Evonik Aktie: Interessenkonflikt im Übernahmepoker?
Die RAG-Stiftung hält gut 43 Prozent an Evonik; BASF erhielt für ein erstes Angebot über 10,3 Milliarden Euro eine Absage.

- Vassiliadis zog sich bei BASF-Entscheidungen zurück
- Evonik-Dividende deckte Stiftungskosten nicht vollständig
- Claus Rettig führt Evonik vorübergehend
- BASF-Angebot über 10,3 Milliarden Euro abgelehnt
Michael Vassiliadis steht im Übernahmepoker um Evonik im Zentrum eines Interessenkonflikts. Der Chef der Gewerkschaft IGBCE bekleidet sowohl ein Mandat im Aufsichtsrat von BASF als auch das Amt des stellvertretenden Kuratoriumsvorsitzenden bei der RAG-Stiftung. Laut einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zog er sich bei BASF wegen möglicher Interessengegensätze aus den Entscheidungsprozessen zurück.
Vassiliadis sitzt seit mehr als zwölf Jahren im Aufsichtsrat des Ludwigshafener Konzerns, während sein Mandat bei der IGBCE bis 2029 läuft. Für die Beschäftigten beider Seiten fordert er verbindliche Zukunftsperspektiven sowie Zusagen für Investitionen. Spekulationen über Ambitionen auf den Stiftungsvorsitz sind unbestätigt; der Vertrag von Amtsinhaber Bernd Tönjes endet 2028.
Der Gewerkschaftschef befindet sich damit in einer Gratwanderung zwischen Arbeitnehmerinteressen und Gremienverantwortung. Auf der einen Seite steht der Schutz von Arbeitsplätzen im Raum, auf der anderen die Treuepflicht gegenüber zwei Chemiekonzernen mit gegensätzlichen Zielen im aktuellen Bietergefecht.
Stiftungskapital und Ewigkeitskosten
Für die RAG-Stiftung, die etwas mehr als 43 Prozent an Evonik hält, besitzt das Geschehen existenzielle Relevanz. Aus Essen flossen im vergangenen Jahr 252,5 Millionen Euro als Dividende an die Stiftung. Dieser Betrag deckte die laufenden Verpflichtungen jedoch nicht vollständig ab, da die Ewigkeitskosten für den Steinkohlebergbau 309 Millionen Euro erreichten.
Insgesamt verwaltet die RAG-Stiftung ein Vermögen von rund 16 Milliarden Euro und hat Rückstellungen von 10 Milliarden Euro gebildet. Trotz der Übernahmeavancen gab es nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bislang kein außerordentliches Zusammentreffen des Aufsichtsgremiums. Ein reguläres Treffen des Kuratoriums ist für Ende November terminiert.
Führungsvakuum und Bewertungspoker
Erschwert wird die Gemengelage durch eine personelle Leerstelle an der Spitze von Evonik. Vorstandschef Christian Kullmann fällt nach einer Operation mindestens bis zum Jahresende aus. In dieser anspruchsvollen Phase hat Claus Rettig interimistisch die Leitung des Essener Spezialchemiekonzerns übernommen.
Die Evonik-Führung hatte eine erste Offerte von BASF über 10,3 Milliarden Euro vor gut einer Woche zurückgewiesen. Zwar schmetterte der Vorstand den ersten Annäherungsversuch ab, doch die Frage nach einer angemessenen Bewertung rückt für Anleger immer stärker in den Fokus.
Am Freitag schloss das Papier bei 20,66 Euro, womit Evonik eine Marktkapitalisierung von 9,58 Milliarden Euro aufweist. Der Kurs notiert damit 0,4 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch.
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