Cashflow schlägt KI-Budget: Die Börse sortiert nach Gewinnqualität

DHL und Schneider heben ihre Jahresziele an, während hohe KI-Ausgaben bei Alibaba den Gewinn und freien Cashflow belasten.

Die Kernpunkte:
  • Nasdaq verliert über zwei Prozent
  • DHL hebt EBIT-Ausblick für 2026 an
  • Schneider erhöht Wachstumsziele für 2026
  • Alibaba investiert stärker in KI und Cloud

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

diese Woche hat die Rangordnung an den Börsen verschoben. Der Nasdaq 100 verlor am Freitag mehr als 2 Prozent und erlebte die schlechteste Woche seit April 2025. Der DAX dagegen überwand seine 100-Tage-Linie und gewann in der Woche über 2 Prozent.

Der Unterschied liegt nicht in der Geografie, sondern in der Art der Gewinne: Wer handfeste Cashflows liefert und Ziele anhebt, wurde belohnt, wer Kapital in KI-Infrastruktur verbrennt, bestraft. Genau an dieser Linie entscheidet sich auch die Berichtssaison der kommenden Woche.

Alibaba: Fitch sagt A, der Markt sagt minus 23 Prozent

Bei Alibaba klaffen Urteil und Kurs so weit auseinander wie bei kaum einem anderen Großwert. Fitch hat Alibaba am Donnerstag mit der Note „A“ und stabilem Ausblick bestätigt, ausdrücklich wegen des Wachstums im KI-Cloud-Geschäft.

Die Aktie dankte es nicht. Sie schloss am Freitag bei 97,10 Euro, ein Tagesminus von 2 Prozent, und liegt seit Jahresbeginn 23 Prozent hinten. Auf zwölf Monate beträgt der Verlust 31 Prozent, das 52-Wochen-Hoch von gut 156 Euro stammt vom Oktober 2025.

Der Widerspruch hat einen Namen: Kapitalausgaben. Im Quartal bis Ende Juni wuchs der Konzernumsatz um 9 Prozent. Das externe Cloud-Geschäft legte um 45 Prozent zu, der chinesische Kern-E-Commerce schrumpfte um 8 Prozent.

Der berichtete Nettogewinn brach um 75 Prozent ein, weil die Investitionen um 75 Prozent stiegen. Der freie Cashflow war mit knapp 45 Milliarden Yuan negativ, umgerechnet rund 5,9 Milliarden Euro. Dahinter steht ein Programm von mindestens 380 Milliarden Yuan über drei Jahre für KI und Cloud, rund 50 Milliarden Euro.

Bernstein verwies am Donnerstag zudem auf eine Aktienplatzierung über 10,2 Milliarden Dollar (rund 9,1 Milliarden Euro) und bestätigte trotzdem das Outperform-Rating. Mit der Datenbrille Qwen Glasses N1 ab 2.999 Yuan (rund 400 Euro) testet Alibaba nun, ob aus dem Budget verkäufliche Produkte werden.

Die Analysten halten dagegen. JPMorgan senkte das Kursziel am Montag von 210 auf 200 Dollar, bleibt aber bei Overweight. Bank of America hob auf 178 Dollar an, Barclays bestätigte Buy mit Ziel 200 Dollar und erwartet die Gewinnschwelle im KI-Cloud-Geschäft bis zum Geschäftsjahr 2027. Gründer Jack Ma kaufte Aktien für über 600 Millionen Hongkong-Dollar (rund 68 Millionen Euro).

Ratingagentur, Banken und Gründer kaufen die Cloud-Story, der Markt bezahlt derzeit nur den Kapitalabfluss. Bis zu den nächsten Zahlen am Dienstag, 1. Dezember, bleibt Alibaba damit eine Wette darauf, dass die Cloud-Marge die Investitionen einholt. Wer das Risiko trägt, bekommt die Aktie zum 13- bis 15-Fachen der für 2027 und 2028 geschätzten Gewinne.

DHL und Schneider Electric: Zwei Anhebungen, die im Chip-Lärm untergingen

Die besseren Nachrichten dieser Woche kamen aus der Industrie, nur hat sie kaum jemand gehört. Abseits der KI-Debatte haben zwei schwere Industriewerte ihre Jahresziele angehoben. DHL erwartet für 2026 nun ein operatives Ergebnis (EBIT) von über 7,0 Milliarden Euro, bisher waren es über 6,5 Milliarden.

Schneider Electric steigerte den Umsatz im dritten Quartal organisch um 17 Prozent auf 11,46 Milliarden Euro. Für 2026 peilt Schneider jetzt ein Umsatzwachstum von 12 bis 14 Prozent und ein EBITDA-Wachstum von 18 bis 21 Prozent an.

Bemerkenswert ist das Umfeld. In der Woche bis Mittwoch zogen Anleger 4,75 Milliarden Dollar aus Tech-Sektorfonds ab, aber auch 1,86 Milliarden aus Industriefonds. Das Kapital hat die Anhebungen bei DHL und Schneider also nicht vorweggenommen.

Für ein deutsches Depot ist DHL der sauberste Logistik-Hebel auf Welthandel und Konsum, und ein Konzern, der seine Prognose mitten in einem Energiepreisschock anhebt, signalisiert Preissetzungsmacht, die der Markt gerade nicht sucht, aber brauchen wird.

Autowerte: Politischer Rückenwind am Tief

Die Autobranche bekommt Hilfe aus der Politik, aber nicht von ihren Kunden. Die deutsch-französische Einigung über die EU-Verbrennerziele hat den Autowerten am Freitag einen starken Tag beschert. Volkswagen und Mercedes-Benz gewannen knapp 3 Prozent, BMW legte gut 2 Prozent auf 56,52 Euro zu. Die Ausgangslage bleibt ernüchternd: BMW hatte am 8. Oktober mit 52 Euro ein 52-Wochen-Tief markiert und liegt seit Jahresbeginn 40 Prozent im Minus.

Der Gegenwind kommt vom Verbraucher. Die deutsche Inflation stieg im September auf 3,3 Prozent, erstmals seit 2023 über die Drei-Prozent-Marke, getrieben von Energie. Im Euroraum verteuerte sich Energie um 18,9 Prozent binnen Jahresfrist. Wer mehr an der Zapfsäule lässt, kauft kein neues Auto.

Die Lockerung der Verbrennerziele nimmt den Herstellern regulatorischen Druck, löst aber kein Nachfrageproblem: Sie ist eine Erholung vom Tief, kein Trendwechsel. Den Realitätstest liefert Tesla am Mittwoch mit den Quartalszahlen. Die Tesla-Aktie verlor am Freitag 2,4 Prozent und liegt seit Jahresbeginn 20 Prozent hinten, obwohl der Konzern diese Woche eine Roadster-Produktion ab 2028 ankündigte.

Nordex: Der Streit geht nicht um das Quartal, sondern um Deutschland

Bei Nordex sind sich die Analysten über die Zahlen einig und über die Zukunft uneins. Nordex schloss am Freitag bei 39,02 Euro, nachdem die Aktie zeitweise fast 40 Euro erreicht hatte.

Seit Jahresbeginn beträgt das Plus 34 Prozent, das 52-Wochen-Hoch von 51,40 Euro vom 27. April ist noch ein Stück entfernt. Auslöser war die Anhebung der EBITDA-Margenprognose 2026 auf 11,5 bis 12,5 Prozent, zuvor 8 bis 11 Prozent, bei einem freien Cashflow von 379 Millionen Euro im dritten Quartal.

Interessanter als die Zahlen ist die Spaltung der Analysten. Jefferies hob das Kursziel von 60 auf 63 Euro an, Analyst Constantin Hesse sah das EBITDA über selbst den optimistischsten Erwartungen. MWB Research ging von 44 auf 47 Euro, Berenberg, Goldman Sachs und Deutsche Bank raten zum Kauf.

RBC bleibt bei Underperform mit Ziel 36 Euro, nicht wegen des Quartals, sondern wegen Deutschland. Nach Einschätzung von RBC steht der Ausbau erneuerbarer Energien im Widerspruch zum begrenzten Wachstum der Stromnachfrage, Marktreformen belasteten die Rentabilität der Projektentwickler.

Bei 39 Euro notiert Nordex bereits über dem RBC-Ziel und deutlich unter dem von Jefferies. Die vollständigen Zahlen am Donnerstag, 5. November, werden zeigen, ob der Auftragseingang in Deutschland die Skepsis von RBC bestätigt.

Öl über 110 Dollar: Lagarde lässt den Anleihemarkt arbeiten

Der Ölpreis ist die Variable, an der in diesen Wochen alles hängt, von der Zapfsäule bis zur Zinskurve. Brent stieg am Freitag erstmals seit Mai über 110 Dollar, WTI notierte erstmals seit September über 100 Dollar. Zur Wochenmitte hatten Houthi-Angriffe auf das Aramco-Hauptquartier und den Flughafen Riad die Preise getrieben, zwei Schiffe sanken nahe der Straße von Hormus.

Die IEA-Staaten geben die restlichen 100 Millionen Barrel ihrer im März vereinbarten Reserven frei. Am Aktienmarkt profitierten am Freitag ExxonMobil und Chevron mit je rund 2,5 Prozent, der US-Energiesektor war der einzige klare Gewinner des Tages.

Für die EZB ist das die zentrale Größe. Die Inflation im Euroraum wurde am Freitag mit 3,8 Prozent bestätigt, ein Dreijahreshoch, die Kernrate liegt bei 2,5 Prozent. EZB-Präsidentin Lagarde erklärte am Samstag in Bangkok, der Ausverkauf am Anleihemarkt verschärfe die Finanzierungsbedingungen und dämpfe Wachstum und Weitergabe der Treibstoffkosten stärker als im September projiziert.

Der Markt liest das als Pause am 29. Oktober und Anhebung des Einlagensatzes auf 2,75 Prozent im Dezember. Bundesbankchef Nagel nannte den Kampf „nicht vorbei“, Ratsmitglied Wunsch hält drei Erhöhungen für vernünftig. BNY Mellon erwartet dagegen eine Pause bis Jahresende, es sei denn, der EU-Gaspreis nahe dem Vierjahreshoch eskaliert.

Laut Reuters könnte Lagarde im November zum WEF wechseln, Isabel Schnabel geht Anfang 2027 zum IWF. Jenseits des Atlantiks hat Fed-Chef Warsh die Erwartung einer Oktober-Erhöhung auf unter 30 Prozent gedrückt, der Dezember gilt als sicher. Für deutsche Anleger heißt das: Der Zinspfad bis 2,75 Prozent ist eingepreist, der Gaspreis ist es nicht.

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Der globale Kompass

Die kommende Woche stellt die These dieser Ausgabe auf die Probe. Am Dienstag kommen ZEW-Index und deutsche Erzeugerpreise, abends die Deutsche Börse und nach US-Schluss Netflix. Am Mittwoch folgen SAP, Tesla, Meta und IBM; die LBBW erwartet, dass die US-Tech-Gewinne des dritten Quartals summiert unter denen des zweiten liegen.

Am Freitag liefern die Einkaufsmanager-Indizes für Deutschland, Eurozone und USA das Konjunkturbild vor der Fed am 27./28. Oktober und der EZB am 29. Oktober. Am Rande: Neun Krypto-Unternehmen gründeten am Donnerstag die Quantum Alliance, um Standards für quantensichere Netzwerke zu setzen.

Bitcoin fand nach dem Rutsch unter 80.000 Dollar zu Wochenbeginn bis Freitag auf rund 82.000 Dollar zurück. Wer in dieser Woche Prognosen angehoben hat, geht mit Vorsprung in die Zahlensaison. Wer nur Kapital ausgibt, muss ab Mittwoch liefern.

Möge der Sonntag Ihnen mehr Ruhe schenken als der Ölpreis den Notenbanken.

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