Edeka: Verwässert der Tegut-Zukauf das Kaufmannsmodell?
Tegut-Märkte starten teils als Regiebetriebe; entscheidend ist, ob sie später mehrheitlich an selbstständige Kaufleute übergehen.

- Viele Tegut-Läden beginnen als Regiemärkte
- Übergabe an Kaufleute bleibt entscheidend
- Kaufleute wuchsen 2025 um 4,6 Prozent
- Verbund legte im selben Jahr 2,7 Prozent zu
Anfang November öffnen die ersten ehemaligen Tegut-Märkte unter Edeka-Flagge, in drei Wellen bis Mitte des Monats. Viele davon starten zunächst ohne selbstständigen Kaufmann, obwohl Edeka genau dieses Netz aus rund 3.200 Unternehmern als seinen zentralen Vorteil bezeichnet.
Trägt das genossenschaftliche Modell den Zuwachs, oder zeigt die Integration, wie weit sich der Verbund noch dehnen lässt? Wir haben Dieter Jaworski gebeten, das Geschäft dahinter zu sezieren.
Felix Baarz: Ausgerechnet in den übernommenen Tegut-Läden steht anfangs vielerorts kein selbstständiger Kaufmann hinter dem Geschäft. Verwässert Edeka mit diesem Zukauf genau das Modell, das es selbst als wichtigsten Vorteil verkauft?
Dieter Jaworski: Kurzfristig ja, und das sollte man auch so benennen. Die Region Südwest übernimmt die Flächen in drei Wellen, und viele davon laufen erst einmal als Regiemarkt. Gemeint ist ein Laden, den die Region selbst betreibt und nicht ein Unternehmer mit eigenem Kapital. Das ist die schwächere Betriebsform.
Die Kaufmannsmärkte wachsen bei Edeka seit Längerem schneller als der Verbund insgesamt, der Regiebetrieb zieht den Schnitt eher nach unten. Ich sehe darin trotzdem keine Verwässerung des Modells.
Ein Regiemarkt ist im Genossenschaftsverbund nur ein Wartezimmer. Der Laden wird übernommen, stabilisiert und dann an einen Kaufmann weitergereicht. So funktioniert der Mechanismus seit Jahrzehnten. Bedenklich würde es erst, wenn das Wartezimmer zur Dauerlösung wird.
Felix Baarz: „Nur ein Wartezimmer“ klingt sehr bequem. Woher wollen Sie wissen, dass sich für so viele Läden auf einmal genug Unternehmer finden, die eigenes Geld einsetzen?
Dieter Jaworski: Wissen kann ich das nicht. Hier liegt tatsächlich die Stelle, an der meine Sicht am ehesten kippt. Gute Kaufleute sind knapp, und Edeka ist nicht der Einzige, der sie sucht.
Auch Rewe arbeitet mit selbstständigen Kaufleuten und wirbt im selben Pool. Der Indikator, auf den ich schaue, ist schlicht der Anteil der übernommenen Märkte, die nach etwa einem Jahr in Kaufmannshand übergegangen sind. Wenn dann noch der Großteil in Regie läuft, habe ich mich geirrt.
Dann wäre Tegut für Edeka ein klassischer Filialzukauf mit Filialkosten, und genau das ist die Disziplin, in der Aldi und Lidl effizienter sind. Dass in der Region Hessenring alle Standorte einheitlich starten, werte ich übrigens als Zeichen, dass man dort auf Tempo und Ordnung setzt. Das beweist allerdings noch nichts über die Übergabe an Unternehmer.
Felix Baarz: Bei Coca-Cola hat Edeka als letzter großer Händler eingelenkt. Zeigt das nicht, dass die viel beschworene Macht gegenüber Lieferanten ihre Grenzen hat?
Dieter Jaworski: Wer als Letzter einlenkt, hat am längsten durchgehalten. Das spricht eher für Rückgrat als für Schwäche. Was in der Einigung steht, weiß allerdings niemand, also lese ich in den Ausgang nicht mehr hinein als das.
Felix Baarz: Es gibt keine Bruttomarge, kein EBIT, nicht einmal einen Kurs. Ist ein Qualitätsurteil über Edeka unter diesen Umständen nicht reine Spekulation?
Dieter Jaworski: Die Schlussfolgerung hält nicht. Ihre Kette lautet: ohne Margenzahl keine Aussage über Qualität. Sie reißt an der Stelle, an der Sie Höhe mit Haltbarkeit gleichsetzen. Eine Marge zeigt, wie viel ein Geschäft in einem bestimmten Jahr verdient. Ob dieser Schutz einen schlechten Zyklus übersteht, liest man an der Struktur ab, und die ist gut dokumentiert.
Laut Kartellamt verdient der Lebensmittelhandel insgesamt im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Von Edeka erwarte ich deshalb keine Traumrendite. Entscheidend ist die Frage, ob das Netz trägt. Die Kaufleute haben 2025 um 4,6 Prozent zugelegt, der Verbund um 2,7 Prozent.
Solange der Kaufleute-Teil schneller wächst als das Ganze, arbeitet der eigentliche Wettbewerbsvorteil. Zum fehlenden Kurs noch ein trockener Nebensatz: Es gibt also auch keinen Erwartungsaufschlag, den das Geschäft erst abarbeiten müsste. Ein Bewertungsproblem hat Edeka mangels Bewertung schlicht nicht.
Felix Baarz: Was müsste passieren, damit dieser Schutz bricht, etwa wenn die Kundschaft in einer Krise massiv zu Aldi und Lidl wandert?
Dieter Jaworski: Die Nachfrage nach Lebensmitteln bricht nie wirklich weg. Sie wandert, und zwar nach unten ins Discountregal. Für ein Vollsortiment mit vielen Mitarbeitern pro Quadratmeter ist das der eigentliche Stresstest. Der gesetzliche Mindestlohn steigt in Stufen bis 2027, dazu kam die Tarifrunde Handel mit Warnstreiks in Edeka-Filialen.
Diese Kosten treffen einen arbeitsintensiven Supermarkt härter als einen schlanken Discounter. Hier ist Edekas Preissetzungsmacht gegenüber den Kunden wirklich nur moderat. Das Wachstum lag zuletzt kaum über der Nahrungsmittelinflation, und laut einem Branchenranking hat Edeka 2025 einen Zehntelpunkt Marktanteil abgegeben. Auf der Einkaufsseite sieht es freundlicher aus.
Dort sitzt der Verbund mit rund 77 Milliarden Euro Umsatz, 65 Logistikzentren und eigener Produktion in der stärkeren Position. Die Schere zwischen fallenden Erzeugerpreisen und stagnierenden Ladenpreisen hilft ihm dabei. Brechen würde der Schutz erst, wenn beides zusammenkommt: ein dauerhafter Abfluss zum Discount und ein Kartellamt, das die Einkaufsmacht beschneidet.
Die laufenden Missbrauchsverfahren, etwa zur Payback-Beteiligung der Hersteller, zeigen, dass die Behörde genau dort hinschaut. Die Zusage, vier Jahre auf 24 weitere Tegut-Standorte zu verzichten, zeigt außerdem, wo die Decke für Zukäufe hängt.
Felix Baarz: Sie knüpfen die Qualität an die Bedingung, dass die Kaufleute mit 4,6 Prozent schneller wachsen als der Verbund mit 2,7 Prozent. Reicht dieser Vorsprung, um Edeka als Qualitätsgeschäft einzustufen?
Dieter Jaworski: Er reicht, mit einem Sternchen. Der Vorsprung zeigt, dass der wertvollste Teil des Verbunds gerade nicht erodiert, und das wiegt für mich schwerer als jede fehlende Margenzahl. Edeka ist ein solides Qualitätsgeschäft mit einem Graben aus Masse und lokalen Unternehmern.
Hightech steckt darin keine, und Preismacht hat der Verbund vor allem gegenüber Lieferanten, weniger gegenüber der Kundschaft. Das Sternchen heißt Tegut. Wenn die übernommenen Läden in einem Jahr nicht mehrheitlich in Kaufmannshand sind, schrumpft der Vorsprung von innen, und dann rede ich hier über einen sehr großen, sehr normalen Händler.
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