DAX: Halbleiter schlagen Kriegsangst

Trotz EZB-Zinserhöhung und Iran-Drohungen schließt der DAX im Plus. Der Halbleitersektor treibt die Kurse an, Analysten sehen weiteres Potenzial.

Die Kernpunkte:
  • DAX schließt trotz Krisen im Plus
  • Chip-Umsatz steigt um 80 Prozent
  • EZB erhöht Leitzins auf 2,25 Prozent
  • Analystin hebt DAX-Jahresziel an

Trumps Drohungen, EZB-Zinserhöhung, eskalierende Spannungen am Persischen Golf — und der DAX schließt dennoch im Plus. Kein großes Plus, gewiss, aber die Botschaft ist eindeutig: Der Markt richtet seinen Blick gerade woanders hin.

Chip-Boom übertönt Geopolitik

Der Halbleitersektor bestimmt derzeit die Stimmung an den Börsen — und das trotz erheblicher Gegenströmungen. Der globale Chipumsatz wuchs im März um rund 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr, getrieben vom massiven Ausbau der KI-Infrastruktur. Die Gewinne im Technologiesektor ziehen entsprechend kräftig an, was vor allem US-Börsen beflügelt — aber auch dem DAX Rückenwind gibt.

DZ-Bank-Analystin Birgit Henseler erhöhte ihr Jahresendziel für den deutschen Leitindex auf 27.500 Punkte — das wäre vom aktuellen Stand ein Aufwärtspotenzial von gut 13 Prozent. Als Treiber nennt sie neben dem Chip-Boom die großen Industrieunternehmen sowie den Finanzsektor. Die durchschnittliche Gewinnerwartung der DAX-Konzerne liege 15 Prozent über dem Vorjahresniveau.

EZB dreht an der Zinsschraube

Der eigentliche Paukenschlag des Tages kam von der EZB — auch wenn die Märkte ihn gelassen verdauten. Die Währungshüter hoben den Einlagenzins um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent an, die erste Erhöhung seit September 2023. Hintergrund ist der rapide Anstieg der Inflation: Von 1,7 Prozent im Januar auf 3,2 Prozent im Mai — ausgelöst durch die Energiekrise infolge der Lage am Persischen Golf.

Die neuen EZB-Projektionen zeigen, wohin die Reise geht. Für 2026 rechnen die Volkswirte nun mit einer Inflationsrate von 3,0 Prozent, nach früheren Erwartungen von 2,6 Prozent. Das Wirtschaftswachstum wird zugleich auf 0,8 Prozent zurückgestutzt. EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte, der Beschluss sei einstimmig gefallen — und selbst im mildesten geopolitischen Szenario wäre eine Zinserhöhung unvermeidlich gewesen.

Eskalation ohne Marktreaktion

Parallel zum EZB-Entscheid verschärfte Trump seine Rhetorik gegenüber dem Iran erheblich. Er kündigte schwere Nachtangriffe an und sprach offen davon, die Ölinsel Kharg und andere Infrastrukturstandorte unter US-Kontrolle bringen zu wollen. Dennoch ließ der Markt die Drohungen weitgehend kalt — ein Zeichen dafür, dass Investoren die Eskalationsspirale bereits einzupreisen begonnen haben.

Henseler von der DZ Bank mahnt jedoch zur Vorsicht: Die geopolitische Lage bleibe fragil. Ihr Hauptszenario basiert auf einer Deeskalation, weil eine Entspannung im Interesse beider Parteien liege — der Iran wegen eingebrochener Deviseneinnahmen, die USA wegen steigender Energiepreise und sinkender Zustimmungswerte für Trump.

Zum Allzeithoch vom 13. Januar bei 25.507 Punkten fehlen dem DAX aktuell noch gut 1.300 Punkte — ob der Halbleiterschub und ein mögliches Ende des Iran-Konflikts dafür ausreichen, wird der Sommer zeigen müssen.

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