Erneuerbare Energien-Aktien: Schwergewichte rutschen ab, Nebenwerte drehen

Siemens Energy plant Umbenennung zu Omterra, während ABO Wind ums Überleben kämpft. RWE-Chef Krebber fordert spätere Klimaneutralität.

Die Kernpunkte:
  • Siemens Energy wird zu Omterra
  • ABO Wind kämpft um Finanzierung
  • Vulcan Energy erhält erste Auszahlung
  • RWE-Chef fordert Klimaziel-Verschiebung

Ein neuer Name für einen halben DAX-Riesen, eine Rettungsaktion gegen die Uhr und ein CEO, der öffentlich gegen den eigenen Klimafahrplan wettert – im Sektor der Energiewende-Aktien geht es diese Woche weniger um Wind und Sonne als um Unternehmensstrategie. Siemens Energy tauft sich komplett um, RWE-Chef Markus Krebber fordert mehr Zeit für die Klimaneutralität, und ABO Wind kämpft mit einer außerordentlichen Hauptversammlung ums finanzielle Überleben. Während die Schwergewichte heute unter Druck geraten, drehen zwei kleinere Werte überraschend ins Plus.

Zwei Geschwindigkeiten im Sektor

Der Energiewende-Komplex spaltet sich derzeit in zwei Lager. Auf der einen Seite profitieren Netzausbau, KI-getriebener Strombedarf und der Bau von Gaskraftwerken – hier positioniert sich Siemens Energy als klarer Gewinner. Auf der anderen Seite kämpfen reine Projektentwickler mit hohen Finanzierungskosten und verzögerten Netzanschlüssen.

ABO Wind steht exemplarisch für diese Belastung, während Vulcan Energy vor allem unter der schwachen Stimmung im gesamten Lithiumsektor leidet – weniger unter eigenen operativen Problemen. RWE bewegt sich als diversifizierter Versorger irgendwo dazwischen: Das Unternehmen baut Netz- und Ökostromkapazitäten aus und mischt sich gleichzeitig aktiv in die Debatte um Deutschlands Klimaziele ein.

Siemens Energy: Neuer Name, neue Marge – aber Gewinnmitnahmen

Siemens Energy durchläuft den sichtbarsten Umbau seit der Abspaltung von Siemens im Jahr 2020. Das Unternehmen kündigte an, sich künftig zusammen mit der Windtochter Siemens Gamesa unter der neuen Marke Omterra zu vereinen. Der Umbau soll noch in diesem Jahr beginnen und schrittweise erfolgen. Dahinter steckt vor allem ein finanzielles Motiv: Der Konzern zahlte zuletzt eine jährliche Markenlizenzgebühr von rund 300 Millionen Euro an die Siemens AG, die mit dem neuen Namen entfällt.

Analysten reagierten überwiegend positiv. Jefferies-Analyst Lucas Ferhani sieht in der Umbenennung das Auslaufen der beim Spin-off vereinbarten Markenlizenz und rechnet mit einem Margenschub von etwa 0,9 Prozentpunkten, sobald der Übergang – möglicherweise noch vor 2030 – abgeschlossen ist. JPMorgan-Analyst Phil Buller bestätigte sein Overweight-Rating mit einem Kursziel von 235 Euro und begründete dies mit dem früher als erwarteten Wegfall der Lizenzkosten.

Trotz der positiven Einschätzungen zeigt der Kurs aktuell Ermüdungserscheinungen. Die Aktie fiel heute um 3,76 Prozent auf 147,60 Euro, nachdem sie gestern noch bei 153,36 Euro geschlossen hatte. Der Titel notiert damit rund ein Viertel unter seinem 52-Wochen-Hoch von 195,54 Euro, bleibt aber auf Zwölfmonatssicht mit einem Plus von 60,50 Prozent einer der stärksten DAX-Werte überhaupt.

Vulcan Energy: Baufortschritt trifft auf Kursapathie

Vulcan Energy meldete diese Woche einen handfesten Meilenstein: Das Unternehmen erhielt die erste strategische Auszahlung aus dem Lionheart-Phase-Eins-Finanzierungspaket, das insgesamt rund 2,2 Milliarden Euro umfasst und Fremd- sowie Eigenkapital für das kombinierte Lithium-Geothermie-Projekt im Oberrheingraben bündelt. CEO Chris Moreno wertete den Mittelabruf als Beleg dafür, dass der Bau planmäßig verläuft.

Der Aktienkurs honoriert das kaum. Das Papier fiel heute um 3,63 Prozent auf 1,70 Euro und bewegt sich damit nur knapp über dem 52-Wochen-Tief von 1,65 Euro. Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 34,83 Prozent zu Buche, gegenüber dem Oktoberhoch von 3,98 Euro hat sich der Kurs mehr als halbiert.

Der Ausverkauf scheint weniger mit Lionheart selbst zu tun zu haben als mit der generellen Schwäche im Lithiumsektor. Verschärfend kommt hinzu, dass Konkurrent AMG Lithium in Bitterfeld-Wolfen bereits die kommerzielle Produktion von batteriefähigem Lithiumhydroxid gestartet hat – als erster Anbieter dieser Art in der EU. Vulcan befindet sich mit Lionheart dagegen noch in der Bauphase.

ABO Wind: Wettlauf gegen die Uhr

Kaum ein Name im Sektor steckt tiefer in der Krise als ABO Wind, das mittlerweile unter dem Namen ABO Energy firmiert. Der Ausgangspunkt war eine Reihe von Gewinnwarnungen: Statt des ursprünglich erwarteten Konzernverlusts von rund 95 Millionen Euro rechnet das Management für 2025 inzwischen mit einem Minus von etwa 170 Millionen Euro. 2026 verschärfte sich die Lage weiter – ein Verlust in Höhe der halben Grundkapitalsumme zwang das Unternehmen, eine außerordentliche Hauptversammlung einzuberufen.

Ein Sanierungsgutachten liefert immerhin einen vorsichtigen Hoffnungsschimmer. Der Entwurf kommt zu dem vorläufigen Schluss, dass ABO Energy sanierungsfähig ist – vorausgesetzt, eine tragfähige Restrukturierungsfinanzierung mit den Geldgebern gelingt. Für das laufende Geschäftsjahr rechnet das Unternehmen dennoch mit keinem positiven Konzernergebnis mehr, peilt aber für 2027 die Rückkehr in die operative Gewinnzone auf EBITDA-Basis an. Bis Ende Juli muss eine tragfähige Finanzierungslösung stehen.

Operativ läuft das Geschäft trotz allem weiter: In den vergangenen Wochen verkaufte das Unternehmen zwei deutsche Windprojekte – das Repowering-Vorhaben Marpingen im Saarland an Encavis sowie eine Anlage in Großenlüder an KB Renewables. Der Aktienkurs reagierte heute mit einem Plus von 1,87 Prozent auf 3,54 Euro – bei einem RSI von 32,8 gilt das Papier charttechnisch als überverkauft.

Energiekontor: Technische Erholung, aber noch kein Befreiungsschlag

Energiekontor zeigt Stabilisierungstendenzen nach einer turbulenten Phase. Ende Juni überwand die Aktie ihren 200-Tage-Durchschnitt, wenngleich sie sich seit einem längeren Abwärtstrend nur knapp darüber hält. Heute legte der Kurs um 1,52 Prozent auf 36,80 Euro zu, bleibt aber auf Zwölfmonatssicht mit einem Minus von 21,20 Prozent belastet.

Langfristig überzeugt die Bilanz dennoch: Über zehn Jahre steht ein Kursplus von 194,2 Prozent zu Buche, was einer jährlichen Durchschnittsrendite von 9,6 Prozent entspricht. Bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14,34 gilt die Bewertung derzeit als weder überzogen noch besonders günstig, während eine Dividendenrendite von 2,12 Prozent für laufende Erträge sorgt. In Anlegerkreisen richtet sich der Blick zunehmend auf die anstehende Inbetriebnahme zweier Solarparks mit einer Gesamtleistung von rund 110 Megawatt, für die bereits Stromabnahmeverträge vorliegen.

RWE: Politischer Vorstoß statt Projektnews

Bei RWE dominieren derzeit weniger neue Projekte als eine politische Initiative die Schlagzeilen. Konzernchef Markus Krebber fordert gemeinsam mit der Industriegewerkschaft IGBCE, das deutsche Klimaneutralitätsziel von 2045 auf 2050 zu verschieben – und damit an den EU-Zeitplan anzugleichen. Die Begründung: Ein fünf Jahre früherer deutscher Sonderweg verteuere den Standort, ohne zusätzlichen Klimanutzen zu bringen.

Am Kapitalmarkt hat RWE zuletzt dennoch nachgegeben. Die Aktie fiel heute um 2,61 Prozent auf 55,16 Euro, nachdem sie zuvor noch bei 56,64 Euro geschlossen hatte. Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Plus von 17,74 Prozent zu Buche, und Analysten trauen dem Titel im Schnitt ein Kursziel von 62,68 Euro zu – ein Aufwärtspotenzial gegenüber dem aktuellen Niveau. Gestützt wird das Vertrauen durch die zuletzt aufgestockte Beteiligung am Netzbetreiber Amprion sowie die Platzierung einer milliardenschweren Grünanleihe.

Sektordynamik im Überblick

  • Siemens Energy: Markenumbau zu Omterra spart jährlich rund 300 Millionen Euro Lizenzgebühren – Analysten sehen Margenpotenzial, der Kurs korrigiert aber kurzfristig
  • Vulcan Energy: Erste Mittelauszahlung für Lionheart bestätigt Baufortschritt, doch die Aktie bleibt nahe Mehrjahrestiefs gefangen
  • ABO Wind/ABO Energy: Kapitalverlust und Sanierungsgutachten bestimmen das Bild – Frist bis Ende Juli für Finanzierungslösung
  • Energiekontor: Rückkehr über den 200-Tage-Durchschnitt, gestützt durch anstehende Solarpark-Inbetriebnahmen
  • RWE: Politischer Vorstoß zur Klimazielverschiebung begleitet solide operative Entwicklung und Netzausbau über Amprion

Was Anleger jetzt beobachten sollten

Für ABO Energy dürfte der Ausgang der Finanzierungsgespräche und der außerordentlichen Hauptversammlung darüber entscheiden, ob aus dem vorsichtigen „sanierungsfähig“ tatsächlich ein Rettungsplan wird. Bei Siemens Energy rückt die Umsetzung des Omterra-Umbaus in den Fokus – Tempo und Kommunikation werden parallel zu den Quartalszahlen genau beobachtet. Vulcan Energy dürfte kurzfristig weiter an der Stimmung im Lithiummarkt hängen, unabhängig vom Baufortschritt bei Lionheart. RWEs Vorstoß zur Klimazielverschiebung könnte künftige Entscheidungen bei Kapazitätsmärkten und Emissionshandel beeinflussen, während Energiekontors technische Erholung von der pünktlichen Inbetriebnahme der geplanten Solarprojekte abhängt.

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