Commerzbank-Aktie: Wird der Übernahmestreit im August eskalieren?

UniCredit-Chef Orcel droht mit außerordentlicher Hauptversammlung, falls keine Einigung erzielt wird. Commerzbank-Aufsichtsrat zeigt sich unbeeindruckt.

Die Kernpunkte:
  • Orcel droht mit außerordentlicher Hauptversammlung
  • Weidmann: Keine Abkürzung über Berlin
  • Bundesfinanzministerium lehnt direkte Gespräche ab
  • Aktie unter 50-Tage-Linie gefallen

Ausgangslage: Drohkulisse vor den Halbjahreszahlen

Der Übernahmepoker um die Commerzbank hat in den vergangenen Tagen eine neue Verschärfungsstufe erreicht. UniCredit-Chef Andrea Orcel droht laut einem Medienbericht offen mit der Einberufung einer außerordentlichen Hauptversammlung, um die komplette Anteilseignerseite im Aufsichtsrat auszutauschen – sollte es in den Gesprächen mit der Bundesregierung und den Betriebsräten zu keiner Einigung kommen. Commerzbank-Aufsichtsratschef Jens Weidmann hielt am Freitag dagegen: Es werde „keine Abkürzung über Berlin“ geben, die Mehrheitsverhältnisse für die nächste Hauptversammlung seien bereits klar, ließ er laut Handelsblatt verlauten. Das Bundesfinanzministerium wiederum lehnt direkte Verhandlungen mit den Italienern ab und bezeichnet deren Vorgehen als „aggressiv“ – man solle die Sache unter den Banken selbst klären.

Diese Frontenbildung trifft die Aktie in einer fragilen Phase. Nach einem neuen Jahreshoch bei 39,18 Euro Mitte Juli ist das Papier deutlich zurückgekommen und notiert nun mit 36,60 Euro rund 6,58 Prozent unter diesem Hoch, zugleich unter der 50-Tage-Linie. Warum zählt das jetzt besonders? Weil binnen weniger Wochen zwei Termine zusammenfallen, die die Statik des Machtkampfs verändern könnten: die Halbjahreszahlen am 6. August und die von Orcel ins Spiel gebrachte außerordentliche Hauptversammlung, die – sollte sie tatsächlich einberufen werden – die Kontrolle über den Aufsichtsrat neu verteilen würde.

Die entscheidende Frage: Reicht die Beteiligung für die Kontrolle?

Der Kern des gesamten Konflikts läuft auf eine einzige Größe hinaus: Wie hoch ist der tatsächliche Einfluss, den UniCredit über direkte Aktien und derivative Optionen mittlerweile ausüben kann? Nach Ablauf der Nachfrist für das freiwillige Tauschangebot Anfang Juli hat die italienische Großbank ihren rechnerischen Zugriff auf Stimmrechte und Kaufoptionen nach eigenen Angaben deutlich ausgebaut. Genau an dieser Zahl entzündet sich der Streit: Reicht sie aus, um auf einer außerordentlichen Hauptversammlung tatsächlich eine Mehrheit der anwesenden Stimmen zu organisieren, oder bleibt Orcels Drohung vorerst ein Druckmittel ohne belastbare Mehrheit? Weidmanns Aussage, die Mehrheitsverhältnisse seien „bereits klar“, deutet darauf hin, dass die Commerzbank-Führung sich hier sicherer fühlt, als es die öffentliche Eskalationsrhetorik vermuten lässt. Für Anleger ist diese Kennzahl der eigentliche Kompass – nicht die Tagesschlagzeilen um gegenseitige Vorwürfe.

Bullisches Szenario

Bleibt die Bundesregierung bei ihrer ablehnenden Haltung gegenüber direkten Gesprächen und zwingt sie damit beide Banken zu einer bilateralen Lösung, könnte dies paradoxerweise stabilisierend wirken: Ein geordneter Verhandlungsprozess zwischen Commerzbank-Management und UniCredit, ohne politische Einmischung, würde Rechtsunsicherheit reduzieren. Sollte zudem die Hauptversammlung, auf die sich Weidmann beruft, tatsächlich eine für das Management komfortable Mehrheit bestätigen, verlöre Orcels Drohung an Schärfe. Für die operative Substanz spricht, dass die Analysten mit Blick auf die Zahlen am 6. August primär auf die Bestätigung der angehobenen Zinsüberschuss-Prognose schauen – ein positives operatives Signal könnte den Kurs unabhängig vom Übernahmestreit stützen und die Distanz zum 50-Tage-Durchschnitt von aktuell 1,63 Prozent wieder schließen.

Bärisches Szenario und Risiko

Das Gegenszenario ist ernst zu nehmen: Sollte UniCredit tatsächlich eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen und dabei eine Mehrheit gegen die amtierende Aufsichtsratsseite mobilisieren, entstünde eine Führungskrise mit unklarem Ausgang für Strategie und Eigenständigkeit der Commerzbank. Die Weigerung der Bundesregierung, sich aktiv einzuschalten, könnte sich auch als Vakuum erweisen, das UniCredit zusätzlichen Handlungsspielraum verschafft. Der jüngste Kursrückgang von über fünf Prozent binnen einer Handelswoche vor Wochenfrist – ohne erkennbaren operativen Auslöser – zeigt zudem, wie nervös der Markt auf jede neue Eskalationsstufe reagiert. Eine erneute Verschärfung der Rhetorik dürfte die Volatilität, aktuell bei annualisiert 28,35 Prozent, weiter befeuern und den Kurs Richtung 200-Tage-Durchschnitt drücken.

Ausblick

Solange sich Commerzbank-Führung und Bundesregierung einig zeigen, dass es keine politische Vermittlung gibt, und solange die vom Management reklamierte Hauptversammlungsmehrheit unangefochten bleibt, dürfte der Übernahmestreit ein Kommunikationskrieg ohne unmittelbare strukturelle Konsequenz bleiben. Kippt jedoch die Mehrheitslage – etwa weil UniCredit belegen kann, dass seine ausgebaute Beteiligung tatsächlich für eine Aufsichtsratsmehrheit reicht – dürfte sich der Konflikt rasch zuspitzen und in eine formale Einberufung münden. Der nächste konkrete Prüfstein sind die Halbjahreszahlen am 6. August: Bestätigt das Management dort die angehobene Zinsüberschuss-Prognose, gewinnt die Eigenständigkeits-Argumentation an Substanz. Bleibt die Prognose aus oder wird sie kassiert, dürfte dies Orcels Position im Machtkampf zusätzlich stärken.

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