Cartier schlägt Konjunktur, Rüstung schlägt alles — die neue Rangordnung der Sektoren

Cartier-Konzern Richemont meldet Gewinnsprung von 27 Prozent, während Rüstungswerte von geopolitischen Spannungen profitieren.

Die Kernpunkte:
  • Richemont mit 27 Prozent mehr Gewinn
  • Waffenstillstandshoffnung drückt Ölpreis
  • EZB-Zinserhöhung im Juni wahrscheinlich
  • China bleibt Schlüssel für Luxusbranche

Liebe Leserinnen und Leser,

am Sonntag stellte ich drei Prüfsteine für diese Woche auf: Kapitaldisziplin der KI-Gewinner, den PCE-Bericht am Donnerstag und die geopolitischen Risiken rund um Iran. Einer dieser Prüfsteine hat bereits am ersten Handelstag geliefert — und zwar der unerwartete. Nicht die KI-Branche dominiert den Montag, sondern zwei Sektoren, die in der Tech-Euphorie der vergangenen Wochen kaum vorkamen: Luxusgüter und Verteidigung. Während die Wall Street am Memorial Day schweigt und London sowie Zürich feiertagsbedingt geschlossen bleiben, zeigt Europa, wohin das Kapital sich bewegt, wenn die Zinserwartungen steigen und die Waffenstillstandshoffnung den Ölpreis drückt.

Europa im Risk-On-Modus — aber auf dünnem Eis

Der EuroStoxx 50 legte am Montag 2,00 Prozent auf 5.139,95 Punkte zu, der DAX stieg um 1,92 Prozent auf 25.405,84 Zähler. In Tokio schloss der Nikkei 225 sogar 2,87 Prozent höher bei 65.158,19 Punkten. Der Auslöser: die Aussicht auf einen 60-tägigen Waffenstillstand zwischen den USA und Iran. WTI-Öl brach um 5,50 Prozent auf 91,66 Dollar je Barrel ein, der US-Dollar-Index gab um 0,33 Prozent auf 98,99 nach. Der Euro kletterte um 0,37 Prozent auf 1,1645 Dollar. Rabobank prognostiziert EUR/GBP in sechs Monaten bei 0,88, weil die Märkte ihre BoE-Zinserhöhungsfantasien zusammenstreichen — aktuell sind nur noch rund 45 Basispunkte eingepreist, nach zuvor fast vier Erhöhungen.

Die Erleichterung an den Indizes steht allerdings in scharfem Kontrast zu den Fundamentaldaten. Die EU-Kommission rechnet für 2026 mit einem Eurozone-Wachstum von nur noch 0,9 Prozent (nach 1,3 Prozent 2025) und einer Inflation von 3,0 Prozent (nach 1,9 Prozent). Die Geldmärkte preisen trotzdem zwei EZB-Zinserhöhungen bis Jahresende ein — die erste am 11. Juni mit 77,64 Prozent Wahrscheinlichkeit. In Washington hielt die Fed ihre Zinsen Ende April zum dritten Mal in Folge bei 3,5–3,75 Prozent stabil; die Verbraucherpreise stiegen zuletzt um 0,9 Prozent im Monat, getrieben von den iranbedingten Ölpreisen. Jerome Powells Amtszeit als Fed-Vorsitzender endete am 15. Mai. Gold notierte am Montag 1,36 Prozent fester bei 4.571,60 Dollar, Silber legte 3,04 Prozent auf 77,94 Dollar zu.

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Richemont: 27 Prozent Gewinnwachstum, während Europa stagniert

Die spannendere Geschichte spielt sich abseits der Indizes ab. Richemont meldete für das am 31. März endende Geschäftsjahr einen Umsatz von 22,4 Milliarden Euro (+11 Prozent) und einen Gewinn von 3,5 Milliarden Euro (+27 Prozent) — trotz US-Zöllen und einem Goldpreis, der die Herstellungskosten für Schmuck nach oben treibt. Die Schmucksparte mit Cartier und Van Cleef & Arpels wuchs um 14 Prozent auf 16,5 Milliarden Euro. Hinzu kam der Erlös aus der Veräußerung von Yoox Net-a-Porter.

Was diese Zahlen für Anleger bedeuten: Richemont ist kein Luxuskonzern im klassischen Sinn. Mit einem Schmuck-Anteil von 71,6 Prozent und Uhren von 15,4 Prozent am Umsatz ist das Unternehmen weniger konjunkturabhängig als reine Mode- oder Lederwarenhäuser. Die Aktie schloss am Donnerstag in Zürich bei 155,75 Franken; der Konsens von 26 Analysten lautet „Outperform“ mit einem durchschnittlichen Kursziel von 181 Franken — rund 15,7 Prozent über dem aktuellen Kurs. Telsey Advisory senkte jüngst das Kursziel und bleibt bei „Market Perform“. Im Luxussegment trennt sich gerade die Substanz vom Etikett.

Ein zweites Indiz liefert Brunello Cucinelli. Die Aktie notierte am Montag bei 83,98 Euro (+2,04 Prozent). Siebzehn Analysten kommen im Schnitt auf ein Kursziel von 102,88 Euro (+25,01 Prozent), die Spannweite reicht von 70,00 bis 130,00 Euro. Morningstar stufte im April auf „Sell“ herab, Equita SIM hatte bereits im Dezember auf „Buy“ hochgestuft. Eine klassische Konstellation: Wer an die Marke glaubt, sieht Einstiegskurse; wer die Bewertung rechnet, sieht Risiko.

China bleibt die große Unbekannte

Wer verstehen will, ob die Luxus-Resilienz hält, muss nach Osten schauen. Am Donnerstag, 28. Mai, diskutieren Philippe Schaus (LVMH-Exekutivkomitee, ehemaliger CEO Moët Hennessy) und Jonathan Siboni (CEO Luxurynsight) auf dem ESCP Campus Champerret in Paris die Frage „La Chine et le luxe: miracle ou mirage?“. Chinas Rolle bleibt die entscheidende Variable für die gesamte Branche — vom Konsumentenverhalten über die Digitalisierung bis zur wachsenden Konkurrenz lokaler Marken. Für Richemont wie für Cucinelli gilt: Die Zahlen des abgelaufenen Jahres sind stark, aber die Prognose steht und fällt mit der chinesischen Mittelschicht.

Verteidigung: Der Sektor, den niemand mehr ignorieren kann

Neben dem Luxussegment profiliert sich ein zweiter Bereich als struktureller Gewinner: die Verteidigungsindustrie. Verteidigungsbezogene M&A-Aktivität gehört zu den markantesten Trends des Jahres 2026. Im angrenzenden Bereich digitaler Sicherheitsinfrastruktur sorgt die US-Smallcap Fatpipe Inc/UT für Aufmerksamkeit: Die Aktie notiert bei 3,78 Dollar, der Konsens von drei Analysten lautet „Hold“ mit einem durchschnittlichen Kursziel von 10,00 Dollar — ein theoretischer Aufschlag von rund 165 Prozent. Northland Securities initiierte die Coverage am 11. Mai mit „Outperform“ und einem 12,00-Dollar-Ziel.

Solche Konstellationen mit extremer Lücke zwischen Kurs und Konsens sind typisch für illiquide Nebenwerte. Sie taugen als Trendindikator, nicht als Kaufempfehlung. Wer das Liquiditätsrisiko nicht steuern kann, bleibt bei den großen europäischen Rüstungstiteln besser aufgehoben.

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Was diese Woche entscheidet

Drei Faktoren verdienen besondere Aufmerksamkeit. Erstens: die EZB-Kommunikation in Richtung der Juni-Sitzung. Die Geldmärkte rechnen mit 77,64 Prozent Wahrscheinlichkeit mit einer Erhöhung am 11. Juni — jedes Ratsmitglied, das sich diese Woche äußert, kann diese Einschätzung verschieben. Zweitens: die Belastbarkeit des Iran-Waffenstillstands. Der Ölpreisrückgang vom Montag beruht auf einer Erwartung, nicht auf einem unterzeichneten Abkommen. Jede Eskalation würde Öl und Inflation sofort zurücktreiben. Drittens: die China-Debatte rund um den Luxussektor, die in Paris am Donnerstag konkret geführt wird.

Die Kluft zwischen Konjunkturpessimismus — die EU-Kommission senkt das Wachstum auf 0,9 Prozent — und der Risk-On-Stimmung an den Indizes ist bemerkenswert. Der Markt handelt derzeit weniger Fundamentaldaten als geopolitische Hoffnungen. Das kann gutgehen, solange die Hoffnungen sich materialisieren. Wer Luxus oder Verteidigung im Portfolio hat, sollte die einzelne Marke und das einzelne Unternehmen prüfen — nicht den Branchen-ETF.

Herzlichst, Ihr

Felix Baarz

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