Interviewmit Dieter Jaworski

Commerzbank Aktie: Analyst Jaworski nennt die Bewertung anspruchsvoll

Dieter Jaworski würdigt die Kapitalrückgabe, sieht den Aktienkurs aber erst durch belastbare Erträge gerechtfertigt.

Die Kernpunkte:
  • Rund 3,2 Milliarden Euro Rückfluss geplant
  • Analyst sieht Bewertung bereits anspruchsvoll
  • Quartalszahlen folgen am 5. November
  • EZB senkt Kapitalvorgabe für 2027

Am 5. November legt die Commerzbank ihre nächsten Quartalszahlen vor; dann lässt sich prüfen, wie belastbar die Erträge hinter den geplanten Ausschüttungen sind. Die EZB hat inzwischen die bankspezifische Kapitalanforderung für 2027 gesenkt, während der Vollzug des UniCredit-Vorhabens weiter aussteht. Felix Baarz spricht mit Dieter Jaworski darüber, woran sich die Kapitalverwendung des Managements messen lassen muss.

Commerzbank (DE000CBK1001) — Schlusskurse 04.05.2026 bis 29.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 29.10.2026.

Commerzbank (DE000CBK1001) — Schlusskurse 04.05.2026 bis 29.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 29.10.2026.

Felix Baarz: Bettina Orlopp setzt die Aktienrückkäufe fort, während UniCredit die Kontrolle anstrebt. Belegt diese Rückgabe von Kapital nicht, dass das Management die Interessen der Aktionäre konsequent vertritt?

Dieter Jaworski: Ein Rückkauf allein belegt keine gute Kapitalallokation, also keine gute Verwendung der verfügbaren Mittel. Zwischen ausgegebenem Geld und geschaffenem Wert liegt der Preis, den die Bank für ihre eigenen Aktien bezahlt. Genau dort reißt Ihre Schlusskette.

Ich beurteile Orlopps bisherige Kapitalverwendung vorsichtig positiv. Für eine Spitzenbewertung fehlt mir der längerfristige Nachweis, dass die Rückkäufe gegenüber Investitionen ins Geschäft tatsächlich die bessere Verwendung waren.

Die Messlatte ist der Wert je verbleibender Aktie. Zur Rechnung gehören auch die Ausgaben für sichere, leistungsfähige IT und die Fähigkeit, im Firmenkundengeschäft zu wachsen. Der Rückkaufmotor braucht Erträge als Treibstoff.

Felix Baarz: „Die Messlatte ist der Wert je verbleibender Aktie“, sagen Sie. Die Commerzbank wickelt nach eigenen Angaben rund 30 Prozent der deutschen Außenhandelsfinanzierung ab. Unterschätzen Sie damit nicht die Qualität des Geschäfts, dessen Wert die Rückkäufe auf weniger Aktien verteilen?

Dieter Jaworski: Diese Qualität erkenne ich ausdrücklich an. Wer Zahlungsverkehr und Außenhandelsabwicklung tief in die Systeme seiner Firmenkunden eingebaut hat, lässt sich schwer über Nacht ersetzen. Ein Wechsel kostet technische Arbeit und birgt Betriebsrisiken.

Nur besitzt die Commerzbank damit keine freie Hand bei den Preisen. Deutsche Bank und internationale Anbieter können ebenfalls grenzüberschreitende Geschäfte abwickeln. Standardisierte Datenformate erleichtern außerdem die Zusammenarbeit mit anderen Banken. Die Bindung ist wertvoll, ihre Grenzen sind es für die Bewertung ebenso.

Am stärksten gewichte ich die Stellung bei exportierenden Unternehmen. Sie verbindet die Bank allerdings auch mit deren Problemen: Schwächerer Außenhandel oder Handelshemmnisse können auf Geschäft und Kreditqualität durchschlagen. Eine gute Kundenbeziehung schützt keinen Kunden vor einer schlechten Auftragslage.

Felix Baarz: Die dokumentierten Vorstandskäufe vom 11. Februar 2026 zeigen eigenes finanzielles Engagement. Ist Ihr zurückhaltendes Urteil über das Management angesichts dieses Vertrauensbeweises nicht überzogen?

Dieter Jaworski: Eigenes Geld einzusetzen, rechne ich dem Vorstand an. Aus solchen Käufen lässt sich aber weder dauerhaft gutes Urteilsvermögen noch eine verlässliche Vorhersage ableiten. Vertrauen bekommt bei mir Gewicht, keinen Freifahrtschein.

Felix Baarz: Welche Substanz trägt die Bewertung heute, wenn Sie sowohl den Rückkäufen als auch der Übernahmeperspektive nur begrenzten Vorschuss geben?

Dieter Jaworski: Das Firmenkundengeschäft trägt einen erheblichen Teil. Dazu kommt die Fähigkeit, Kapital an die Eigentümer zurückzugeben: Für 2026 sind rund 3,2 Milliarden Euro Kapitalrückfluss geplant. Diesen Betrag gewichte ich stark, weil er die Kapitalverwendung des Managements greifbar macht.

Viel davon steckt nach meiner Einschätzung bereits in der Bewertung. Deshalb bin ich bei der Aktie zurückhaltender als beim Geschäft.

Auch die Bewertung über einzelne Geschäftsbereiche liefert keinen überzeugenden Beleg für einen großen Abschlag. Ihre Aussagekraft ist bei Banken allerdings begrenzt: Verbindlichkeiten finanzieren hier das laufende Geschäft und lassen sich nicht wie gewöhnliche Industrieschulden behandeln. Eine scheinbar präzise Rechnung verdient deshalb Misstrauen.

Die EZB-Freigabe für UniCredit beseitigt eine aufsichtsrechtliche Hürde. Sie belegt weder einen vollzogenen Eigentumsübergang noch bereits verdiente Integrationsvorteile. Solche Vorteile bekommen bei mir vorerst wenig Gewicht.

Felix Baarz: Was müssten die angekündigten Zahlen am 5. November erkennen lassen, damit Ihre Skepsis gegenüber der Ertragsbasis ins Wanken gerät?

Dieter Jaworski: Ein früher Gegenbeleg wäre ein steigender Zinsüberschuss, von dem nach der Vorsorge für mögliche Kreditausfälle mehr übrig bleibt. Darauf würde ich zuerst schauen. Die Zinserhöhung der EZB kann die Krediterträge stützen; entscheidend ist, wie viel davon nach teureren Einlagen und möglichen Kreditverlusten ankommt.

Wenn sich dieser Ertragsbeitrag verbessert und die Bank ihre Kapitalrückgabe aus eigener Kraft trägt, hätte ich die Belastbarkeit des Geschäfts unterschätzt. Dafür brauche ich keine Kursreaktion.

Die Senkung der Säule-2-Anforderung, also des bankspezifischen zusätzlichen Kapitalbedarfs, auf 2,1 Prozent für 2027 erleichtert die Planung. Sie erhöht für sich genommen keinen Kundenertrag. Meine größere Sorge bleibt die Kreditqualität deutscher Unternehmen. Hohe Insolvenzen können den Vorteil höherer Kreditzinsen aufzehren; wie stark die Commerzbank betroffen ist, lässt sich aus den Branchenzahlen allein nicht ableiten.

Felix Baarz: Sie gewichten die geplanten 3,2 Milliarden Euro Kapitalrückfluss stark und halten bereits viel davon für eingepreist. Welches Gesamturteil folgt daraus für die Aktie?

Dieter Jaworski: Für mich ist die Commerzbank ein ordentlich geführtes Geschäft mit einer anspruchsvoll gewordenen Bewertung. Die Kapitalrückgabe verdient Anerkennung; für deutlich mehr Zuversicht müssen die Erträge den Vorschuss erst tragen. Ich gewichte diesen Nachweis höher als die Kapitalfreigabe und die Übernahmeperspektive.

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