Die Weltwirtschaft wird umverdrahtet — drei Fronten, eine Woche

Die Weltwirtschaft sortiert sich neu: EU verschärft China-Kurs, Indien stoppt russisches Öl und GLP-1-Medikamente verändern den Konsum.

Die Kernpunkte:
  • EU stuft China-Handel als nicht nachhaltig ein
  • Indien stoppt russische Ölimporte komplett
  • GLP-1-Präparate verändern Konsumverhalten
  • Shiller-KGV erreicht kritischen Höchststand

Liebe Leserinnen und Leser,

42,04. So hoch stand das Shiller-KGV des S&P 500 am 22. Mai — mehr als das Doppelte des 155-Jahres-Durchschnitts von 17,4. Der letzte vergleichbare Wert datiert auf Dezember 1999, kurz vor dem Dotcom-Crash. Gleichzeitig stuft die EU-Kommission die Handelsbeziehungen mit China als „nicht nachhaltig“ ein, Indien dreht den Hahn für russisches Öl zu, und zwischen Washington und Teheran klafft eine Lücke von 12 Milliarden Dollar. Wer nur auf den Ölpreis schaut, verpasst die eigentliche Verschiebung: Die Weltwirtschaft wird nicht entglobalisiert. Sie wird umverdrahtet. Und das Wochenende liefert gleich drei Beweisstücke.

Der teure Frieden am Golf — und seine Lücken

Mohamed El-Erian fasste die Woche treffend zusammen: Ölpreise und Anleiherenditen fielen, Risikoanlagen stiegen — weil sich USA und Iran einer Absichtserklärung annähern. Die Erleichterung an den Märkten war greifbar. Öl verzeichnete im Mai die schlechteste Monatsperformance seit 2020.

Doch die Lücken im Entwurf sind beträchtlich. Laut Axios hat Trump nachträgliche Korrekturen angeordnet: Iran soll sich verpflichten, nie Atomwaffen zu besitzen, angereichertes Uran soll von den USA zerstört werden, Geldtransfers bleiben blockiert. Teherans Chefunterhändler Ghalibaf konterte öffentlich: Kein Abkommen ohne Vorleistungen — gefordert wird unter anderem Zugang zu 12 Milliarden Dollar eingefrorener Gelder. Und Khameneis persönliche Zustimmung steht noch aus.

Für Anleger heißt das: Die Erleichterungsrally steht auf wackligem Fundament. Der Pentagon-Bericht, wonach die US-Schläge das iranische Atomprogramm nur um ein bis zwei Jahre zurückgeworfen haben, zeigt zusätzlich, dass das Thema nicht erledigt ist. Wer Energie-Hedges abgebaut hat, sollte zumindest die Optionsprämien im Blick behalten.

Brüssel zieht die Reißleine bei China

Die strukturell wichtigere Nachricht kommt aus Brüssel: Die EU-Kommission stuft die Handels- und Investitionsbeziehungen mit China offiziell als „nicht nachhaltig“ ein — zwei Wochen vor dem G7-Gipfel und dem Europäischen Rat am 18./19. Juni. Fünf Mitgliedstaaten — Spanien, Italien, die Niederlande, Frankreich und Litauen — fordern bereits härtere Maßnahmen gegen Pekings industrielle Überkapazität.

Die chinesischen Daten bestätigen den Druck: Der Fertigungs-PMI fiel im Mai auf exakt 50,0, die neuen Exportaufträge brachen auf 48,6 ein, nach 50,3 im April. Für deutsche Anleger ist das doppelt relevant. Erstens trifft eine härtere EU-China-Linie exportlastige DAX-Werte direkt. Zweitens beschleunigt sie das Friend-shoring, das längst läuft: Malaysia meldet für 2025 Rekord-Investitionen von 426,7 Milliarden Ringgit, ein Plus von 11 Prozent. Allein der Dienstleistungssektor zog 152,9 Milliarden Ringgit in KI, Big Data und Rechenzentren. Wer ASEAN-Exposure sucht, findet es derzeit eher in digitaler Infrastruktur als in klassischen Konsumtiteln.

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Die neue Geographie des Handels

Während Europa debattiert, schafft Indien Fakten. Das US-Indien-Handelsabkommen vom Februar — Zollsenkung von 25 auf 18 Prozent, Indien öffnet auf Null — wird ab morgen durch das India-Oman CEPA flankiert: 98,08 Prozent der omanischen Zolltariflinien werden zollfrei, betroffen sind indische Exporte von 3,64 Milliarden Dollar. Gleichzeitig hat Indien den Kauf russischen Öls gestoppt — zuvor rund 1,5 Millionen Barrel täglich — und bezieht nun aus den USA und potenziell Venezuela.

Die globalen Handelsrouten verschwinden nicht. Sie werden neu verlegt. Vietnam wuchs 2025 mit knapp 8 Prozent, Indonesien führte die G20 im ersten Quartal mit 5,61 Prozent an. Die Kehrseite: Höhere Kosten, weniger Innovation durch fragmentierte Märkte, wachsendes Misstrauen. Für Portfolios bedeutet das, regionale Diversifikation jenseits der üblichen Indien-Story aktiv zu suchen — und die Kosten der Neuverkabelung nicht zu unterschätzen.

Die Abnehmspritze verändert den Basiskonsum

Eine ökonomische Verschiebung, die in der Geopolitik untergeht: In Großbritannien nutzen bereits rund 2,5 Millionen Menschen GLP-1-Medikamente wie Mounjaro oder Wegovy — 3,5 Prozent der Bevölkerung. Bei Adipositas-Raten von 64,5 Prozent und jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten von 74,3 Milliarden Pfund ist das eine strukturelle, keine konjunkturelle Entwicklung.

Die Konsequenz für die Konsumgüterindustrie ist real. McDonald’s hat bestehende proteinreiche Optionen stärker hervorgehoben — keine eigene GLP-1-Produktlinie, aber eine Reaktion auf veränderte Nachfrage. Wer das als Disruption des Fast-Food-Modells liest, übertreibt. Wer es ignoriert, unterschätzt den Volumendruck. Jack Link’s sieht den US-Fleischsnack-Markt 2025 auf 5,5 Milliarden Dollar verdoppelt — ausdrücklich auch durch den Protein-Sog der GLP-1-Anwender.

Wer Nestlé, Mondelez oder Coca-Cola im Depot hat, sollte die Volumenseite der Quartalsberichte künftig stärker gewichten als die Preisseite. Auf der Pharmaseite warnt das US National Poison Data Center vor einem Anstieg der GLP-1-Vergiftungsfälle um fast 1.500 Prozent seit 2019 — 3.633 Fälle allein von Januar bis April 2025. Ein Reputationsrisiko, das Novo Nordisk und Eli Lilly nicht ignorieren können.

Was die kommende Woche bringt

Bei aller Umverdrahtungs-Dynamik: Das Shiller-KGV von 42,04 ist kein Warnsignal, das man überlesen sollte. Historisch folgten auf Werte über 30 Rückgänge von 20 Prozent oder mehr. Der Nasdaq steht im laufenden Jahr bei plus 16,1 Prozent, der S&P 500 bei plus 10,7 Prozent, getrieben von KI-Werten wie Dell — plus 255 Prozent seit Trumps „Buy a Dell“-Empfehlung im Februar, KI-Server-Umsatz plus 757 Prozent.

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Die kommende Woche liefert die Realitätsprüfung: US-Arbeitsmarktbericht, Eurozone-CPI, China Caixin PMIs, Quartalszahlen von Broadcom und Lululemon. Powell spricht in der Nacht zum Montag — einer seiner letzten Auftritte vor der Übergabe an Kevin Warsh am 16./17. Juni. Die US-Headline-PCE liegt bei 3,8 Prozent, das Fed-Ziel ist seit 62 Monaten überschritten. Wer auf schnelle Zinssenkungen setzt, sollte diese Hartnäckigkeit ernster nehmen als die Iran-Erleichterung. Die Zinsdivergenz zwischen EZB (2,15 Prozent) und Fed (3,75 Prozent) bleibt das prägende Makro-Thema des Sommers — und sie spricht weiterhin nicht für einen schwächeren Dollar.

Die Welt wird nicht deglobalisiert. Sie wird in Blöcke sortiert, die teurer, langsamer und politischer sind als das, was wir kannten. Das ist keine Krise. Aber es ist ein anderes Spiel — und es verlangt andere Portfolios.

Herzlichst, Ihr

Felix Baarz

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