Die G7 können sich harte Geldpolitik nicht mehr leisten

Hohe Staatsverschuldung zwingt Notenbanken der G7 zu vorsichtiger Geldpolitik trotz steigender Inflationsraten.

Die Kernpunkte:
  • Fed erhöht Inflationsprognose auf 3,6 Prozent
  • Kanada zeigt Risiken hoher Haushaltsverschuldung
  • UK droht steigende Risikoprämie nach Führungswechsel
  • Golfkonflikt treibt Ölpreis und Inflation an

Liebe Leserinnen und Leser,

3,6 Prozent. Auf diesen Wert hat die Federal Reserve ihre PCE-Inflationsprognose für das Jahresende angehoben — im März waren es noch 2,7 Prozent. Der Verbraucherpreisindex kletterte im Mai auf 4,2 Prozent, den höchsten Stand seit April 2023. Normalerweise wäre die Antwort klar: straffen, bis die Preise nachgeben. Doch normal ist an diesem Sommer nichts. Die Verschuldung der westlichen Industriestaaten hat ein Niveau erreicht, bei dem jeder zusätzliche Basispunkt Leitzins nicht nur die Inflation bekämpft, sondern gleichzeitig Staatshaushalte und private Bilanzen unter Druck setzt. Das ist die eigentliche Geschichte dieses Wochenendes — nicht der Ölpreis allein, sondern die Erkenntnis, dass die Notenbanken der G7 in einem Dilemma stecken, aus dem es keinen schmerzfreien Ausweg gibt.

Die Fed zwischen Inflationsbekämpfung und Schuldenrealität

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Neun von 18 FOMC-Mitgliedern erwarten mindestens eine weitere Zinserhöhung in diesem Jahr. Die Median-Prognose für den Leitzins Ende 2026 liegt bei 3,8 Prozent. Cleveland-Fed-Präsidentin Beth Hammack hat eine Anhebung offen ins Spiel gebracht, solange die Teuerung über dem Zwei-Prozent-Ziel verharrt. JPMorgan rechnet für 2026 mit keiner einzigen Zinssenkung mehr.

Getrieben wird die Inflation vom Ölpreis, der durch den Krieg am Persischen Golf nach oben gedrückt wird. In früheren Zyklen hätte die Fed bei 4,2 Prozent CPI aggressiv gehandelt. Diesmal fehlt der Spielraum. Die US-Staatsverschuldung ist so hoch, dass jede Zinserhöhung die Zinsausgaben des Bundes in Milliardenhöhe treibt — und gleichzeitig Hypothekennehmer und Unternehmen belastet, die sich an billiges Geld gewöhnt haben. Wer sein Depot noch auf fallende Zinsen ausgerichtet hat, sollte diese Annahme überprüfen. Die Ära billiger Liquidität, die den Bullenmarkt der letzten Jahre getragen hat, geht nicht einfach in die Verlängerung.

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Kanada als Warnsignal für Europa

Was passiert, wenn steigende Preise auf überschuldete Haushalte treffen, lässt sich in Kanada studieren. Das Land rutschte zum Jahreswechsel in eine technische Rezession. Die Inflation stieg im Mai auf 3,2 Prozent, nach 2,8 Prozent im April — befeuert durch höhere Energiekosten. Kanadische Haushalte tragen die höchste Schuldenlast aller G7-Staaten, vor allem in Form von Hypotheken. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 13,4 Prozent.

Premier Carney verspricht, Kanadas Wirtschaft zur „stärksten der G7″ zu machen. Der IWF prognostiziert für 2026 magere 1,6 Prozent Wachstum. Verschärft wird die Lage durch US-Zölle: 15 bis 50 Prozent auf Stahl, Aluminium und Kupfer, 25 Prozent auf Fahrzeuge — und 70 Prozent der kanadischen Exporte gehen in die USA. Die Kombination aus hoher Verschuldung, importierter Inflation und Handelskonflikt lähmt die Geldpolitik. Die Bank of Canada kann weder senken noch erhöhen, ohne Schaden anzurichten. Für Europa ist das keine ferne Warnung, sondern eine Vorschau: Überall dort, wo die fiskalischen Reserven aufgebraucht sind, droht dasselbe Muster.

London vor dem Führungswechsel — und vor höheren Risikoprämien

Auch im Vereinigten Königreich verengt sich der Handlungsspielraum. State Street Global Advisors erwartet, dass Andrew Burnham im Juli Keir Starmer als Premier ablöst — mit schwächerem Mandat und weniger Zeit bis zur nächsten Wahl. Die Märkte haben Kontinuität weitgehend eingepreist, doch die strukturellen Probleme bleiben bestehen: hohe Schulden, chronisches Defizit, schwaches Wachstum und steigende Verteidigungsausgaben ohne Gegenfinanzierung. Erwartet werden gezielte Steuererhöhungen, etwa bei der Kapitalertragssteuer.

State Street formuliert es unverblümt: Die politischen Risiken sind asymmetrisch nach unten verzerrt. Im besten Fall fiskalische Stabilität bei dürftigem Wachstum, im schlechtesten Kapitalflucht und tiefere Stagnation. Für deutsche Anleger mit UK-Engagement bedeutet das: Die britische Risikoprämie dürfte steigen. Wer in Gilts oder britischen Substanzwerten investiert ist, sollte die politische Komponente neu gewichten.

Am Golf entscheidet sich der Ölpreis — und Merz sucht neue Partner

Die geopolitische Lage am Persischen Golf bleibt das akuteste Risiko für die globale Inflation. Trump hat dem Iran ein Ultimatum zur Wiederöffnung der Straße von Hormuz gestellt, durch die ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls fließt. Am Samstag attackierte der Iran laut UKMTO Bahrain mit Drohnen, ein Tanker wurde in der Meerenge getroffen — als Reaktion auf nächtliche US-Luftschläge. Hisbollah-Chef Qassem wies das US-vermittelte Sicherheitsabkommen zwischen Libanon und Israel als „Kapitulation“ zurück.

Die Zahlen dahinter sind beunruhigend: Wood Mackenzie warnt, der Konflikt könnte die Golf-Ölproduktion um 15 Millionen Barrel täglich reduzieren und den Preis Richtung 150 Dollar treiben. Die IEA erwägt laut Wall Street Journal die größte Ölfreigabe ihrer Geschichte — über 182 Millionen Barrel, mehr als 2022.

Vor diesem Hintergrund plant Bundeskanzler Merz für Juli eine Reise in die Golfstaaten, nachdem er im Januar in Indien für ein EU-Freihandelsabkommen und sechs U-Boote von Thyssenkrupp Marine Systems geworben hatte. Deutschland sucht neue Absatzmärkte und Energiepartner — doch der Zeitpunkt ist heikel: Die Auftragsvergaben im GCC-Raum fielen 2025 um fast ein Drittel auf 213,2 Milliarden Dollar, in Saudi-Arabien allein um fast die Hälfte.

Was daraus folgt: Substanz schlägt Hoffnung

Wenn Notenbanken die Inflation nicht mehr entschlossen bekämpfen können, weil die Schuldenlast es nicht zulässt, verlieren nominale Anleihen real an Wert. Reale Vermögenswerte dagegen gewinnen. Erste Belege liefert der Rohstoffmarkt: Lithium hat sich 2026 von seinen Tiefs mehr als verdoppelt; Bernstein Research sieht den Aufwärtszyklus erst in der Mitte, getragen von knapper werdendem Angebot und robuster Batterienachfrage. Auch die Differenzierung funktioniert: Israel platzierte am 7. Januar eine 6-Milliarden-Dollar-Anleihe mit Spreads von 102 Basispunkten und sechsfacher Überzeichnung — ein Signal, dass Investoren sehr genau unterscheiden, wo Risikoprämien gerechtfertigt sind und wo nicht.

Bolivien beendete nach 15 Jahren seine Dollar-Bindung — ein weiteres Zeichen, dass das etablierte Währungsgefüge unter Druck gerät.

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Für die kommenden Tage werden zwei Termine entscheidend: Trumps Hormuz-Ultimatum und sein Zoll-Ultimatum an die EU zum 4. Juli. Beide können die Volatilität an Energie- und Aktienmärkten erheblich verschärfen. In einem Umfeld, in dem Notenbanken gefesselt sind, lohnt der Blick auf Substanz: Rohstoffe, Energieinfrastruktur, Unternehmen mit Preissetzungsmacht und stabilem Cashflow. Die zweite Jahreshälfte gehört nicht denen, die auf billige Liquidität warten — sondern denen, die ohne sie auskommen.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes.

Herzlichst, Ihr

Felix Baarz

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