Chipflation: Wer am KI-Boom verdient und wer die Rechnung zahlt

Samsung erzielt hohe Quartalsgewinne mit Speicherchips, während OpenAIs Umsatzangaben und kreditfinanzierte KI-Investitionen den Markt verunsichern.

Die Kernpunkte:
  • Samsungs operativer Gewinn fast verneunfacht
  • Speicherpreise belasten Samsungs Gerätesparte
  • OpenAI nennt rund 50 Milliarden Dollar Umsatz
  • KI-Investitionen werden zunehmend fremdfinanziert

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

die Gewinne des KI-Booms landen in dieser Woche bei den Speicherherstellern, nicht bei den Modellanbietern. Samsung meldete am Donnerstag den höchsten Quartalsgewinn, den je ein Technologiekonzern ausgewiesen hat. Am selben Tag ließ ein Bericht über die Umsätze von OpenAI die KI-Werte an der Wall Street einbrechen. Dazwischen liegt die Frage, die das Depot in den kommenden Monaten entscheidet: Wer zahlt die Chip-Preise, und wer kassiert sie?

Samsung: 71 Milliarden Euro in einem Quartal, und die Aktie fällt

Samsung Electronics hat im dritten Quartal vorläufig 107,4 Billionen Won operativen Gewinn erzielt, umgerechnet rund 71,5 Milliarden Euro. Das ist fast das Neunfache des Vorjahreswerts und ein Fünftel mehr als im Vorquartal.

Der Umsatz hat sich auf 195 Billionen Won, rund 130 Milliarden Euro, mehr als verdoppelt, die operative Marge liegt bei 55 Prozent. Treiber ist allein die Chipsparte: Der Festvertragspreis für einen DDR4-Speicherbaustein mit acht Gigabit stieg binnen eines Jahres von 6,3 auf 26 Dollar.

Die Kehrseite zeigt sich ausgerechnet im eigenen Haus. Die Endgerätesparte mit Smartphones und Fernsehern schrieb laut Analystenschätzungen zwischen 1,8 und 2,1 Billionen Won Verlust. Samsung muss die Speicher für seine eigenen Handys zu Preisen einkaufen, die im ersten Halbjahr um gut 211 Prozent über dem Vorjahresschnitt lagen.

Die Börse quittierte den Rekord mit Verkäufen. Die Samsung-Aktie fiel am Donnerstag in Seoul um 2,4 Prozent auf 262.000 Won, rund 174 Euro. Ausländische Investoren verkauften seit Ende September netto Papiere für 4,16 Billionen Won, umgerechnet gut 2,7 Milliarden Euro.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei vier, die Kursziele koreanischer Häuser reichen von 400.000 Won (Samsung Securities) bis 600.000 Won (KB Securities). TrendForce erwartet für das vierte Quartal weitere Preisaufschläge von 10 bis 15 Prozent bei DRAM und 15 bis 20 Prozent bei NAND. Samsung und Micron rechnen mit einem Angebotsdefizit bis 2028.

Wer Samsung jetzt verkauft, wettet darauf, dass der Speicherzyklus früher kippt, als neue Kapazitäten nachkommen – wer kauft, bekommt Rekordgewinne zu einem Bewertungsabschlag, den der Markt nur gewährt, weil er den Gipfel des Zyklus bereits einpreist.

Am 29. Oktober folgen die Spartenzahlen und der Plan für Aktionärsrenditen von bis zu 110 Billionen Won. TSMC lieferte am Donnerstag die Bestätigung aus Taiwan: Der Quartalsumsatz stieg um 51 Prozent auf 46,8 Milliarden Dollar.

OpenAI: 20 Milliarden Dollar Differenz und ein Boom auf Pump

Am Donnerstag erschütterte die Financial Times den KI-Handel mit einer einzigen Zahl. OpenAI nannte Investoren einen annualisierten Umsatz von rund 50 Milliarden Dollar per Ende September, nicht die zuvor kolportierten 68 bis 70 Milliarden.

Die Differenz ist eine Frage der Buchführung: OpenAI rechnet Erlöse heraus, die über die Cloud-Partner Amazon, Google und Microsoft laufen. Anthropic rechnet sie ein und kommt so auf 65 Milliarden Dollar per Juli. Das Wachstum von OpenAI bleibt mit 77 Prozent insgesamt und 107 Prozent bei Firmenkunden intakt.

Der Markt verkaufte trotzdem erst und rechnete danach. Der Halbleiterindex verlor am Donnerstag 3,4 Prozent, CoreWeave 8 Prozent und Nvidia knapp 3 Prozent. Am Freitag meldete Bloomberg, OpenAI steuere bis Jahresende auf mindestens 70 Milliarden Dollar zu. Oracle erholte sich daraufhin um 4,7 Prozent. Nvidia schloss am Freitag mit 204,70 Euro nochmals leicht im Minus und liegt unter dem Rekordhoch vom Dienstag.

Die Unruhe hat einen Grund, der größer ist als eine Buchungsmethode. Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta investierten im zweiten Quartal zusammen 165 Milliarden Dollar in Sachanlagen, fast doppelt so viel wie ein Jahr zuvor.

Vom freien Cashflow blieben danach rund 6,7 Milliarden Dollar. Bain beziffert, dass die Branche bis 2031 jährlich 6 Billionen Dollar Umsatz braucht, um diese Ausgaben zu rechtfertigen.

Gleichzeitig verlagert sich die Finanzierung: Broadcom verhandelt laut Wall Street Journal mit Apollo und Blackstone über mehr als 50 Milliarden Dollar für den gemeinsam mit OpenAI entwickelten Chip. Oracle sucht Geld für ein Rechenzentrum mit einem Gigawatt Leistung, SpaceX spricht über 40 Milliarden Dollar für Nvidia-Chips.

Die Nachfrage nach Nvidia-Chips ist also real und wird inzwischen mit Fremdkapital von Beteiligungshäusern bezahlt – das verlängert den Zyklus, verschiebt aber das Risiko aus den Bilanzen der Tech-Konzerne in die der Finanzierer. Nvidia bleibt mit 28 Prozent Plus seit Jahresbeginn der Profiteur, der Analystenkonsens sieht im Schnitt 324 Dollar.

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Bitcoin: Hebel ersetzt ETF-Geld

Bitcoin hat in dieser Woche den zweiten Anlauf an die 87.000-Dollar-Marke verloren und notiert am Samstag um 82.900 Dollar, rund 74.000 Euro. Die Ursache liegt weniger in der Geopolitik als in den Kapitalflüssen.

Die US-Spot-ETFs verloren am Dienstag 485 Millionen Dollar, der größte Tagesabfluss seit Juni, und am Mittwoch weitere 244 Millionen. Nach 2,65 Milliarden Dollar Zuflüssen im September steht der Oktober im Minus, erst am Freitag drehten die Flüsse mit 21 Millionen Dollar leicht ins Plus.

Das Geld, das fehlt, wird durch geliehenes ersetzt. Zugleich stieg das offene Interesse an Terminkontrakten um vier Prozent, während der Kurs fünf Prozent fiel. Am Donnerstag wurden binnen 24 Stunden Positionen über 1,1 Milliarden Dollar zwangsliquidiert, fast ausschließlich Wetten auf steigende Kurse.

JPMorgan zählt für 2026 dennoch rund 50 Milliarden Dollar Zuflüsse in digitale Vermögenswerte. Börsennotierte Miner verkauften in diesem Jahr netto Bitcoin für 1,8 Milliarden Dollar, teils um KI-Rechenzentren zu finanzieren.

Strategy kaufte Anfang Oktober 334 Bitcoin für 28,7 Millionen Dollar und hält nun 848.000 Stück zu durchschnittlich 75.441 Dollar. Die Strategy-Aktie notiert erstmals leicht unter dem Wert ihrer Bitcoin-Bestände, das Aufgeld der Hebelwette ist verschwunden.

Bitcoin ist 2026 kein Zinsgegner mehr, sondern ein Zinsfolger: Solange die zehnjährige US-Rendite über fünf Prozent liegt, konkurriert der sichere Ertrag mit der Kurshoffnung. Die Zone von 80.500 bis 81.500 Dollar an der 50-Tage-Linie entscheidet, ob der Boden hält oder der Weg zu 76.000 Dollar frei wird.

Gold: Die Inflationserwartungen überholen die Fed

Gold stieg am Freitag um 1,5 Prozent auf knapp 4.200 Dollar, Silber um fast drei Prozent über 60 Dollar. Auslöser war ein schwaches Verbrauchervertrauen: Die Universität Michigan meldete für Oktober vorläufig 46,3 Punkte. Die Inflationserwartungen auf Jahressicht stiegen auf 4,7 Prozent, den höchsten Stand seit Mai. Die Geldmärkte preisen zu gut 80 Prozent eine Zinserhöhung der Fed im Dezember ein – eigentlich Gegenwind für Gold.

Dass der Preis trotzdem steigt, liegt am strukturellen Käufer. Chinas Notenbank erhöhte ihre Reserven den 23. Monat in Folge, Russland verfünffacht seine Gold- und Devisenkäufe bis Anfang November.

Gold-ETFs sammelten im dritten Quartal rekordhohe 31 Milliarden Dollar ein. HSBC senkte dennoch die Prognose für 2026 auf 4.490 Dollar je Unze. Gold liegt seit Jahresbeginn knapp drei Prozent im Minus, das Januar-Hoch von fast 5.600 Dollar ist weit entfernt.

Gold ist derzeit eine Wette darauf, dass die Inflationserwartungen die Fed überholen: Eine Zinserhöhung ist eingepreist, eine zweite nicht, und die US-Verbraucherpreise am Mittwoch entscheiden, welche Seite recht behält. Fed-Chef Kevin Warsh spricht am Donnerstagabend auf der IWF-Tagung in Bangkok.

Berichtssaison: Delta zeigt, wie Öl in der Gewinnrechnung ankommt

Delta Air Lines hat am Freitag die Jahresprognose gekappt. Delta erwartet für 2026 nur noch 5,10 bis 5,60 Dollar Gewinn je Aktie nach 6,50 bis 7,50 Dollar im Juli.

Die Treibstoffkosten stiegen im dritten Quartal um 62 Prozent auf 4,1 Milliarden Dollar, der freie Cashflow soll nur noch 2,5 statt bis zu 4 Milliarden Dollar erreichen. Die Delta-Aktie schloss unverändert, der Markt hatte die Rechnung erwartet.

Der Konsument sendet gemischte Signale. Apple gab am Freitag nach einem Bericht über gekürzte Produktionspläne für das iPhone 18 Pro leicht nach. Netflix plant ab der kommenden Woche den Abbau von rund fünf Prozent der Stellen. Humana sprang um 11,6 Prozent, weil 95 Prozent der Mitglieder 2027 in hoch bewerteten Medicare-Plänen landen.

Die eigentliche Berichtssaison startet am Dienstag mit JPMorgan, Goldman Sachs und Citigroup, am Mittwoch folgen Morgan Stanley und Bank of America. LSEG erwartet für den S&P 500 ein Gewinnwachstum von 30,6 Prozent im dritten Quartal, getragen von Energie mit 123 Prozent und Technologie mit 66,5 Prozent.

In Europa meldet Volkswagen am Montag die Auslieferungen, ASML berichtet am Mittwoch, TSMC am Donnerstag. Mit 30 Prozent Gewinnwachstum als Messlatte und Indizes nahe Rekord ist der Puffer für Enttäuschungen klein, und die Banken müssen am Dienstag beweisen, dass höhere Zinsen tatsächlich in den Zinserträgen ankommen.

Der globale Kompass

Diese Woche hat die Gewinne geliefert – bei Samsung, bei TSMC – und zugleich die Zweifel, ob die Abnehmer dieser Chips ihre Rechnungen je verdienen. Die kommende Woche bringt die Tests: Verbraucherpreise am Mittwoch, Banken ab Dienstag, TSMC am Donnerstag, während die US-Anleihemärkte am Montag feiertagsbedingt ruhen. Nutzen Sie den Rest des Wochenendes, um Ihre Positionen auf eine einzige Frage zu prüfen: Auf welcher Seite der Chip-Rechnung stehen sie?

Ich wünsche Ihnen einen ruhigen Sonntag, bevor die Banken am Dienstag ihre Zahlen auf den Tisch legen.

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