Delivery Hero, Siemens Energy, Dell: Drei Wetten, ein gemeinsamer Nenner
Übernahme, KI-Nachfrage und Energiewende prägen die Aktien. Delivery Hero wartet auf den Vollzug, während Dell und NetApp starke Zahlen melden.

- Delivery-Hero-Aktie bleibt unter Angebotspreis
- Uber-Übernahmevollzug für 2027 terminiert
- Siemens Energy sieht neue Sicherheitsrisiken
- Dell steigert KI-Server-Umsatz deutlich
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
drei Geschichten aus dieser Woche zeigen, wie unterschiedlich der Markt heute ein und dasselbe Risiko bepreist: Zeit. Ein Übernahmedeal ist besiegelt und notiert trotzdem unter dem Angebotspreis. Ein Energiekonzern bekommt trotz zweistelliger Kursziel-Fantasie eine neue Bedrohungslage attestiert. Und zwei US-Techkonzerne liefern Zahlen, die selbst optimistische Analysten überraschen, während der Cashflow leidet. Der Blick hinter die Schlagzeilen lohnt sich.
Delivery Hero: Der Deal steht, doch der Markt bepreist die Wartezeit
Vorstand und Aufsichtsrat von Delivery Hero haben den Aktionären offiziell empfohlen, das Übernahmeangebot von Uber anzunehmen: 41,50 Euro je Aktie, eine Prämie von 35 Prozent gegenüber dem Drei-Monats-Durchschnitt vor der Ankündigung Mitte Juli und sogar 127 Prozent gegenüber dem Niveau vor dem ersten Übernahmegerücht am 8. Mai. Die Annahmefrist läuft bis zum 5. November, 24 Uhr, die Mindestschwelle liegt bei 50 Prozent plus einer Aktie. Uber hat sich über den Verkauf des Prosus-Anteils von 17 Prozent bereits ein wirtschaftliches Interesse von über 53 Prozent gesichert – die Schwelle ist damit faktisch schon gerissen. Parallel soll das Geschäft in 14 Ländern für 1,4 Milliarden Euro an SSW Partners gehen, Bedingung ist der Erfolg der Uber-Übernahme; Uber selbst will bis zu 2 Milliarden Euro in Deutschland investieren, der Berliner Sitz bleibt mindestens bis 2029 erhalten.
Bemerkenswert ist trotzdem etwas anderes: Der Vollzug ist erst für das zweite Halbjahr 2027 terminiert. Die Aktie schloss am Freitag bei 36,52 Euro, spürbar unter dem Angebotspreis und unter dem im Juli erreichten 52-Wochen-Hoch von 40,49 Euro. Der Markt preist damit ein Zeit- und Ausführungsrisiko von deutlich über einem Jahr ein, bevor die letzte Kartellfreigabe erteilt ist. Für Anleger heißt das: Wer jetzt noch einsteigt, kauft sich vor allem Geduld – und das Restrisiko, dass sich an den Rahmenbedingungen bis 2027 noch etwas verschiebt.
Siemens Energy: Zwischen Spin-off-Fantasie und neuer Bedrohungslage
Die Belegschaft von Siemens Energy zeigt sich frustriert über die geplante Verselbstständigung der Sparte „Transformation of Industry“, die im Geschäftsjahr 2025 auf 5,7 Milliarden Euro Umsatz kam. Die Aktie blieb derweil eine Achterbahn: Nach einem Rutsch auf 139,50 Euro zur Wochenmitte schloss der Titel am Freitag bei 147,02 Euro, ein Tagesplus von 0,9 Prozent – aber weiterhin deutlich unter dem Allzeithoch von 195,38 Euro vom 24. April. Trotzdem sehen die Analysten Luft nach oben: JPMorgan bestätigte ihr „Overweight“-Rating mit Kursziel 245 Euro, Jefferies bekräftigte „Buy“ mit einem Ziel um 210 Euro. Beide Häuser signalisieren also erhebliches Aufwärtspotenzial vom aktuellen Niveau aus.
Doch die Kurszielfantasie trifft auf eine unbequeme Realität. Konzernchef Bruch warnte vor einer zunehmenden Bedrohungslage für kritische Infrastruktur in Deutschland; hybride Angriffe hätten in den vergangenen 12 bis 18 Monaten zugenommen – ein Konzern mit 103.000 Mitarbeitern weltweit, davon 27.000 in Deutschland, steht damit nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sicherheitspolitisch im Fokus. Als wäre das nicht genug, kündigte Elon Musk an, künftig Gasturbinenkomponenten selbst fertigen zu wollen – eine direkte Konkurrenzansage an Siemens Energy und GE Vernova in einem Geschäft, das rund 10 Prozent des Konzernumsatzes ausmacht. Diese Gemengelage aus Restrukturierungsunmut, Cyber-Risiko und neuem Wettbewerber erklärt, warum die Aktie trotz optimistischer Kursziele nervös bleibt.
Dell, HPE und NetApp: Die KI-Infrastruktur liefert weiter über Plan
Dell hat mit Zahlen überrascht, die selbst hohe Erwartungen sprengten: Umsatz von 47 Milliarden Dollar (plus 58 Prozent), bereinigter Gewinn je Aktie von 7,04 Dollar gegenüber einem Konsens von 4,91 Dollar. Der AI-Server-Umsatz verdoppelte sich auf 16,4 Milliarden Dollar, der Auftragseingang liegt bei 60,9 Milliarden Dollar, das Backlog bei 95 Milliarden Dollar. Entsprechend kräftig fiel die Anhebung der Prognose für das Geschäftsjahr 2027 aus: Umsatz nun 192 statt zuvor 167 Milliarden Dollar, bereinigter Gewinn je Aktie 25,50 statt 17,90 Dollar. Ein anfänglicher Kursverlust von 6,8 Prozent drehte daraufhin ins Plus, BofA und UBS hoben ihre Kursziele auf 600 beziehungsweise 500 Dollar an. Ein Wermutstropfen bleibt: Der freie Cashflow sank um 47 Prozent, der operative Cashflow um 13 Prozent – das Wachstum bindet spürbar Kapital.
Auch HPE lieferte ab: Umsatz von 12,2 Milliarden Dollar (plus 34 Prozent), Cloud- und KI-Umsatz von 9 Milliarden Dollar, Networking-Erlöse sprangen um 74,9 Prozent. Die Jahresprognose wurde angehoben – und die Aktie fiel trotzdem, weil Anleger sich um Lieferengpässe sorgen. Ergänzend meldete NetApp im ersten Quartal des Fiskaljahres 2027 einen Umsatz von 2,03 Milliarden Dollar (plus 30 Prozent) und einen bereinigten Gewinn von 2,58 Dollar je Aktie, getragen von einem um 47 Prozent gestiegenen Flash-Speicher-Geschäft. Die Aktie schloss am Freitag bei umgerechnet 159,60 Euro, knapp unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 181,44 Euro und mit einem Jahresplus von 71 Prozent. Der gemeinsame Nenner dieser drei Namen: Solange die KI-Infrastruktur-Nachfrage Guidances derart übertrifft, bleibt das Rückschlagrisiko eher ein Bewertungs- als ein Geschäftsproblem.
Schneider Electric und Vestas: Der Strombedarf der KI-Ära erreicht die Energiewende-Titel
Wer den Nervenkitzel um Siemens Energy scheut, findet in zwei anderen Namen einen ruhigeren Zugang zum selben strukturellen Trend. Bernstein Research stufte Schneider Electric auf „Outperform“ mit Kursziel 350 Euro hoch und begründet dies mit dem starken Wachstum durch KI-Rechenzentren – die Aktie schloss am Freitag bei 288,35 Euro, rund 8 Prozent unter ihrem Rekordhoch vom 13. August. JPMorgan wiederum hob Vestas Wind Systems auf „Overweight“ mit Kursziel 295 dänische Kronen, mit Verweis auf eine mögliche Wende im Servicegeschäft; die Vestas-Aktie schloss knapp unter ihrem 52-Wochen-Hoch, mit einem Zwölf-Monats-Plus von 69 Prozent. Strominfrastruktur und Elektrifizierung profitieren damit direkt vom explodierenden Energiehunger der Rechenzentren – ein Trend, der Siemens Energy die Kursziele beschert, Schneider und Vestas aber ohne dessen Cyber- und Wettbewerbsrisiko liefert.
Der Energiehunger der Rechenzentren ist dabei nur eine Seite der Medaille – auf der anderen steht die klassische Versorgungssicherheit, die gerade wieder mit Wucht ins Blickfeld rückt. Deutschlands Gasspeicher sind Anfang September erst zu gut 53 Prozent gefüllt, der europäische Gaspreis kletterte diese Woche zeitweise auf mehr als 75 Euro je Megawattstunde. Genau dieser Entwicklung widmet sich Jörg Mahnert im Live-Webinar „Gasnotstand 2026″ morgen um 18:00 Uhr. Er stellt darin drei Energie-Aktien vor, die von der angespannten Gaslage besonders profitieren könnten – eine legte seit Jahresbeginn bereits rund 64 Prozent zu, bei einer zweiten stieg der Gewinn im ersten Halbjahr um 156 Prozent, während der Kurs bislang kaum reagierte. Mahnert erläutert zudem, warum die niedrigen Speicherstände für diese Unternehmen wirtschaftlich interessant werden könnten und bei welchen Titeln der Markt die jüngsten Gewinnsprünge aus seiner Sicht noch nicht vollständig eingepreist hat. Jetzt zum Webinar „Gasnotstand 2026″ anmelden
Der globale Kompass
Was diese drei Geschichten verbindet: Der Markt unterscheidet inzwischen sehr genau zwischen Wachstum, das schon in der Bilanz steht, und Wachstum, das erst noch bewiesen werden muss. Dell und NetApp werden für nachweisbare Nachfrage belohnt, selbst wenn der Cashflow leidet. Siemens Energy bekommt trotz zweier Buy-Ratings einen Abschlag für Unsicherheit, die sich nicht in Quartalszahlen fassen lässt. Und Delivery-Hero-Aktionäre zahlen mit einem Kursabschlag von rund 12 Prozent zum Angebotspreis für ein Jahr Wartezeit bis zur Kartellfreigabe.
Kommende Woche liefert neue Daten für diese Rechnung: Die EZB tagt am 10. September, erwartet wird ein weiterer Zinsschritt auf 2,5 Prozent, tags darauf folgen US-Inflationsdaten, die als Wegweiser für die Fed-Sitzung gelten. Bei Delivery Hero läuft die Annahmefrist derweil bis in den November – ein Fall für die Beobachtungsliste, auch wenn die Entscheidung längst gefallen scheint. Das Wochenende neigt sich, die Terminkalender für die kommende Handelswoche sind es nicht minder.
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