Ein Supreme-Court-Urteil, eine 10-Milliarden-Übernahme und eine unbequeme Frage
Supreme Court entlastet Bayer bei Roundup-Klagen, Merck kauft Bio-Techne für 10 Mrd. Euro. Deutsche Bank analysiert KI-Rückstand.

- Supreme Court stärkt Bayer im Glyphosat-Streit
- Merck übernimmt Bio-Techne für 10 Milliarden
- Deutschland investiert unter 1% BIP in Software
- US-Konjunkturdaten übertreffen Erwartungen
Liebe Leserinnen und Leser,
7 zu 2. Mit dieser Stimmenmehrheit entschied der US Supreme Court am Donnerstag, dass Bayer nicht wegen fehlender Krebswarnungen auf Roundup-Verpackungen verklagt werden kann. Die Aktie sprang um 17 Prozent. Zur gleichen Zeit meldete Merck KGaA die Übernahme von Bio-Techne für knapp 10 Milliarden Euro. Und die Deutsche Bank veröffentlichte eine Analyse, die eine schlichte, aber unangenehme Zahl enthält: Deutschland investiert weniger als ein Prozent seiner Wirtschaftsleistung in Software. Schweden kommt auf vier Prozent.
Drei Meldungen, die einzeln Schlagzeilen füllen. Zusammengelesen ergeben sie ein Bild des deutschen Wirtschaftsstandorts, das präziser ist als jeder Indexstand.
Bayer: Zehn Jahre Rechtsstreit, ein Urteil
Der Supreme Court urteilte, dass das Bundesgesetz FIFRA — es regelt die Kennzeichnung von Pestiziden — einzelstaatlichen Klageansprüchen vorgeht. Die US-Umweltschutzbehörde EPA stuft Glyphosat nicht als krebserregend ein; abweichende Warnpflichten einzelner Bundesstaaten sind damit nicht durchsetzbar. Der Fall John Durnell aus Missouri, der 2019 zu einem Schadensersatz von über einer Million Dollar geführt hatte, diente Bayer als Vehikel für dieses Grundsatzurteil. Die Strategie ist aufgegangen: Tausende ähnliche Klagen verlieren ihre Grundlage.
Der Kurssprung auf knapp 47 Euro — das höchste Niveau seit Mitte Februar — zeigt, wie schwer die Roundup-Klagen auf der Bewertung lasteten. Bayer hatte über Jahre Milliardenrückstellungen aufgebaut; deren teilweise Auflösung entlastet die Bilanz und schafft Spielraum. CEO Bill Anderson will die Rechtsstreitigkeiten bis Ende 2026 vollständig eindämmen — dieses Urteil ist der bislang wichtigste Schritt auf diesem Weg.
Die Frage für Anleger: Hat das Papier nach dem Sprung noch Luft? Jefferies bewertet mit „Hold“, UBS mit „Buy“. Die Erleichterung ist eingepreist; der strategische Handlungsspielraum noch nicht.
Merck greift zu: 10 Milliarden Euro für Bio-Techne
Merck KGaA übernimmt den US-Laborausrüster Bio-Techne für 11,3 Milliarden Dollar, umgerechnet knapp 10 Milliarden Euro. Das Angebot von 73 Dollar je Aktie liegt 24 Prozent über dem Vortagesschluss und 36 Prozent über dem Monats-VWAP. Bio-Techne erzielte zuletzt einen Jahresumsatz von über 1,2 Milliarden Dollar mit rund 3.100 Mitarbeitern — Schwerpunkte sind Proteinanalyse, Zellkultur, Wirkstoffforschung und Präzisionsdiagnostik.
Es ist die größte Übernahme des Darmstädter Konzerns seit dem Kauf von Sigma-Aldrich 2015 und der erste große Deal unter CEO Kai Beckmann. Merck erwartet jährliche Kostensynergien von rund 140 Millionen Euro nach vollständiger Integration; eine EPS-Steigerung ab dem dritten Jahr. Finanziert wird durch Barreserven und neue Schulden. Der Abschluss wird für Ende 2026 oder Anfang 2027 erwartet.
Die Merck-Aktie legte am Donnerstag um 3,1 Prozent zu, Bio-Techne sprang vorbörslich um mehr als 20 Prozent. Der Aktivisten-Investor Ananym Capital Management hatte zuvor auf einen Verkauf gedrängt — Beckmann liefert ihm das gewünschte Ergebnis und signalisiert zugleich, dass Merck das Life-Science-Geschäft zur zentralen Wachstumssäule ausbauen will.
Deutschlands KI-Lücke — Rückstand als Chance?
Gestern fragte ich, wohin das Kapital fließt, wenn sich die Spielregeln ändern. Die Deutsche Bank liefert am Donnerstag einen Teil der Antwort — und er fällt für Deutschland ernüchternd aus. Chefvolkswirt Robin Winkler und Chefanlagestratege Christian Nolting warnen: Das Land droht beim KI-Wandel den Anschluss zu verlieren. Die Kerngröße: weniger als ein Prozent des BIP fließt in Software-Investitionen, während Schweden bei rund vier Prozent liegt.
Winkler dreht den Befund allerdings um: Gerade weil weite Teile der Wirtschaft noch wenig digitalisiert sind, könnten die Produktivitätsgewinne durch KI-Einsatz besonders groß ausfallen. Der strukturelle Fachkräftemangel mache es zudem unwahrscheinlich, dass KI in Deutschland in großem Maßstab Arbeitsplätze kostet. Nolting warnt vor übertriebenen Dotcom-Blasen-Vergleichen: Die Unternehmensgewinne seien robust, die Gewinnschätzungen für 2026 in den Sektoren IT und Energie bereits nach oben revidiert.
Der iShares TecDAX-ETF notiert rund 8 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch. Der Aufholbedarf ist messbar — ob er eingelöst wird, hängt davon ab, ob aus Analysen Investitionen werden.
Halbleiter-Rally und starke US-Daten
Microns starke Quartalszahlen — die Schwester-Publikation berichtete über die 84,9 Prozent Bruttomarge — zogen am Donnerstag den gesamten europäischen Halbleitersektor mit: Süss Microtec legte rund 6,5 Prozent zu, Infineon gut vier Prozent.
Die aktuelle Halbleiter-Rally macht deutlich, dass Rechenleistung als Infrastruktur-Thema zunehmend in den Fokus der Märkte rückt — und Quanten-Computing könnte die nächste Stufe dieser Entwicklung darstellen. Genau damit beschäftigt sich das Live-Webinar „3 Pfeiler des Quanten-Computing für bis zu 6.100 % Gewinn“ von Experte Carsten Müller, das morgen um 11:00 Uhr stattfindet. Müller analysiert darin, welche drei strukturellen Treiber den Quanten-Sektor von klassischen KI-Infrastruktur-Wetten unterscheiden und warum sich dort ein Engpass bei der Rechenkapazität aufbaut, der bislang kaum öffentliche Aufmerksamkeit erhält. Für Anleger, die den nächsten Technologie-Zyklus nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen, dürfte das ein lohnender Termin sein. Jetzt kostenlos zum Webinar anmelden
Aus den USA kamen zugleich Wirtschaftsdaten, die positiv überraschten: Das BIP-Wachstum im zweiten Quartal liegt bei 2,1 Prozent statt der erwarteten 1,6 Prozent. Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe fielen mit 215.000 besser aus als die Prognose von 225.000. Die PCE-Kernrate liegt bei 3,4 Prozent, der Gesamtindex bei 4,1 Prozent — dem höchsten Wert seit April 2023. Der Nasdaq-100-Future stieg um 2,3 Prozent auf 29.886 Punkte.
Und innenpolitisch zeichnet sich beim Bund-Länder-Finanzgipfel mit Kanzler Merz nach Angaben der Ministerpräsidenten eine Einigung auf Kostenübernahme durch den Bund ab 125 Millionen Euro ab. Wie belastbar diese Einigung ist, wird sich zeigen.
Was bleibt
Drei deutsche Konzerne, drei unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie sich Wert schaffen lässt: Bayer durch juristische Befreiung von einer Altlast, Merck durch eine milliardenschwere Wette auf Zelltherapie und Diagnostik, die gesamte deutsche Tech-Branche durch eine Digitalisierungslücke, die gleichzeitig Risiko und Chance ist. Die US-Konjunkturdaten stützen die Märkte kurzfristig — doch die PCE-Gesamtrate von 4,1 Prozent macht eine baldige Zinswende unwahrscheinlicher. Für europäische Anleger bleibt die Frage, ob der Kapitalfluss Richtung USA anhält oder ob Deals wie der von Merck zeigen, dass auch von dieser Seite des Atlantiks noch strategisch investiert wird.
Herzlichst, Ihr
Felix Baarz
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