Evonik, Commerzbank, Rheinmetall: Welche Bilanz trägt den teuren Zins?
Übernahmeoptionen, Kursverluste und volle Auftragsbücher zeigen, wie Finanzierung und Cashflow bei hohen Zinsen die Aktien prägen.

- BASF sondiert Evonik-Übernahme mit offenem Ausgang
- UniCredit hält knapp 50 Prozent an Commerzbank
- Rheinmetall meldet Auftragsbestand von rund 80 Milliarden
- US-Rendite zehnjähriger Anleihen erreicht 5,16 Prozent
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
teures Geld hat die Dealmaker nicht aufgehalten. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen steht so hoch wie seit 2007 nicht. Trotzdem war die abgelaufene Woche eine Woche der Deals. BASF sondiert die Übernahme von Evonik, UniCredit steht bei knapp 50 Prozent an der Commerzbank.
Unternehmen weltweit nahmen an einem einzigen Dienstag über 70 Milliarden Dollar am Anleihemarkt auf. Meine These: Bei fünf Prozent Zins entscheidet nicht mehr die strategische Logik über Übernahmen, sondern die Bilanz des Käufers. Genau das trennt derzeit an der Börse Gewinner von Verlierern.
BASF und Evonik: Die Frage ist nicht ob, sondern wie bezahlt wird
Für Evonik-Aktionäre ist ein großer Teil der guten Nachricht bereits im Kurs. Evonik bestätigte am Freitag um 15:12 Uhr per Ad-hoc eine unverbindliche Ansprache von BASF für ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot auf sämtliche Aktien. BASF bestätigte am Abend Sondierungen mit Evonik und der RAG-Stiftung, betonte aber, dass der Ausgang offen sei.
Evonik selbst erklärte, dass derzeit keine Gespräche stattfinden. Die Evonik-Aktie schloss am Freitag mit einem Plus von 7,9 Prozent bei 19,44 Euro und markierte im Tagesverlauf mit 20,00 Euro ein 52-Wochen-Hoch. BASF gab 2,6 Prozent auf 50,89 Euro nach.
Die Größenordnung: Evonik bringt rund 8,45 Milliarden Euro Börsenwert auf die Waage, inklusive Schulden liegt der Unternehmenswert bei etwa 12 Milliarden Euro. BASF trug Anfang 2026 bereits rund 20 Milliarden Euro Nettoschulden.
Chetan Udeshi von JPMorgan verweist deshalb kritisch auf Komplexität und Finanzierung, Arne Rautenberg von Union Investment sieht dagegen industrielle Logik durch das komplementäre Spezialchemie-Portfolio. Beide haben recht, und genau darin liegt das Problem für Anleger: Ein gemeinsamer Umsatz von rund 75 Milliarden Euro ist strategisch reizvoll, aber bei Bund-Renditen von 3,6 Prozent kostet jede fremdfinanzierte Milliarde spürbar mehr als noch vor einem Jahr.
Der Schlüssel liegt bei der RAG-Stiftung. Die Stiftung hält 43,8 Prozent an Evonik, will perspektivisch auf 25,1 Prozent reduzieren und hat drei Umtauschanleihen auf Evonik-Aktien ausstehen. Ohne ihre Zustimmung läuft nichts.
Für BASF wird der Börsengang der Agrarsparte, geplant bis Mitte 2027, zur zentralen Finanzierungsquelle. Wer Evonik hält, hat mit 46 Prozent seit Jahresbeginn bereits einen großen Teil der Prämie im Kurs – das Risiko einer Absage ist jetzt asymmetrisch.
Commerzbank: Drei Wege zum Abschluss, und Citi hält den Kurs für fair
Die Commerzbank ist auf dem aktuellen Niveau ausgereizt, es sei denn, es kommt eine Prämie. UniCredit hat nach Ablauf der Annahmefrist am 8. Juli den Anteil an der Commerzbank auf knapp 50 Prozent ausgebaut. Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp skizzierte am Donnerstag und Freitag drei Optionen.
Die erste ist eine direkte Fusion. Die zweite ist ein neues Angebot mit Prämie an die verbliebenen Aktionäre für eine Quote über 90 Prozent. Die dritte ist der Kauf der UniCredit-Tochter HypoVereinsbank durch die Commerzbank gegen Aktien.
Im dritten Fall würde UniCredit ihren Anteil weiter erhöhen, ohne selbst zu zahlen. Die EZB-Entscheidung wird Mitte Oktober erwartet, für eine Fusion braucht es 75 Prozent Hauptversammlungsmehrheit – und damit den Bund als zweitgrößten Aktionär.
Die Commerzbank-Aktie schloss am Freitag bei 42,39 Euro, nur knapp unter dem 52-Wochen-Hoch von 43,34 Euro vom 16. September. Seit Jahresbeginn liegt sie 17 Prozent vorn.
Citi hebt das Kursziel für UniCredit von 88,40 auf 92,50 Euro und bestätigt „Buy“, erwartet 3,56 Euro Dividende für 2026 und 4,56 Euro für 2027. Für die Commerzbank sieht Citi dagegen nur „Neutral“ mit einem Stand-alone-Ziel von 42 Euro.
Die Botschaft ist unmissverständlich: Auf dem aktuellen Niveau ist die Commerzbank fair bezahlt, weiteres Kurspotenzial entsteht nur durch eine Prämie in einem neuen Angebot. Bemerkenswert ist die relative Stärke: Während US-Finanzwerte im September rund 5 Prozent verloren, notieren Commerzbank und UniCredit nahe ihren Jahreshochs.
Rheinmetall: Volle Bücher, leerer Cashflow, geschrumpfte Bewertung
Der Gegenentwurf zur Stärke der Banken heißt Rheinmetall. Die Rheinmetall-Aktie schloss am Freitag bei 986,60 Euro, das sind 14 Prozent weniger als vor einem Monat und 36 Prozent seit Jahresbeginn.
Vom Rekordhoch über 2.000 Euro im Oktober 2025 hat sich der Kurs halbiert, das Jahrestief von 902,50 Euro rückt näher. Dabei stimmt das Geschäft: Der Umsatz stieg im zweiten Quartal auf 3,289 Milliarden Euro, der Auftragsbestand liegt bei rund 80 Milliarden Euro, für 2026 erwartet Rheinmetall mehr als 100 Milliarden. Das Boxer-Programm Arminius könnte bis Jahresende 12,4 Milliarden Euro bringen, mit Optionen bis zu 77 Milliarden.
Belastet wird die Rheinmetall-Aktie von Berichten über Verzögerungen beim Waffenträger-Projekt und einem anhaltend negativen freien Cashflow. Bei einem Vorjahres-KGV von über 100 ist das die eigentliche Erklärung: Wenn der risikofreie Zins fünf Prozent bringt, bezahlt niemand mehr das Hundertfache eines Gewinns für Wachstum, das erst in Jahren zu Cash wird.
Die Analysten liegen entsprechend weit auseinander: Berenberg bestätigte am Mittwoch „Buy“ mit Kursziel 1.600 Euro, mwb research stuft auf „Halten“ mit 1.050 Euro, Bernstein sieht bis zu 1.900 Euro.
Fidelity-Mutter FMR ist am 18. September unter die 3-Prozent-Meldeschwelle gerutscht. Der nächste Termin, der zählt, ist der 5. November mit Quartalszahlen und Kapitalmarkttag – bis dahin ist die Zone um 950 Euro die Unterstützung, auf die der Markt schaut.
Bei den Drohnen-Spezialisten ist das Bild nicht besser. DroneShield notiert bei 1,01 Euro, 44 Prozent unter dem Jahresstart, und sieht sich einer Untersuchung der australischen Aufsicht ASIC gegenüber. Polens 3,45 Milliarden Euro schwerer Luftverteidigungsauftrag und die 10 Milliarden Euro, die Berlin für Drohnen einplant, kommen also bei den Erstadressen an – aber nicht bei den Kursen der kleinen Anbieter.
Der Zins als Schiedsrichter: Was der Anleihemarkt der Fed sagt
Die Fed steckt fest, und der Anleihemarkt lässt sie das spüren. Die Fed hat am 16. September den Leitzins um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben, die erste Erhöhung seit Juli 2023. Der Markt sieht eine Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent für den nächsten Schritt im Oktober.
Die Rendite dreißigjähriger US-Anleihen stieg auf den höchsten Stand seit 2004, die zehnjährige schloss die Woche bei 5,16 Prozent. Die jährlichen Zinsausgaben der USA erreichen 1,38 Billionen Dollar oder 4,2 Prozent des BIP. Finanzminister Scott Bessent will die Rückkäufe zehn- bis zwanzigjähriger Anleihen mindestens verdoppeln – ein Eingeständnis, dass die Nachfrage am langen Ende brüchig ist.
Das Dilemma der Notenbank: Die Inflation liegt mit 3,7 Prozent beim PCE-Index klar über dem Ziel, und starke Konjunkturdaten treiben die Renditen zusätzlich. Die Bank of Japan zog am Freitag auf 1,25 Prozent nach, den höchsten Stand seit 31 Jahren. Für Anleger heißt das nicht Flucht aus Aktien.
Globale Aktienfonds sahen in der Woche 44,1 Milliarden Dollar Zuflüsse, den größten Wert seit Juli. Staatsanleihefonds verloren 1,47 Milliarden, kurzlaufende Anleihen gewannen 2,5 Milliarden. Das erwartete KGV des S&P 500 ist unter 19 gefallen, der tiefste Stand seit 2023. Wer jetzt kauft, kauft billiger als seit drei Jahren – aber nur dort, wo der Cashflow heute stimmt.
Wenn die Rendite zehnjähriger Anleihen auf dem höchsten Stand seit 2007 verharrt, geraten klassische Zinsprodukte zunehmend unter Druck – Sparer spüren den realen Wertverlust oft erst mit Verzögerung. Ein aktueller Report erklärt, warum Dividenden in diesem Umfeld die Funktion klassischer Zinserträge übernehmen und welche Strategien Depots gegen Inflation und Anleihekrise absichern können. Report zur Zinswende anfordern
Termine, die die These testen
Die kommende Woche liefert gleich mehrere Prüfsteine. Am Dienstag legt Hornbach Quartalszahlen vor, BMW hält Dienstag und Mittwoch seinen Kapitalmarkttag. Am Mittwoch folgt der US-PCE-Preisindex für August, Konsens 3,7 Prozent, Kernrate 3,3 Prozent, zusammen mit BIP-Revisionen.
Der wichtigste Termin ist der US-Arbeitsmarktbericht am Freitag: Erwartet werden rund 90.000 bis 100.000 neue Stellen bei einer Arbeitslosenquote von 4,1 bis 4,2 Prozent.
Am Freitag endet zudem die Prüffrist für die Ceconomy-Übernahme durch JD.com, und die Eurozone meldet die September-Inflation, im Median bei 3,7 Prozent erwartet. Mitte Oktober entscheidet die EZB über UniCredit und die Commerzbank.
Der globale Kompass
Die Woche hat gezeigt, dass Konsolidierung auch bei fünf Prozent Zins stattfindet – aber nur dort, wo Bilanzen tragen. Evonik-Aktionäre haben die Prämie weitgehend im Kurs, Commerzbank-Aktionäre warten auf das Angebot, das den Abschluss bringt, und Rheinmetall-Aktionäre auf den 5. November. Bis dahin bleibt der Anleihemarkt der Schiedsrichter, und ein Arbeitsmarktbericht über den Erwartungen würde die Oktober-Erhöhung besiegeln.
Das Wochenende neigt sich, am Freitag spricht der US-Arbeitsmarkt. Halten Sie bis dahin die Renditen im Blick.
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