaround-Story: Verbio hat den Boden gefunden, muss aber noch beweisen, dass die Margen nachhaltig steigen.

Die europäische Kommission plant, die Fiskalregeln für Investitionen in Netze, Speicher und Erneuerbare zu lockern — bis zu 0,6 Prozent des BIP zusätzlicher Spielraum zwischen 2026 und 2028. In Deutschland erreichten Batteriespeicher-Zubauten im ersten Quartal mit über 2 GWh einen Rekord. Strukturell bleibt das Umfeld also konstruktiv.

Zinsentscheid und Roadshows — die Katalysatoren der kommenden Tage

Am 11. Juni steht die nächste EZB-Zinsentscheidung an. Eine Anhebung um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent gilt als weitgehend eingepreist. Für kapitalintensive Energieprojekte wäre das ein zusätzlicher Gegenwind — gerade für Vulcan Energys Baukalkulation oder RWEs milliardenschweres Investitionsprogramm.

Siemens Energy startet am 9. Juni die Investoren-Roadshow. RWE richtet den Blick auf die Ergebnisbeiträge der neu ans Netz gegangenen Offshore-Parks in der zweiten Jahreshälfte. Energiekontor wartet auf das nächste Pipeline-Update. Und Verbio steuert auf den Geschäftsjahresabschluss zu, der die Frage nach der Nachhaltigkeit der Erholung beantworten muss.

Die Diskrepanz zwischen operativer Leistung und Marktbewertung bleibt das bestimmende Thema des Sektors in der zweiten Jahreshälfte 2026. Bei Siemens Energy und RWE sagt der Markt: „Zeigt mir mehr.“ Bei Vulcan Energy und Verbio sagt er: „Beweist es erst.“ Energiekontor steht irgendwo dazwischen — solide, aber ohne den Funken, der die Phantasie der Anleger entzündet.

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