Evonik Aktie: Nachbesserung im Anmarsch?
Evonik weist BASFs unverbindlichen Vorstoß zurück; weitere Gespräche sind bestätigt, doch eine Einigung ist nicht sicher.

- Erstes BASF-Angebot von Evonik abgelehnt
- Offerte bewertete Evonik mit 10,3 Milliarden Euro
- RAG-Stiftung hält 44 Prozent an Evonik
- Gewerkschaft fordert Standortzusagen und Investitionen
Abgewiesene Offerte bringt Bewegung in den Spezialchemiesektor
Die Fronten im deutschen Chemiesektor sind abgesteckt, doch die Ruhe trügt. Am heutigen Montag wies Evonik einen ersten Übernahmevorstoß des Ludwigshafener Branchennachbarn BASF ab.
Laut Reuters und der Financial Times bewertete das unverbindliche Angebot den Essener Spezialchemiekonzern mit rund 10,3 Milliarden Euro. Dies entspricht etwa 22,15 Euro je Aktie. Evonik lehnte diese Offerte als unzureichend ab und verweigerte BASF den Einblick in die Bücher.
Anleger stehen nun vor einer veränderten Gemengelage. Die Aktie von Evonik notiert heute bei 19,79 Euro, was einem Tagesplus von 1,8 Prozent entspricht. Damit nähert sich der Titel wieder dem Niveau der gebotenen Summe an. Die formelle Zurückweisung markiert jedoch keineswegs das Ende des Interesses. BASF hat offizielle Sondierungsgespräche bestätigt, auch wenn der Ausgang dieser Gespräche ausdrücklich offenbleibt.
Für den Kapitalmarkt beginnt damit eine Phase taktischer Neubewertung. Das Management von Evonik hat klargemacht, dass eine Übernahme unter Wert nicht zur Debatte steht.
Gleichzeitig steht die europäische Chemieindustrie unter erheblichem Konsolidierungsdruck, da hohe Kosten und strukturelle Anpassungen die Bilanzen belasten. Ein Zusammenschluss beider Konzerne könnte ein Schwergewicht mit einem gemeinsamen Jahresumsatz von rund 74 Milliarden Euro formen.
Der Schlüssel liegt bei der RAG-Stiftung und dem Angebotspreis
Für den weiteren Fortgang existiert eine zentrale Hürde, an der sich der Erfolg jedes weiteren Schritts entscheidet: die Haltung der RAG-Stiftung. Die Stiftung kontrolliert einen Anteil von 44 Prozent an Evonik. Ohne ihre ausdrückliche Zustimmung ist eine Mehrheitsübernahme oder gar eine spätere Eingliederung mathematisch wie politisch ausgeschlossen.
Neben der Stiftung meldet sich auch die Arbeitnehmerseite vernehmbar zu Wort. Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Gewerkschaft IGBCE, forderte verbindliche Zukunftsperspektiven und Investitionszusagen für die betroffenen Standorte.
Ein reiner Größenzuwachs garantiere keineswegs sichere Arbeitsplätze. Da beide Unternehmen bereits eigenständige Sparprogramme und Personalmaßnahmen verfolgen, dürften Restrukturierungspläne auf scharfen Widerstand stoßen.
Auf finanzanalytischer Ebene geht es derweil um den Preis. Analystin Virginie Boucher-Ferte von Deutsche Bank Research konstatierte nach dem Bekanntwerden der Gespräche, der Geist sei nun aus der Flasche. Sollte BASF ernsthaft nachlegen müssen, rückt eine Marke von 25 Euro je Evonik-Aktie in den Fokus der Marktteilnehmer. Die Frage lautet, wie weit BASF finanziell gehen kann, ohne die eigene Bilanz zu überdehnen.
Nachbesserung von BASF treibt die Bewertung nach oben
Im optimistischen Fall für Aktionäre von Evonik belässt es der DAX-Konzern BASF nicht bei dem ersten Vorstoß. Um die Führung in Essen und die RAG-Stiftung an den Verhandlungstisch zu zwingen, müsste das Angebot spürbar angehoben werden. Bernstein-Analyst James Hooper merkte an, dass die reinen Zahlen einer solchen Kombination attraktiv erschienen, auch wenn die operative Umsetzung komplex ausfällt.
Strategisch bietet ein Zusammengehen nach Einschätzung von Baader Europe deutliche Synergien. Ergänzungen gäbe es demnach bei Isocyanaten wie MDI und TDI, bei Katalysatoren und Tensiden sowie durch die Kombination von BASFs Vitaminsparte mit dem Methioningeschäft von Evonik. Setzt sich diese strategische Logik durch, könnte eine aufgebesserte Offerte den Aktienkurs von Evonik schrittweise in Richtung der 25-Euro-Marke ziehen.
Ein solches Szenario würde bestehende Bewertungsabschläge zügig auflösen. Sollte die RAG-Stiftung signalisieren, dass sie ab einer bestimmten Preisschwelle gesprächsbereit ist, käme zusätzliche Dynamik in den Handel. Anleger würden in diesem Fall auf eine Einigung wetten, die durch eine Bar- oder Aktienkomponente abgesichert wird.
Ein Abbruch der Gespräche droht Kursgewinne auszuradieren
Dem Aufwärtspotenzial steht ein spürbares Rückschlagsrisiko gegenüber. Sollte BASF die aufgerufenen Forderungen als unwirtschaftlich einstufen und sich vollständig zurückziehen, würde die Übernahmeprämie rasch aus dem Kurs entweichen. Da Evonik den ersten Vorstoß schroff zurückgewiesen hat, besteht jederzeit die Gefahr eines abrupten Endes der Sondierungen.
Zudem drohen kartellrechtliche Hürden. Baader Europe verwies bereits auf mögliche Wettbewerbs- und Antitrust-Risiken, insbesondere im Segment der Inhaltsstoffe für Körperpflegeprodukte. Müssten im Falle einer Fusion profitable Unternehmensteile unter regulatorischem Druck veräußert werden, würde dies den wirtschaftlichen Reiz der Transaktion schmälern.
Fällt die Übernahmefantasie weg, rücken wieder die fundamentalen Branchenprobleme in den Mittelpunkt. Evonik müsste seine Restrukturierung dann rein aus eigener Kraft vorantreiben. In einem solchen Fall droht der Kurs auf das Niveau vor Bekanntwerden der Gespräche zurückzufallen, da kurzfristig orientierte Arbitrage-Investoren ihre Positionen zügig auflösen dürften.
Verhandlungen über Nachbesserungen dürften die kommenden Wochen prägen
Solange die Sondierungsgespräche zwischen den Parteien andauern und BASF ein nachgebessertes Angebot vorbereitet, dürfte der Aktienkurs von Evonik durch die Übernahmespekulation nach unten abgesichert bleiben.
Kippt dieser Prozess jedoch und BASF erklärt die Verhandlungen offiziell für gescheitert, droht eine unmittelbare Bereinigung der jüngsten Kursaufschläge. Bei einer Marktkapitalisierung von 9,10 Milliarden Euro bleibt der Konzern auf ein verlässliches Fundament angewiesen.
Als nächster konkreter Katalysator gilt eine offizielle Stellungnahme der RAG-Stiftung oder eine erneute Offerte aus Ludwigshafen. Marktteilnehmer beobachten nun genau, ob BASF den Schritt zu einem formellen Übernahmeangebot wagt oder die Gespräche ohne Annäherung versanden.
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