Erneuerbare Energien: RWE erhält Kursziel-Rekord, Siemens Energy überzeugt und fällt trotzdem
Siemens Energy meldet Rekordquartal, doch die Aktie verliert. RWE erhält derweil ein neues Kursziel von JPMorgan. SolarEdge und JinkoSolar kämpfen mit Gegenwind.

- Gamesa erstmals wieder profitabel
- RWE-Kursziel auf 68,50 Euro angehoben
- SolarEdge-Aktie springt um 6,7 Prozent
- JinkoSolar setzt auf KI-Rechenzentren
Ein Rekordquartal, das die eigene Aktie nicht überzeugt. Ein Analystenlob im Wochentakt, das den Kurs kaum bewegt. Der Sektor der erneuerbaren Energien zeigt derzeit, wie weit operative Erfolge und Börsenreaktion auseinanderklaffen können — bei Siemens Energy, RWE, SolarEdge, JinkoSolar und ABO Energy gleichermaßen.
Siemens Energy: Gamesa schreibt schwarze Zahlen, die Aktie zuckt trotzdem
Das dritte Geschäftsquartal war eines der stärksten in der Firmengeschichte. Der Konzernumsatz kletterte vergleichbar um 18,5 Prozent auf 11,4 Milliarden Euro, das Ergebnis vor Sondereffekten verdreifachte sich nahezu auf 1,6 Milliarden Euro. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand die Windsparte: Siemens Gamesa schrieb erstmals seit dem Geschäftsjahr 2022 wieder schwarze Zahlen, mit einem operativen Gewinn von 75 Millionen Euro gegenüber einem Verlust von 438 Millionen Euro im Vorjahresquartal.
Der Erfolg hat einen Haken. Der Auftragseingang bei Gamesa brach um 77 Prozent auf gut eine Milliarde Euro ein, was Fondsmanagerin Jasmin Wolfram von Union Investment als deutliche Enttäuschung wertete. Siemens Energy verwies zur Erklärung auf zwei Großaufträge im Offshore-Bereich über zusammen mehr als drei Milliarden Euro, die im Vorjahr gebucht worden waren und den Vergleich verzerren. An der Börse sorgte das für ein Wechselbad: Die Aktie legte zunächst um mehr als fünf Prozent zu, ehe sie die Gewinne wieder abgab und ins Minus drehte.
Aktuell notiert das Papier bei 154,32 Euro und damit rund 21 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 195,38 Euro. Auf Sicht von sieben Tagen steht ein Minus von 5,7 Prozent zu Buche — Anleger fokussieren sich derzeit offenbar mehr auf die fragile Auftragslage als auf die historische Margenwende. Für zusätzliche Unsicherheit sorgt eine interne Debatte um die Sparte Transformation of Industry, die intern als unterfinanziert gilt. Der Aufsichtsrat soll sich am 25. August mit einer möglichen Abspaltung befassen, eine Entscheidung wird dabei noch nicht erwartet. Die Jahresprognose bestätigte das Management unterdessen, mit Tendenz zum oberen Ende der avisierten Margenspanne.
ABO Energy: Verkauf der Wasserstoff-Anlage setzt Restrukturierung fort
Während die großen Namen um Milliardenbeträge ringen, kämpft ABO Energy an einer ganz anderen Front. Der Projektentwickler hat seinen Wasserstoffstandort im hessischen Hünfeld-Michelsrombach an Tyczka Hydrogen verkauft — inklusive eines 5-Megawatt-Elektrolyseurs, einer Wasserstofftankstelle und einer Trailer-Abfüllanlage. Die Anlage kann bis zu 450 Tonnen Wasserstoff pro Jahr produzieren, gespeist aus Strom eigener Wind- und Solarparks.
Geschäftsführer Karsten Schlageter stellte den Verkauf als erfolgreichen Abschluss eines Vorzeigeprojekts dar, nicht als Notverkauf. Bemerkenswert ist der Zeitpunkt: Die Anlage war erst im Sommer 2025 nach mehrjähriger Planung und 13-monatiger Bauzeit in Betrieb gegangen. Der Deal reiht sich in eine Serie von Portfoliobereinigungen der vergangenen Wochen ein, die auch Marktaustritte umfasste.
Die Kurszahlen zeigen, wie tief die Krise sitzt. Bei einem aktuellen Kurs von 3,28 Euro bringt es ABO Energy nur noch auf eine Marktkapitalisierung von rund 29,5 Millionen Euro. Über die vergangenen sieben Tage verlor die Aktie 4,4 Prozent, auf Monatssicht sogar 9,3 Prozent. Die anhaltenden Sorgen um die Kapitalstruktur nach früheren Restrukturierungsmaßnahmen mit Gläubigern lasten spürbar auf der Stimmung.
SolarEdge: Nach dem Ausverkauf ein kräftiger Erholungsversuch
Kaum ein Titel im Sektor schwankt derzeit so stark wie SolarEdge. Der Wechselrichter-Hersteller markierte Anfang August ein neues Sechsmonatstief, ehe sich die Aktie zuletzt kräftig erholte — heute springt das Papier um 6,7 Prozent auf 27,25 Euro. Der Ausblick auf den US-Markt bleibt allerdings schwierig, auch wenn die jüngsten Quartalszahlen die Erwartungen übertrafen. Diese Gemengelage erklärt, warum Anleger trotz operativer Fortschritte vorsichtig bleiben.
Der Blick auf die längere Frist relativiert die aktuelle Erholung. Auf Monatssicht steht immer noch ein Minus von 36 Prozent zu Buche, und die Aktie notiert weiterhin rund 61 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 69,10 Euro. Fundamental bleibt der Konzern unprofitabel — anhaltende Überkapazitäten und Preisdruck im Wechselrichtermarkt drücken weiter auf die Stimmung, selbst wenn das Management mittelfristige Margenziele in Aussicht stellt.
RWE: JPMorgan hebt Kursziel auf 68,50 Euro an
Bei RWE reißt der Strom positiver Analystenstimmen nicht ab. Heute hob JPMorgan das Kursziel von 65 auf 68,50 Euro an und bestätigte die Einstufung „Overweight“. Die Bank führt den Titel weiterhin auf ihrer „Analyst Focus List“ — Analyst Pavan Mahbubani sieht selbst nach der starken Kursentwicklung der vergangenen Monate noch Luft nach oben. Als Treiber nennt er die jüngsten Quartalszahlen, die aufgestockte Beteiligung am Netzbetreiber Amprion, eine mögliche Anhebung der Jahresprognose sowie Entschädigungszahlungen der US-Regierung für Investitionen in Offshore-Windprojekte.
RWE steht mit dem Lob nicht allein da. Erst Tage zuvor bestätigte Jefferies die Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 68 Euro, während RBC sein Ziel von 65 auf 66 Euro anhob. Als Wachstumstreiber gelten branchenübergreifend der US-Markt, Batteriespeicher, die Offshore-Windpipeline in Großbritannien sowie die geplante Nutzung ehemaliger Kraftwerksstandorte für Rechenzentren.
Die operativen Zahlen liefern das Fundament für den Optimismus: Das bereinigte EBITDA im ersten Halbjahr stieg um 44 Prozent auf gut drei Milliarden Euro, der bereinigte Nettogewinn kletterte um knapp 60 Prozent auf rund 1,3 Milliarden Euro. Der Versorger erhöht zudem seine geplanten Nettoinvestitionen deutlich, unter anderem wegen des geplanten Einstiegs bei Amprion und neuer Gasprojekte. Trotz der breiten Analysten-Zustimmung tendiert die Aktie mit aktuell 57,32 Euro eher seitwärts — ein Beleg dafür, dass selbst gut begründete Kurszielanhebungen nicht immer sofort im Kurs ankommen.
JinkoSolar: KI-Rechenzentren als neue Wette, der Kurs bleibt schwach
JinkoSolar setzt auf neue Wachstumsfelder, während die Aktie in der Nähe ihrer Tiefstände verharrt. Auf der Messe SNEC im Juni präsentierte der Hersteller seine nächste Modulgeneration, die Tiger-Neo-5.0-Plattform, dazu das Speichersystem SunTera G5 und die Tandemzellen-Technologie Nebula One. Die etablierte Tiger-Neo-3.0-Linie positioniert das Unternehmen inzwischen gezielt für den Boom der KI-Infrastruktur: Neue AIDC-Module richten sich an Rechenzentren, GPU-Cluster, Supercomputing-Anlagen und Chipfabriken weltweit.
Parallel meldete der Konzern während der SNEC zehn aufeinanderfolgende Kooperationsabkommen mit Partnern auf den Philippinen, in Bangladesch und Pakistan zur Lieferung der Tiger-Neo-3.0-Module. Trotz dieser dichten Nachrichtenlage findet die Aktie keinen Boden. Aktuell notiert das Papier bei 14,44 Euro, seit Jahresbeginn steht ein Minus von 36 Prozent zu Buche. Am 26. August legt JinkoSolar vor US-Börsenöffnung Zahlen zum zweiten Quartal vor — ein Termin, der zeigen dürfte, ob die Wette auf KI-Rechenzentren und Technologieführerschaft nach einer Phase schrumpfender Modulauslieferungen und anhaltendem Preisdruck tatsächlich Wirkung zeigt.
Sektordynamik im Überblick
Die fünf Titel offenbaren, wie unterschiedlich der Markt ähnliche strukturelle Trends bewertet:
- RWE und Siemens Energy profitieren beide vom selben Treiber — steigender Strombedarf durch KI-Rechenzentren und Industrieelektrifizierung —, reagieren aber gegensätzlich: RWE reitet auf einer Welle von Kurszielanhebungen, Siemens Energy wird trotz historischer Margenwende bei Gamesa verkauft.
- SolarEdge und JinkoSolar leiden beide unter anhaltenden Überkapazitäten und Preisdruck in der Solarbranche, setzen aber auf technologische Aufwertung als Weg zurück zu besseren Margen.
- ABO Energy steht als kleinerer, finanziell angeschlagener Titel abseits der großen Wachstumsstorys — die Nachrichtenlage dreht sich um Portfoliobereinigung statt Expansion.
Was Anleger in den kommenden Wochen im Blick behalten sollten
Mehrere konkrete Termine dürften die Kursrichtung in den kommenden Wochen mitbestimmen. Die Zahlen von JinkoSolar am 26. August werden zeigen, ob die Ausrichtung auf KI-Rechenzentren die anhaltende Preisschwäche im Kerngeschäft auffangen kann. Bei Siemens Energy dürfte die Aufsichtsratssitzung rund um den 25. August erste Hinweise liefern, wie es mit der Sparte Transformation of Industry weitergeht, auch wenn eine endgültige Entscheidung dort noch nicht ansteht.
Für RWE liegt die Messlatte hoch: Die Fülle positiver Analystenstimmen verlangt nach einer bestätigten oder gar angehobenen Jahresprognose, die das erweiterte Investitionsprogramm in Netze, Gas und Rechenzentren-Flächen untermauert. Ob ABO Energy den eingeschlagenen Weg der Portfoliobereinigung fortsetzt und ob sich SolarEdge nach den jüngsten Ausschlägen stabilisieren kann, bleibt offen — beide Fragen werden zeigen, ob auch die kleineren, finanziell angeschlagenen Namen im Sektor das Vertrauen der Anleger zurückgewinnen können.
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