Delivery Hero- vs. HelloFresh-Aktie: Übernahmepoker gegen Value-Wette

Delivery Hero profitiert von Uber-Spekulationen, HelloFresh kämpft mit tiefer Bewertung. Ein Vergleich zweier Berliner Foodtech-Konzerne.

Die Kernpunkte:
  • Delivery Hero mit Uber-Übernahmefantasie
  • HelloFresh als günstiger Turnaround-Kandidat
  • Deutliche Bewertungsschere zwischen beiden Aktien
  • Unterschiedliche Risikoprofile für Anleger

Zwei Berliner Foodtech-Konzerne, zwei völlig gegensätzliche Geschichten. Während Delivery Hero von Übernahmespekulationen beflügelt wird und im MDAX auf rund 11 Milliarden Euro Marktwert kommt, kämpft HelloFresh im SDAX mit einer Bewertung von gerade einmal 537 Millionen Euro ums Überleben in der institutionellen Wahrnehmung. Der Abstand zwischen beiden hat sich zuletzt so stark ausgeweitet, dass ein direkter Vergleich fast schon absurd wirkt.

Delivery Hero schloss zuletzt bei 36,21 Euro, ein Minus von 1,58 Prozent. Getrieben wird der Kurs von den anhaltenden Übernahmegerüchten rund um Uber Technologies. HelloFresh notiert bei 3,73 Euro und hat auf Jahressicht über 56 Prozent an Wert verloren. Das Verhältnis der Marktkapitalisierung liegt beim Faktor 20 – ein Beleg dafür, wie unterschiedlich der Markt Plattform-Dominanz und Nischenmodelle inzwischen bepreist.

Stärken des Marktführers Delivery Hero

Der operative Hebel zahlt sich aus. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte Delivery Hero ein bereinigtes EBITDA von 903 Millionen Euro bei einem Umsatz von 14,06 Milliarden Euro. Der Rückzug aus margenschwachen Märkten trägt sichtbar Früchte.

Der im März angekündigte Verkauf des Taiwan-Geschäfts an Grab für 600 Millionen Dollar markiert einen wichtigen Schritt der Bilanzbereinigung. Die freiwerdende Liquidität fließt in die Kernmärkte im Nahen Osten und Nordafrika, wo Marken wie Talabat eine marktbeherrschende Stellung mit hoher Preissetzungsmacht genießen.

Hinzu kommt der Uber-Faktor. Das Übernahmeangebot liegt bei 33,00 Euro je Aktie, gehandelt wird der Titel jedoch deutlich darüber bei 36,21 Euro. Der Markt preist offenbar ein Bietergefecht oder eine Nachbesserung ein. Die LBBW bewertet die Aktie aktuell mit „Halten“ und einem Kursziel von 33,00 Euro, verweist aber auf die Aussicht eines ersten positiven Nettoergebnisses ab 2027. Mit Präsenz in über 60 Ländern hat sich Delivery Hero Netzwerkeffekte gesichert, die kleinere Wettbewerber kaum noch aufholen können.

Angriffspunkte des Herausforderers HelloFresh

HelloFresh spielt in einer anderen Liga – setzt dafür aber auf eine radikale Neuausrichtung. Im ersten Quartal 2026 sank der Umsatz um 7,7 Prozent auf 1,68 Milliarden Euro. Gleichzeitig kletterte der durchschnittliche Bestellwert währungsbereinigt um 4,2 Prozent auf 71,00 Euro – Ergebnis einer bewussten Abkehr von Rabattschlachten zugunsten loyaler, margenstarker Kundschaft.

Der freie Cashflow blieb mit 49,1 Millionen Euro positiv, trotz eines auf 23,6 Millionen Euro gesunkenen AEBITDA. Einmaleffekte durch schwere Winterstürme belasteten das Ergebnis um rund 25 Millionen Euro. Ein zentraler Hoffnungsträger ist die Sparte „Ready-to-Eat“: Mit neuen Produktionsstätten für die Marke Factor will sich HelloFresh von der Kochbox emanzipieren und den Markt für Fertiggerichte erobern.

Die Bewertung wirkt fast schon lächerlich niedrig. Das erwartete KGV für 2026 liegt bei 8,05, deutlich unter dem Sektordurchschnitt. Auch Shortseller ziehen sich zurück: Die Leerverkaufsquote sank zwischen dem 6. und 27. Mai von 11,2 auf 9,2 Prozent, den niedrigsten Stand seit Monaten. Das Management bestätigte die Prognose für 2026 mit einem AEBITDA zwischen 375 und 425 Millionen Euro – bei aktuellem Börsenwert würde das eine EV/EBITDA-Bewertung von unter 2,0 bedeuten.

Wendepunkt-Indikatoren für beide Aktien

Bei Delivery Hero dreht sich vieles um die Führungsspitze. Gründer Niklas Östberg gibt nach 15 Jahren den CEO-Posten ab. Ob die Integration in den Uber-Konzern gelingt oder eine eigenständige Expansion verfolgt wird, hängt maßgeblich von der Nachfolgersuche ab. Auch der Abschluss der Taiwan-Transaktion bleibt ein Risikofaktor – scheitert sie an regulatorischen Hürden, würde das die Cash-Position kurzfristig belasten.

Bei HelloFresh entscheidet das zweite Halbjahr über die Richtung. Das Management erwartet eine Erholung der Bestellvolumina und Tempo im RTE-Segment, Analysten bleiben jedoch zurückhaltend. mwb research hält an einem Kursziel von 4,10 Euro mit „Hold“-Einstufung fest, das Ausführungsrisiko der neuen Strategie gilt als hoch. Ein Anstieg der operativen Marge über die Marke von 2 Prozent im zweiten Quartal könnte allerdings eine Neubewertung auslösen.

Technisch bildet HelloFresh bei 3,50 Euro einen robusten Boden. Ein Ausbruch über die Widerstandszone bei 4,50 Euro würde das Ende des langfristigen Abwärtstrends signalisieren. Bei Delivery Hero dient die Marke von 33,00 Euro – das Uber-Angebot – als psychologisches Sicherheitsnetz nach unten.

Bewertungsmatrix im Überblick

Bewertungskennzahlen:

KennzahlDelivery HeroHelloFreshSektordurchschnitt
EV/Sales~1,200,140,90
KUV (Forward)0,780,140,85
Free Cash Flow Yield2,3 %9,1 %4,5 %

Performance-Metriken:

ZeitraumDelivery HeroHelloFreshRelative Differenz
3 Monate+118,86 %-4,10 %+122,96 %
YTD+60,69 %-38,53 %+99,22 %
Volatilität (30T)42 %38 %+4 %

Scoring-System (0-100 Punkte):

KategorieDelivery HeroHelloFresh
Bewertung (25P)1622
Wachstum (25P)218
Qualität (25P)1910
Momentum (25P)225
Gesamtscore7845

Die Zahlen zeichnen ein klares Bild: Delivery Hero punktet bei Wachstum, Qualität und Momentum, HelloFresh schlägt nur bei der reinen Bewertung zurück. Der Abstand von 33 Punkten im Gesamtscore täuscht dennoch nicht darüber hinweg, dass beide Aktien fundamental verschiedene Wetten darstellen.

Wachstumsdynamik versus Substanzbewertung

Der Vergleich offenbart zwei gegensätzliche Investorenprofile. Delivery Hero ist derzeit vor allem eine Wette auf M&A-Aktivität und die finale Konsolidierung des globalen Liefermarktes. Die Stärke im Nahen Osten und die verbesserte EBITDA-Generierung rechtfertigen den Bewertungsaufschlag – Anleger kaufen hier auch die Sicherheit eines Übernahmeangebots als Kursboden.

HelloFresh dagegen liefert das klassische Bild eines Deep-Value-Investments. Eine Marktkapitalisierung von etwas über 500 Millionen Euro steht in keinem Verhältnis zum milliardenschweren Jahresumsatz. Das könnte Private-Equity-Investoren auf den Plan rufen, sollte das Management den Turnaround nicht rechtzeitig aus eigener Kraft schaffen.

Während Delivery Hero Momentum und einen eingebauten Übernahme-Anker bietet, bleibt HelloFresh eine Sache für antizyklische Anleger mit Risikoappetit, die auf eine Margen-Normalisierung im RTE-Geschäft setzen.

Übernahmesicherheit oder Turnaround-Chance – die Typfrage

Delivery Hero: Uber-Übernahmeangebot als Kurspuffer, Marktdominanz im Nahen Osten, positiver EBITDA-Trend – dem stehen ein sich verlangsamendes Wachstum, der bevorstehende CEO-Wechsel und die hohe Abhängigkeit von M&A-Fantasie gegenüber. Der Investment-Case: eine defensive MDAX-Position mit eingebauter Übernahme-Option.

HelloFresh: extrem niedrige Bewertung, positiver freier Cashflow, sinkendes Short-Interest – dagegen rückläufige Kundenzahlen, strukturelle Probleme im klassischen Kochbox-Geschäft und hoher Cash-Verbrauch in neuen Sparten. Der Investment-Case: ein hochspekulativer Turnaround-Kandidat mit erheblichem Aufholpotenzial, sollte die Margen-Normalisierung gelingen.

Für die kommenden sechs bis zwölf Monate spricht die Konstellation für Delivery Hero als die risikoärmere Wahl, solange der Uber-Anker hält. HelloFresh bleibt die höher spekulative Option – mit größerem Hebel nach oben, aber auch deutlich mehr offenen Fragen.

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