Chevron plus 384 Prozent, Coinbase minus 13: Zwei Gesichter dieser Berichtssaison
Ölkonzerne profitieren von geopolitischen Spannungen, während Krypto-Broker und Pharmariese enttäuschen. Eurozone-Inflation steigt auf 2,9 Prozent.

- Chevron Gewinnsprung um 384 Prozent
- Coinbase verfehlt Erwartungen deutlich
- Novo Nordisk erleidet Pipeline-Rückschlag
- EZB-Zinserhöhung im September erwartet
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
384 Prozent Gewinnsprung bei Chevron, 13 Prozent Kurssturz bei Coinbase – am selben Freitag, in derselben Berichtssaison. Nach dem gestrigen Margen-Ausverkauf bei Adidas und Nemetschek zieht sich das Muster weiter durch die Zahlensaison, nur mit umgekehrten Vorzeichen: Heute sind es die Old-Economy-Werte, die liefern, während ein Krypto-Broker und ein Pharmariese die Kehrseite zeigen. Wer heute Abend ins Depot schaut, findet vier Positionen, an denen sich entscheiden lässt, wo Cashflow zählt und wo nur noch Wachstumsversprechen übrig bleiben.
Ölmultis: Die Nahost-Eskalation wird zur Gewinnmaschine
Chevron meldete für das zweite Quartal einen Nettogewinn von 12,1 Milliarden Dollar – ein Plus von 384 Prozent, berichtet nach GAAP. Bei Exxon haben sich die Gewinne nahezu verdoppelt. Getragen wird das von Rohölfutures, die gegenüber dem Vorquartal um 27 Prozent zugelegt haben, und der Treiber dahinter ist geopolitisch, nicht operativ: Ende Juli sanktionierte das US-Finanzministerium erneut Irans Schattenflotte sowie ein Bitcoin-gestütztes Versicherungsnetzwerk der Revolutionsgarden im Golf, während OPEC+ die Fördermenge nur um 188.000 Barrel pro Tag anhob – deutlich moderater, als der Markt erwartet hatte.
Gegenläufig wirkte, dass Washington acht großen Abnehmern temporäre Ausnahmegenehmigungen für iranische Öl-Importe gewährte, was den Ölpreis zum Wochenschluss wieder unter Druck brachte. Analysten warnen dennoch: Fällt weitere iranische Tagesproduktion weg, rückt die Marke von 100 Dollar pro Barrel in Reichweite. Zusätzliche Unsicherheit kommt aus der Straße von Bab al-Mandeb, durch die laut historischen Daten 4,8 Millionen Barrel täglich fließen – Saudi-Arabien stoppte dort vorübergehend Öltransporte, nachdem Huthi-Rebellen zwei Großtanker angegriffen hatten.
Für Anleger heißt das: Der einfache Einstieg ist vorbei. Chevron-Aktien liegen im 30-Tage-Vergleich bereits rund 16 Prozent im Plus, binnen zwölf Monaten gut 27 Prozent – die Rally ist ein gutes Stück eingepreist. Wer jetzt auf die Old Economy als Cashflow-Anker setzt, kauft nicht mehr am Anfang der Bewegung, sondern in einer Phase, in der jede neue Sanktionsmeldung den Kurs weitertreiben kann. Chance und Rückschlagrisiko liegen hier so dicht beieinander wie selten.
Coinbase: Wenn Analysten sich nicht einig werden können
Ganz anders das Bild bei Coinbase. Der Krypto-Broker verfehlte im zweiten Quartal mit 1,2 Milliarden Dollar Umsatz die Konsensschätzung von 1,3 Milliarden, das bereinigte EBITDA blieb mit 208 Millionen Dollar deutlich unter den erwarteten 288 Millionen, und die operativen Kosten lagen mit 1,33 Milliarden Dollar sogar über der eigenen Guidance. Die Handelsvolumina im Juli waren die schwächsten des gesamten Jahres 2026.
Die Analystenhäuser reagieren entsprechend uneins: Needham senkte das Kursziel von 220 auf 177 Dollar, hält aber an der Kaufempfehlung fest. Rosenblatt kürzte auf 200 Dollar. H.C. Wainwright bleibt bei 265 Dollar, Citizens sogar bei 325 Dollar. Diese Spanne – von 177 bis 325 Dollar – ist selbst ein Signal: Wenn sich Analysten derart uneinig sind, weiß auch der Markt nicht, wo der Boden liegt. Die Aktie brach im Tagesverlauf um knapp 13 Prozent ein, liegt seit Jahresbeginn rund 38 Prozent im Minus und auf Zwölfmonatssicht sogar über 62 Prozent tiefer. Die Marktkapitalisierung ist auf gut 38 Milliarden Euro geschrumpft, weit entfernt vom 52-Wochenhoch.
Wer Coinbase hält, sollte sich auf Schwankungen einstellen, nicht auf eine schnelle Bodenbildung. Bemerkenswert ist der Kontrapunkt: Während das Kerngeschäft schwächelt, wächst der Markt für tokenisierte Aktien und ETFs – Produkte wie AAPLx oder NVDAx – strukturell weiter, von rund 691 Millionen auf 1,48 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung im ersten Halbjahr 2026, größtenteils abgewickelt über die Solana-Blockchain. Kurzfristiges Volumenproblem und langfristiger Strukturtrend laufen bei Coinbase derzeit parallel, ohne sich gegenseitig zu stützen.
Novo Nordisk: Ein Pipeline-Rückschlag trifft einen nervösen Markt
Die Zeus-Studie zum Wirkstoff Ziltivekimab ist gescheitert – kein Vorteil bei schweren kardiovaskulären Ereignissen (MACE). Novo Nordisk kündigte eine Wertberichtigung für das dritte Quartal an, hält aber am Ausblick für den operativen Gewinn 2026 fest; die parallel laufenden Studien Hermes und Artemis sind davon unberührt. Der Markt quittierte die Nachricht dennoch scharf: Die Aktie verlor am Tag rund 8 Prozent und notiert damit spürbar unter ihrem 52-Wochenhoch von Ende Januar, die Jahresperformance bleibt mit knapp 7 Prozent im Minus.
Für Anleger zählt hier die Unterscheidung: Ein gescheiterter Nebenwirkstoff ist ein Pipeline-Rückschlag, keine Korrektur der Kernstory. Aber die Heftigkeit der Kursreaktion zeigt, wie dünnhäutig der Markt bei jedem negativen Pipeline-Signal reagiert, wenn eine Aktie ohnehin schon unter Druck steht.
Eurozone-Inflation: Rückenwind für die EZB-Falken
Während sich Öl, Krypto und Pharma an Einzelnachrichten abarbeiten, liefert die Eurozone eine Zahl mit breiterer Wirkung: Die Verbraucherpreise zogen im Juli auf 2,9 Prozent an, nach 2,8 Prozent im Juni, die Kernrate stieg von 2,4 auf 2,5 Prozent. Treiber waren ein Energiepreisanstieg von 10 Prozent und eine Dienstleistungsinflation von 3,3 Prozent. National reicht die Spanne von 2,0 Prozent in Estland bis 5,6 Prozent in Litauen; Deutschland liegt bei 2,8 Prozent, Spanien bei 3,8 Prozent. Bemerkenswert: National meldete Deutschland für Juni noch einen Rückgang auf 2,3 Prozent – ein Hinweis darauf, dass sich die deutsche Inflationsdynamik zunehmend von der gesamteuropäischen Entwicklung löst.
Der EZB-Leitzins liegt aktuell bei 2,25 Prozent, und Experten rechnen im September mit einer Zinserhöhung. Für Anleiheinvestoren und zinssensitive DAX-Werte aus Immobilien und Bauwirtschaft ist das ein Signal, Durationen und Refinanzierungskosten neu zu kalkulieren. Der Euro dürfte von der Aussicht auf höhere Zinsen tendenziell profitieren.
Der globale Kompass
Der Freitag zeigt, wie unterschiedlich sich Risiko gerade auszahlt. Wer auf Öl-Cashflows setzt, wird von der Geopolitik getragen – Chevron und Exxon beweisen das mit Zahlen, die vor einem Jahr niemand für möglich gehalten hätte. Wer auf Krypto-Infrastruktur setzt, muss Volumenschwäche und offenen Analystenstreit aushalten. Und wer auf Pharma-Pipelines setzt, spürt jeden Studienausfall sofort im Kurs, selbst wenn die Kernstory intakt bleibt. Nach den margengetriebenen Ausverkäufen bei Adidas und Nemetschek gestern zeigt sich damit ein zweites, verwandtes Muster dieser Berichtssaison: Der Markt differenziert gnadenlos zwischen Nachricht und Story – und bestraft jede Unschärfe sofort.
Während die Öl-Geopolitik heute die Schlagzeilen bestimmt, eskaliert an anderer Front ein nicht minder folgenreicher Konflikt: der Kampf um die technologische Vorherrschaft bei Mikrochips zwischen den USA und China. Genau darum geht es im Live-Webinar „Chipkrieg USA vs China – Die neue NVIDIA“, zu dem die Chip- und Tech-Experten Bernd Wünsche und Johannes Daut am 02.08.2026 um 18:00 Uhr einladen. Sie ordnen ein, wie chinesische KI-Modelle jüngst US-Chip-Aktien ins Wanken brachten, wie Washington mit einem milliardenschweren TSMC-Deal gegensteuert und welche Rolle der aktuelle Schmuggelverdacht rund um einen Nvidia-Mitarbeiter für die weitere Eskalation spielt. Im Fokus steht dabei, welche Unternehmen von diesem Wettlauf am stärksten profitieren könnten – ähnlich wie bei den Ölmultis heute entscheidet auch hier oft die geopolitische Lage über den Kursverlauf, nicht allein das operative Geschäft. Wer verstehen will, wo sich in diesem Sektor Chance und Risiko wie bei Chevron gerade neu verschieben, findet hier eine aktuelle Einordnung. Jetzt zum Webinar „Chipkrieg USA vs China – Die neue NVIDIA“ anmelden
Die kommenden Wochen dürften von der weiteren Entwicklung der Iran-Sanktionen und der Lage in der Straße von Hormus bestimmt werden, dazu kommt die EZB-Sitzung im September. Beide Faktoren wirken direkt auf Öl-, Zins- und Währungspositionen in deutschen Depots. Für den Einstieg ins Wochenende bleibt die nüchterne Erkenntnis: Cashflow schlägt Versprechen, aber auch der sicherste Cashflow ist inzwischen ein Stück weit eingepreist.
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