Commerzbank vor der Machtübergabe: Was der Herbst entscheidet
UniCredit treibt den Kontrollwechsel bei der Commerzbank voran. Die EZB-Zulassung scheint greifbar, während der Bund über den Verkauf seiner Anteile verhandelt.

- EZB-Genehmigung zeichnet sich ab
- Bund signalisiert Verkaufsbereitschaft
- Rekordergebnis stützt Commerzbank-Aktie
- Cum-Ex-Verfahren belastet Stimmung
Ausgangslage
Die Commerzbank steuert auf einen Kontrollwechsel zu, dessen Zeitplan sich zunehmend konkretisiert. UniCredit hält bereits knapp 48 Prozent der Stimmrechte plus weitere 11 Prozent über Finanzinstrumente, durch den technischen Aktieneinzug ergibt sich rechnerisch bereits eine faktische Quote von 49,65 Prozent.
Anfang August hatte die BaFin den Übernahmeantrag von UniCredit als vollständig eingestuft und an die Europäische Zentralbank weitergeleitet – seither gilt die aufsichtsrechtliche Prüfung als das entscheidende Nadelöhr.
Vor gut einer Woche zeichnete sich laut Reuters ab, dass die EZB zu einer Genehmigung neigt; die Commerzbank-Aktie hat seither um 1,8 Prozent nachgegeben, nachdem der Kurs zuvor bereits deutlich gelaufen war.
Parallel dazu hat die Bank vor rund zwei Wochen mit einem Rekordergebnis überzeugt, der Titel legte in der Folge um 1,4 Prozent zu. Beide Nachrichten sind mittlerweile eingepreist – der eigentliche Spannungsbogen liegt jetzt woanders: in der politischen und juristischen Gemengelage rund um den Machtwechsel selbst.
Denn während die aufsichtsrechtliche Ampel auf Grün steht, hat sich das Umfeld zuletzt verdichtet. Die Bundesregierung signalisiert laut Bloomberg Bereitschaft, ihre 12,7-Prozent-Beteiligung an UniCredit zu verkaufen, sofern eine Einigung über Strategie und Zukunft der Bank zustande kommt.
Aufsichtsratschef Jens Weidmann hatte Ende Juli seinerseits Gesprächsbereitschaft signalisiert, erste formale Gespräche zwischen UniCredit-Chef Andrea Orcel und Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp zu Bilanz-, Rechts- und Risikofragen des Kontrollwechsels sind angelaufen.
Zugleich belastet eine Cum-Ex-Anklage gegen vier ehemalige Mitarbeiter das Umfeld – ein Ereignis der Vergangenheit, das aber Fragen zur Reputation der Bank in der laufenden Machtfrage aufwirft.
Die entscheidende Frage
Für Anleger läuft alles auf eine Frage hinaus: Gelingt eine einvernehmliche Lösung zwischen UniCredit, Commerzbank-Management und Bund, oder bleibt es bei einer schleichenden, potenziell konfliktbeladenen Kontrollübernahme ohne Übereinstimmung über Strategie und Standort?
Orcel selbst rechnet mit einer aufsichtsrechtlichen Genehmigung möglicherweise im vierten Quartal 2026, eine faktische Kontrollübernahme könnte im Herbst oder spätestens Anfang Dezember erfolgen. Ob dieser Prozess geordnet oder konfrontativ verläuft, entscheidet maßgeblich über die Kursfantasie der kommenden Monate.
Bullisches Szenario
Kommt es zu einer verhandelten Lösung, profitieren Aktionäre gleich mehrfach: Die operative Stärke der Bank bliebe erhalten, das Nettoergebnis der ersten Jahreshälfte kletterte bereits um 40 Prozent auf ein Rekordniveau von 1,81 Milliarden Euro, das Jahresziel von mindestens 3,4 Milliarden Euro wurde bestätigt.
Mehrere Analysehäuser hatten ihre Kursziele im Zuge der Zahlen deutlich angehoben – DZ Bank auf 46 Euro, RBC auf 43 Euro mit Hochstufung auf „Outperform“, diese Einschätzungen datieren jedoch bereits auf Anfang August und spiegeln nicht zwingend die jüngste Entwicklung der Übernahmegespräche.
Sollte UniCredit die Integration mit Rücksicht auf deutsche Interessen gestalten und der geplante Aktienrückkauf von bis zu 1,2 Milliarden Euro fortgeführt werden, dürfte die Bewertung der Aktie perspektivisch weiter steigen.
Bärisches Szenario
Das Risiko liegt in einer erzwungenen statt verhandelten Übernahme. Nach eigenen Erhebungen der Commerzbank haben lediglich 2,7 Prozent institutioneller und privater Anleger ihre Aktien im Rahmen des Übernahmeangebots angedient – der Großteil der bislang gemeldeten 17,6 Prozent stammt Berichten zufolge von mit UniCredit verbundenen Finanzinstituten, die sich Aktien zuvor womöglich geliehen hatten. Das deutet auf geringe Zustimmung der breiten Aktionärsbasis hin und birgt Konfliktpotenzial für die Hauptversammlung, auf der UniCredit trotz fehlender Mehrheit faktisch das Zünglein an der Waage stellt.
Zusätzlich belastet die Cum-Ex-Anklage das Vertrauen in die Führungsstrukturen der Bank – ein Verfahren, das juristisch offen ist, aber öffentlich Druck erzeugt. Sollte der Bund seine UniCredit-Beteiligung nicht ohne handfeste Strategiezusagen abgeben, könnte sich der Prozess zudem deutlich verzögern.
Ausblick
Solange die Gespräche zwischen Orcel und Orlopp konstruktiv bleiben und die EZB ihre Genehmigung wie erwartet erteilt, dürfte der Übernahmeprozess geordnet verlaufen und die operative Stärke der Bank – mit einer Nettoeigenkapitalrendite von 12,6 Prozent und einer harten Kernkapitalquote von 14,4 Prozent – als Fundament dienen.
Kippt jedoch die politische Unterstützung, etwa weil der Bund keine ausreichenden Strategiezusagen erhält, oder eskaliert die Cum-Ex-Affäre öffentlichkeitswirksam, drohen Unsicherheit und Kursschwankungen zuzunehmen.
Der nächste konkrete Wegpunkt ist die für das vierte Quartal 2026 erwartete finale aufsichtsrechtliche Entscheidung der EZB, die den Zeitpunkt einer möglichen faktischen Kontrollübernahme – laut UniCredit im Herbst oder spätestens Anfang Dezember 2026 – maßgeblich bestimmen dürfte.
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