Die stille Rotation: Wie Kapital an der KI-Euphorie vorbeifließt

Starker Dollar, Golf-Investitionen in Indien und Kupfer-Engpässe prägen die Kapitalmärkte abseits der KI-Euphorie.

Die Kernpunkte:
  • Dollar-Index erreicht 13-Monats-Hoch
  • Golf-Staatsfonds investieren Milliarden in Indien
  • Kupfer-Angebotsknappheit durch sinkende Verarbeitungsgebühren
  • Deutsche Post hebt Jahresprognose nach starkem Quartal an

Liebe Leserinnen und Leser,

während heute Meldungen über einen Tankerangriff in der Straße von Hormus und heftige Kursausschläge bei Halbleiterwerten die Schlagzeilen prägten, erzählen die Kapitalströme eine andere Geschichte: Der Dollar zieht Geld aus der ganzen Welt ab, gleichzeitig fließen Rekordsummen in Übernahmen, Rohstoffprojekte der zweiten Reihe und – gegen jede geopolitische Vorsicht – nach Indien. Für deutsche Anleger lohnt dieser Blick mehr als der x-te Blick auf den DAX-Schlussstand.

Der Dollar dreht die Devisenmärkte durch – nicht nur beim Yen

Der US-Dollar-Index legte im ersten Halbjahr 2026 um 3 Prozent zu, seit Ende Januar sogar um 5 Prozent, und markierte Ende Juni mit 101,8 ein 13-Monats-Hoch – getragen von robusten US-Konjunkturdaten und einer Fed, der die Märkte kaum noch schnelle Zinssenkungen zutrauen. Am deutlichsten zeigt sich das beim Yen: USD/JPY notiert bei rund 161,80, nur einen Wimpernschlag vom 40-Jahres-Hoch von 162,83 entfernt. Goldman Sachs hat seine Prognosen auf 162 (drei Monate), 163 (sechs Monate) und 165 (zwölf Monate) angehoben, UBP erwartet bis Jahresende 164. Bemerkenswert ist die Positionierung dahinter: Spekulative Netto-Short-Positionen im Yen liegen bei rund 155.000 Kontrakten, umgerechnet etwa 12 Milliarden Dollar. Das ist ein Carry-Trade-Setup von beachtlicher Größe – und genau solche Positionen werden erfahrungsgemäß brutal aufgelöst, sobald die Fed auch nur andeutet, den Kurs zu ändern.

Weniger beachtet, aber genauso aufschlussreich: Auch der mexikanische Peso bewegt sich in diesem Fahrwasser. USD/MXN stieg um 0,54 Prozent auf 17,478, weil Banxico angesichts eines stagnierenden Wachstums (Prognose: 1,10 Prozent für 2026) auf Zinssenkungen zusteuert, während sich die US-Zinserwartungen stabilisieren – ein klassisches Carry-Trade-Signal. Die PRS Group liefert dazu die quantitative Untermauerung: Eine Verschlechterung des ICRG-Risiko-Ratings um 10 Punkte korreliert historisch mit einem Anstieg der Schwellenland-Anleihespreads um 106 Basispunkte. Für Anleger heißt das konkret: Wer in Schwellenländer-Anleihen oder -Währungen investiert ist, sollte die politische Risikokomponente stärker gewichten als reine Zinsdifferenzen. Morningstar hält den Dollar zwar für 15 Prozent überbewertet, sieht aber keine schnelle Trendwende – Fundamentaldaten und Positionierung sind zwei verschiedene Uhren, und derzeit tickt die Positionierung lauter.

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Während die Fed die Märkte über Zinssenkungen im Unklaren lässt und Carry-Trades im Yen wie im Peso auf Messers Schneide stehen, stellt sich für Sparer eine grundsätzlichere Frage: Wie widerstandsfähig ist das eigene Depot, wenn sich die Zinslandschaft weiter verschiebt? Ein kostenloser Report zeigt, warum klassische Zinsanlagen in diesem Umfeld an Substanz verlieren und welche Alternativen jetzt Stabilität bieten können. Kostenlosen Report „Die Zinsillusion platzt“ sichern

Golf-Kapital fließt gezielt nach Indien – trotz Nahost-Spannungen

Gegen den Trend der Dollar-Stärke investierten Golf-Staatsfonds im ersten Halbjahr 2026 rund 1,7 Milliarden Dollar in Indien – das größte Halbjahresvolumen seit 2024 und fast dreimal so viel wie Ende des Vorjahres. Global haben diese Fonds in diesem Jahr bereits knapp 54 Milliarden Dollar in 108 Deals gesteckt, mit Schwerpunkt Infrastruktur und Technologie. Abu Dhabi hatte im Mai bereits eine Milliarde Dollar für Indiens National Investment and Infrastructure Fund zugesagt. Die Botschaft an europäische Anleger ist eindeutig: Selbst inmitten geopolitischer Unsicherheit rund um Iran und Hormus wird langfristiges Kapital nicht in Deckung geschickt, sondern gezielt in strukturelles Wachstum umgeschichtet. Das ist ein starkes Signal dafür, dass die Risikoprämie für Indien-Investments trotz Regionalrisiken als kalkulierbar gilt – ein Urteil, das sich aus Golf-Petrodollars offenbar leichter ableiten lässt als aus westlichen Absicherungsmodellen.

Kupfer: Wenn die Verarbeitungsgebühr auf null fällt, ist das ein Kaufsignal

Abseits der Chip-Debatte verdichtet sich bei Kupfer ein Angebotsproblem, das Anleger auf dem Schirm haben sollten. Crux Investor bringt es auf den Punkt: Zero-Dollar Treatment Charges signalisieren einen mehrjährigen Engpass bei der Minenversorgung und werten Kupferprojekte auf. Die Zahlen aus China untermauern das – laut Sunsirs fielen die Spot-Verarbeitungsgebühren im Juni ins Negative, während der chinesische Kupfer-Kassamarkt im ersten Halbjahr per saldo um mehr als 12 Prozent nachgab, getrieben von Minenstörungen, Dollar-Stärke und schwacher Nebensaison-Nachfrage. Gleichzeitig brachen Chinas Importe von raffiniertem Kupfer in den ersten fünf Monaten um 15,7 Prozent auf 1,1443 Millionen Tonnen ein, während die Exporte um 23,4 Prozent auf 275.200 Tonnen zulegten – ein Indiz dafür, dass sich die Handelsströme gerade neu sortieren.

Auf der Explorationsseite meldete Koryx Copper aus Namibia mit 714 Metern Bohrkern bei 0,31 Prozent Kupferäquivalent, darunter 68 Meter mit 0,54 Prozent, einen der stärksten Abschnitte des bisherigen Programms am Haib-Projekt. Parallel dazu bauen die USA gezielt alternative Lieferketten in Afrika auf: 150 Millionen Dollar fließen in das Graphitprojekt Balama in Mosambik, 50 Millionen Dollar in Seltene Erden im südafrikanischen Phalaborwa, und ein rund 9 Milliarden Dollar schweres Konsortium aus Orion Resource Partners, DFC und ADQ zeigt Interesse an Glencores Mutanda-Mining-Anteilen im Kongo. Für Anleger heißt das: Kupfer, Graphit und Seltene Erden profitieren derzeit von einer Kombination aus struktureller Angebotsknappheit und geopolitisch motivierter Lieferketten-Diversifizierung – unabhängig davon, wie die nächste KI-Aktie an einem einzelnen Handelstag abschneidet.

Rekord-M&A – und ein handfester deutscher Gewinner

Die globale Übernahmewelle erreichte im ersten Halbjahr 2026 mit 2,8 Billionen Dollar Volumen (plus 48 Prozent gegenüber Vorjahr) den höchsten Stand seit 1980 – obwohl die Zahl der Deals um 9 Prozent auf 24.000 sank, ein Sechs-Jahres-Tief. Der Widerspruch löst sich in den Details auf: 47 Mega-Deals über 10 Milliarden Dollar bringen zusammen mehr als 1,3 Billionen Dollar auf die Waage, darunter NextEra Energys 66,8-Milliarden-Dollar-Fusion mit Dominion Energy und SpaceX‘ rund 60 Milliarden Dollar schwerer Kauf von Cursor. Grenzüberschreitende Deals summieren sich auf 893 Milliarden Dollar, ein Plus von 62 Prozent und das beste erste Halbjahr seit 2018. Konkreter für den Alltag: Kroger übernimmt die Supermarktkette Giant Eagle für 1,65 Milliarden Dollar und stärkt damit seine Position im Mittleren Westen – nachdem die 25-Milliarden-Dollar-Fusion mit Albertsons 2024 gescheitert war.

Aus deutscher Sicht liefert die Deutsche Post AG heute die konkreteste Nachricht des Tages: Der Konzern meldete per Ad-hoc-Mitteilung, dass er im zweiten Quartal die Erwartungen übertroffen hat. Der Konzernumsatz stieg um 10 Prozent, das Konzern-EBIT kletterte um 29 Prozent auf rund 1,85 Milliarden Euro (Vorjahr: 1,429 Milliarden Euro). Haupttreiber war DHL Express mit einem EBIT von rund 1,195 Milliarden Euro (Vorjahr: 730 Millionen Euro), wovon 150 Millionen Euro auf Sondereffekte aus der Luftfracht-Kapazitätsknappheit entfielen. DHL Global Forwarding steigerte das EBIT auf rund 240 Millionen Euro, DHL Supply Chain kam auf 305 Millionen Euro, DHL eCommerce auf 50 Millionen Euro. Einzig Post & Paket Deutschland blieb mit 135 Millionen Euro hinter dem Vorjahreswert von 166 Millionen Euro zurück – das margenschwächere Inlandsgeschäft bleibt der Bremsklotz im sonst starken Konzernbild. Das Management reagierte prompt und hob die Jahresprognose 2026 an: Statt bislang über 6,2 Milliarden Euro wird nun ein Konzern-EBIT von über 6,5 Milliarden Euro erwartet, die DHL-Bereiche sollen über 5,9 Milliarden Euro beisteuern (bisher: über 5,6 Milliarden Euro). Die Aktie reagierte mit einem moderaten Plus von rund 0,8 bis 2 Prozent – der vollständige Halbjahresbericht folgt am 5. August. Ein internationales Logistiknetz, das von genau jener Luftfracht-Knappheit profitiert, die anderswo als Kostenproblem gilt: Das ist die Kehrseite der globalen Lieferketten-Umlenkung, die auch bei Kupfer sichtbar wird.

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Dass ausgerechnet ein Logistikkonzern wie die Deutsche Post von der Verschiebung weg von reiner Tech-Euphorie profitiert, ist kein Zufall – am US-Markt vollzieht sich derzeit eine handfeste Sektor-Rotation weg von den großen Tech-Werten hin zu Old-Economy-Substanz. Ein kostenloser Sonderreport zeigt, welche drei US-Aktien aus Bereichen wie E-Commerce und Logistik von dieser „Rolling Recovery“ besonders profitieren könnten. Kostenlosen Report „US-Markt im Wandel“ herunterladen

Was das für Ihr Depot bedeutet

Drei scheinbar getrennte Geschichten – Dollar-Carry-Trades, Golf-Kapital in Indien, Rohstoffe der zweiten Reihe – ergeben zusammen ein Bild: Kapital sucht sich seinen Weg an der KI-Debatte vorbei, sobald sich Bewertung und Risiko klarer abschätzen lassen als bei Halbleiteraktien. Die FOMC-Protokolle am Mittwoch dürften zeigen, ob die Dollar-Stärke anhält – und damit, ob Yen-Carry-Trades, Kupferprojekte und Schwellenländer-Anleihen weiter unter Druck bleiben oder Entlastung bekommen. Die Lage in der Straße von Hormus bleibt ein Risikofaktor für die Ölpreise, aber die eigentliche Anlegerfrage ist eine andere: ob die leise Verschiebung von KI-Euphorie zu Old-Economy-Substanz – Logistik, Kupfer, Infrastruktur – sich in den kommenden Wochen fortsetzt. Die Deutsche-Post-Zahlen von heute sprechen dafür, dass sich diese Wette bereits auszahlt.

Herzlichst, Ihr

Felix Baarz

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