Evonik Aktie: Bucheinsicht oder Rückzug?

BASF knüpft ein mögliches höheres Gebot an die Prüfung von Evoniks Büchern; die RAG-Stiftung hat sich bislang nicht festgelegt.

Die Kernpunkte:
  • BASF wies Evoniks erste Offerte zurück
  • Höheres Gebot an Buchprüfung geknüpft
  • RAG-Stiftung traf noch keine Bewertung
  • Quartalszahlen am 3. November angekündigt

Taktieren um Bucheinsicht und operative Fortschritte

Die Evonik-Aktie notiert bei 21,40 Euro und hält sich damit dicht unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 21,84 Euro. Dieser Bewertungsstand spiegelt die anhaltende Spannung wider, in der sich das Essener Spezialchemieunternehmen befindet.

Der Markt preist gegenwärtig eine erhebliche Übernahmefantasie ein, nachdem BASF vor gut drei Wochen mit einer ersten Offerte von 22,15 Euro je Aktie an die Öffentlichkeit getreten war. Evonik wies diesen ersten Vorstoß umgehend als zu niedrig zurück.

Gleichzeitig läuft das operative Geschäft weiter. Am Dienstag vereinbarte Evonik gemeinsam mit den japanischen Partnern Toyotsu Chemiplas und Sanyo Chemical eine Kooperation. Die drei Unternehmen entwickeln ein Recyclingmodell für Polyurethanschaum in Japan.

Evonik bringt dabei ein hydrolysebasiertes chemisches Recyclingverfahren sowie technologisches Wissen ein. Für Investoren stellt sich in dieser Gemengelage die Frage, ob die aktuelle Bewertung auf eigener operativer Stärke beruht oder vollständig von BASFs Vorstoß abhängt.

Die Haltung der RAG-Stiftung entscheidet über den Fortgang

Der zentrale Hebel für jede weitere Weichenstellung liegt in der Öffnung der Bücher. Laut dpa-AFX hält BASF sich ein höheres Angebot offen, macht dieses Entgegenkommen aber von einer umfassenden Buchprüfung abhängig. Auf der Gegenseite betont Evonik beharrlich, dass weiterhin keine Gespräche mit dem Ludwigshafener Interessenten stattfinden. Ohne den Zugriff auf detaillierte Finanzdaten bleibt der Bieterprozess jedoch in einer Sackgasse stecken.

In diesem Patt kommt dem größten Anteilseigner das entscheidende Gewicht zu. Das Kuratorium der RAG-Stiftung ließ sich am 9. Oktober über das Übernahmeinteresse von BASF informieren. Eine Festlegung oder Bewertung des Übernahmeversuchs vermied das Gremium dabei ausdrücklich. Gleichzeitig wächst der politische Druck.

Mona Neubaur, Wirtschaftsministerin von Nordrhein-Westfalen, bezog im Landtag klar Stellung und sprach sich gegen eine Übernahme von Evonik durch BASF aus. Ob das Management seine Blockadehaltung beibehalten kann, hängt maßgeblich davon ab, wie die Stiftung ihre Interessen als Ankeraktionär gewichtet.

Nachbesserung bei konstruktiven Gesprächen denkbar

Für optimistische Marktteilnehmer liegt der Reiz in einer absehbaren Eskalation des Übernahmepokers. Ein Insider berichtete Reuters, die bisherige Offerte sei möglicherweise nicht das letzte Wort. Demnach könnte BASF das Angebot nachbessern, falls formelle Gespräche mit Evonik aufgenommen werden. Ein solcher Schritt würde den Weg für eine deutliche Prämie oberhalb der bisherigen 22,15 Euro ebnen.

Um den Bedenken aus der Politik und der Belegschaft zu begegnen, hat BASF bereits Vorkehrungen ins Spiel gebracht. Zwei dem Konzern nahestehende Personen sagten Reuters, Ludwigshafen sei bereit, bestehende deutsche Standort- und Beschäftigungsgarantien vertraglich abzusichern.

Sollte dieser Kompromiss die Hürden bei den Arbeitnehmervertretern und der RAG-Stiftung senken, könnte das Evonik-Management gezwungen sein, den Widerstand aufzugeben und in Verhandlungen einzutreten. In diesem Fall dürfte eine aufgestockte Offerte den Aktienkurs unmittelbar nach oben ziehen.

Harte Abwehr droht Übernahmeprämie auszulöschen

Das wesentliche Risiko für Aktionäre besteht darin, dass die Annäherung endgültig scheitert. Sollte Evonik der Gegenseite den Einblick in die Bücher dauerhaft verwehren, verliert BASF jede Grundlage für eine finanzielle Nachbesserung. In einem solchen Szenario droht ein vollständiger Rückzug der Ludwigshafener.

Ein Rückzug würde die Spekulationsprämie schlagartig aus dem Titel entweichen lassen. Ohne Übernahmeangebot müsste die Aktie wieder vollständig auf Basis eigener Kennzahlen und Margen bewertet werden.

Dass Wirtschaftsministerin Mona Neubaur im Landtag eine Übernahme ablehnt, stärkt zwar dem Management in Essen den Rücken. Es erhöht jedoch das Risiko einer verhärteten Front, bei der Aktionäre am Ende leer ausgehen. Fällt der Stützpfeiler der Übernahmephantasie weg, droht eine spürbare Korrektur.

Der dritte November markiert die nächste fundamentale Wegmarke

Solange der Kurs den knappen Abstand von zwei Prozent zum 52-Wochen-Hoch verteidigt, bleibt die Erwartung eines nachgebesserten Angebots das bestimmende Element am Markt. Kippt jedoch die Bereitschaft zu Verhandlungen endgültig und zieht sich BASF ohne Bucheinsicht zurück, dürfte die Aktie ihre jüngsten Gewinne schnell wieder abgeben.

Anleger müssen daher in den kommenden Wochen zwei getrennte Entwicklungen verfolgen. Auf der strategischen Ebene entscheidet jede Regung der RAG-Stiftung über den weiteren Verhandlungsspielraum. Auf der operativen Ebene wartet der nächste planmäßige Prüfstein am 3. November: An diesem Tag legt Evonik die Geschäftszahlen zum dritten Quartal vor. Dieser Bericht wird zeigen, wie tragfähig das eigene Zahlenwerk ohne Übernahmeaufschlag ist.

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