Exportrekorde bei BYD und Geely, Krisenstimmung bei VW und Mercedes
Chinesische Autobauer steigern Auslandsverkäufe rasant, während deutsche Hersteller mit Sparprogrammen und Protesten kämpfen.

- BYD und Geely erzielen Rekordexporte
- Volkswagen vor entscheidender Aufsichtsratssitzung
- Mercedes-Mitarbeiter protestieren gegen Sparpläne
- Stellantis mit US-Wachstum trotz Rückrufserie
Zehntausende Mercedes-Beschäftigte gingen diese Woche auf die Straße. Bei Volkswagen steht der Aufsichtsrat vor einer Grundsatzentscheidung mit weitreichenden Folgen. Während in Deutschland der Kampf um Werksschließungen eskaliert, fahren BYD und Geely in China einen Exportrekord nach dem anderen ein.
Der Kontrast im Sektor könnte kaum größer sein. Auf der einen Seite kämpfen die deutschen Traditionshersteller mit Sparprogrammen, Personalabbau und wütenden Belegschaften. Auf der anderen Seite nutzen chinesische Anbieter ihre Exportmärkte, um die Schwäche im Heimatmarkt zu kompensieren. Stellantis wiederum steckt irgendwo dazwischen fest – zwischen anziehenden US-Verkäufen und einer Serie von Rückrufen, die das Vertrauen der Anleger erodieren lässt.
Sektor-Überblick: Zwei Geschwindigkeiten, ein Markt
In Deutschland ist der Ton in dieser Woche deutlich rauer geworden. Nach Gewerkschaftsangaben beteiligten sich mehr als 33.000 Beschäftigte an Protesten gegen die Sparpläne von Mercedes-Benz, während das Unternehmen selbst rund 15.750 Teilnehmer zählte – ohne die Kundgebung in Berlin. Parallel steuert Volkswagen auf eine Aufsichtsratssitzung am 9. Juli zu, bei der Vorstand und Betriebsrat konkrete Antworten liefern sollen.
Auf der chinesischen Seite setzen die Hersteller derweil voll auf Export. BYD steigerte seine Auslandsauslieferungen im Juni auf 175.349 Fahrzeuge – ein Plus von 94,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr, mit einem Auslandsanteil von mittlerweile rund 43,5 Prozent am Gesamtvolumen. Geely zeigt ein ähnliches Muster mit einem Exportrekord von 102.874 Fahrzeugen im Juni und bereits 474.000 Einheiten im ersten Halbjahr. Stellantis hängt zwischen verbesserter US-Nachfrage und wachsenden Qualitätsproblemen fest, während die Aktie in der Nähe mehrjähriger Tiefstände notiert.
BYD: Exportboom kaschiert Schwäche im Heimatmarkt
Die BYD-Aktie zeigte zuletzt kräftige Ausschläge. Am Freitag schloss das Papier bei 9,58 Euro, ein Tagesplus von 7,38 Prozent – auf Wochensicht steht sogar ein Anstieg von 15,56 Prozent zu Buche. Erst wenige Tage zuvor hatte die Aktie am 30. Juni mit 8,03 Euro ihr 52-Wochen-Tief markiert.
Der operative Hintergrund bleibt zwiespältig. BYD verkaufte im Juni insgesamt 403.472 Neuenergiefahrzeuge, 5,5 Prozent mehr als im Vorjahr – während die Verkäufe im chinesischen Heimatmarkt um 22 Prozent auf 228.123 Einheiten einbrachen. Verantwortlich dafür sind anhaltende Preiskämpfe und eine schwächere Nachfrage nach Einstiegsmodellen. Auf der Technologieseite sorgt das neue SUV-Modell Datang mit nickelfreier LMFP-Blade-Batterie der zweiten Generation für Aufsehen: Innerhalb von nur 53 Tagen gingen bereits 150.000 Vorbestellungen ein. Im zweiten Quartal lieferte BYD zudem 557.090 reine batterieelektrische Fahrzeuge aus – deutlich mehr als die rund 397.000 von Tesla.
Trotz der jüngsten Erholung liegt die Aktie noch immer 35,27 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 14,80 Euro, seit Jahresbeginn beträgt das Minus 12,55 Prozent. Investoren blicken nun auf eine mögliche Entscheidung über ein zweites europäisches Werk, wobei Spanien und Frankreich als Kandidaten für die Übernahme einer bestehenden Fabrik gehandelt werden.
Volkswagen: Aufsichtsrat vor existenzieller Weichenstellung
Bei Volkswagen steht die Vorzugsaktie massiv unter Druck. Am Freitag schloss sie bei 75,00 Euro, ein Plus von 2,60 Prozent zum Vortag – auf Monatssicht bleibt aber ein Verlust von 15,96 Prozent bestehen, seit Jahresbeginn sind es sogar minus 29,31 Prozent. Der RSI von 35,8 signalisiert eine überverkaufte Lage, während der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt erheblich bleibt.
Ausgelöst wurde der jüngste Ausverkauf durch eine virtuelle Hauptversammlung, bei der Vorstandschef Oliver Blume ein düsteres Bild zeichnete: Das jahrzehntealte Geschäftsmodell funktioniere in seiner jetzigen Form nicht mehr. Gleichzeitig hält der Konzern am Sparkurs fest und plant bis Ende 2026 den Abbau von 19.000 Stellen in Deutschland. Der chinesische Gesamtmarkt brach im Mai um 22 Prozent ein, eine Erholung im zweiten Halbjahr erwartet Volkswagen nicht. Die globale Produktionskapazität soll um eine Million Fahrzeuge sinken, während US-Zölle den Konzern jährlich rund fünf Milliarden Euro kosten.
Berichten zufolge könnte der Umbau noch weitaus größer ausfallen als bislang angenommen – interne Planungsrunden diskutieren einen weltweiten Stellenabbau von 100.000 bis 140.000 Jobs. Zudem soll die „Automated Driving Alliance“ mit Bosch vorzeitig beendet werden, trotz Investitionen von rund 1,5 Milliarden Euro. Finanziell wird der Konzern durch den geplanten Teilverkauf der Batterietochter Everllence an Bain Capital im Wert von rund 7,4 Milliarden Euro entlastet – die Pläne stoßen jedoch auf Widerstand von Gewerkschaften und dem Land Niedersachsen, das über ein Vetorecht verfügt. Ein Lichtblick kommt aus Ungarn: Im Werk Győr ist die Serienproduktion des neuen MEBeco-Elektroantriebs angelaufen, der die Kostenbasis künftiger Einstiegs-EVs senken soll.
Mercedes-Benz: Werksgelände werden zu Protestflächen
Die Mercedes-Aktie bewegte sich zuletzt in einer Bandbreite und schloss am Freitag bei 45,40 Euro, ein moderates Plus von 1,10 Prozent. Auf Wochensicht steht ein Anstieg von 4,91 Prozent zu Buche – die eigentliche Geschichte dieser Woche spielt sich aber auf der Straße ab, nicht am Aktienmarkt.
Nach IG-Metall-Angaben fanden Protestaktionen in Stuttgart-Untertürkheim, Rastatt und Kuppenheim sowie in Bremen, Berlin, Hamburg und Germersheim statt, mit mehr als 33.000 teilnehmenden Beschäftigten. Die Aktion soll erst der Auftakt sein: Für den 9. Juli ist eine Autokorso in Stuttgart geplant, weitere Aktionen bei Volkswagen sollen folgen. Auslöser ist ein fünf Milliarden Euro schweres Sparprogramm, in dessen Rahmen der Vorstand die Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich anheben will. Rund 90.000 der etwa 108.000 Beschäftigten in Deutschland erhalten die erwartete Tarifsonderzahlung im Juli nicht – sie wird ins kommende Jahr verschoben. Gewerkschaftsvertreter Ergun Lümali bezeichnete die Pläne angesichts des geplanten Abbaus sozialer Standards als nicht hinnehmbar für die Belegschaft.
Der finanzielle Druck ist nachvollziehbar: Der Gewinn brach im ersten Quartal 2026 um 17 Prozent auf 1,43 Milliarden Euro ein, vor allem wegen des schwachen China-Geschäfts, bei einer Umsatzrendite von 5,7 Prozent. Trotz der angespannten Lage bleiben Analystenziele auffällig optimistisch: Zwei Analysten empfehlen den Kauf, drei raten zum Halten, das durchschnittliche Kursziel von 59,80 Euro liegt deutlich über dem aktuellen Niveau. Der nächste Quartalsbericht ist für den 28. Juli angesetzt.
Stellantis: Rückrufwelle trifft auf US-Verkaufsmomentum
Bei Stellantis bleibt die Stimmung gedrückt. Am Freitag schloss die Aktie bei 4,94 Euro, ein Minus von 2,96 Prozent – seit Jahresbeginn beläuft sich der Verlust auf 49,30 Prozent, der RSI von 29,9 deutet auf eine deutlich überverkaufte Situation hin. Erst kürzlich hatte HSBC das Rating von „Hold“ auf „Reduce“ gesenkt und das Kursziel von 5,50 auf 4 Euro gekappt.
Operativ zeigt sich allerdings eine andere Entwicklung. In den USA verkaufte Stellantis im ersten Halbjahr insgesamt 634.187 Fahrzeuge, ein Plus von 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr – im zweiten Quartal beschleunigte sich das Wachstum auf 6 Prozent, im Juni allein sogar auf 10 Prozent. Auch die Produktion in Italien zog an: Sie stieg im ersten Halbjahr um 13,7 Prozent auf 252.223 Einheiten. Belastend bleiben jedoch Qualitätsprobleme – der Konzern hatte zuvor weltweit rund 700.000 Fahrzeuge wegen Brandrisiken an Kraftstoffleitungen in mehreren Hybridmodellen zurückgerufen.
Die Wall Street bleibt bei der Bewertung gespalten. Der Analystenkonsens listet aktuell 18 Häuser mit einem durchschnittlichen Zwölf-Monats-Kursziel von 10,65 US-Dollar, die Spanne reicht von 8 bis 15 Dollar. Das Management setzt auf den im Mai vorgestellten Strategieplan „FaSTLAne 2030″, der bis zum Ende des Jahrzehnts ein Volumenwachstum von 35 Prozent und ein Umsatzwachstum von 25 Prozent vorsieht.
Geely: Die Exportmaschine läuft rund
Geely hat sich von den Frühjahrshöchstständen abgekühlt, bleibt aber solide im positiven Terrain. Am Freitag schloss die Aktie bei 2,09 Euro, ein Tagesplus von 6,87 Prozent und auf Wochensicht sogar 6,75 Prozent – seit Jahresbeginn steht ein Zugewinn von 4,56 Prozent zu Buche, über zwölf Monate sind es 16,76 Prozent.
Das operative Bild bleibt beeindruckend: Der Juni brachte mit 102.874 Fahrzeugen einen Exportrekord, im ersten Halbjahr summierten sich die Auslandsauslieferungen auf 474.000 Einheiten – damit hat der Konzern bereits 63 Prozent seines Jahresexportziels erreicht. Die Premiummarke Zeekr übertrifft weiterhin die Erwartungen: Im Juni wurden 35.169 Fahrzeuge ausgeliefert, ein Plus von 111 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während der Anteil elektrifizierter Modelle am Gesamtabsatz auf 67 Prozent kletterte.
Auch im Heimatmarkt baut Geely seine Preisoffensive aus. Die knapp fünf Meter lange Emgrand-i-HEV-Limousine mit 188 PS kostet in China umgerechnet rund 11.200 Euro und setzt neue Effizienzmaßstäbe. In Deutschland wird das Elektro-SUV Geely E5 für 149 Euro monatlich im Leasing angeboten, inklusive 218 PS und bis zu 430 Kilometern Reichweite. Bei Zeekr kletterte die Fahrzeugmarge zuletzt auf bemerkenswerte 21,2 Prozent, während sich die Verluste rasch verringern. Die Analystenstimmung war zuletzt überwiegend bullisch, mit deutlichem Kurspotenzial gegenüber dem damaligen Kursniveau.
Sektordynamik im Überblick
- China-Exportoffensive: BYD und Geely kompensieren schwache Heimatmarktzahlen durch Rekordexporte – beide planen zusätzliche Standbeine in Europa.
- Deutsche Restrukturierung: Volkswagen und Mercedes-Benz stehen vor entscheidenden Terminen um den 9. Juli, begleitet von massivem Gewerkschaftswiderstand.
- US-Lichtblick bei Stellantis: Verkaufszahlen wachsen, doch Rückrufe und Ratingdowngrades belasten das Vertrauen.
- Technische Signale: Volkswagen (RSI 35,8) und Stellantis (RSI 29,9) gelten charttechnisch als überverkauft, Geely (RSI 53,1) und BYD (RSI 56,6) zeigen neutrale bis leicht positive Dynamik.
- Margendruck in China: Die branchenweite Gewinnmarge in China ist auf etwa 3,2 Prozent geschrumpft – ein zentraler Treiber der Exportstrategie.
Autobranche zwischen Sanierungsdruck und Exportoffensive
Die kommenden zwei Wochen dürften richtungsweisend werden. Die Aufsichtsratssitzung bei Volkswagen am 9. Juli soll Klarheit über das tatsächliche Ausmaß von Stellenabbau und Werksschließungen bringen – am selben Tag ist in Stuttgart der Autokorso im Rahmen des Mercedes-Konflikts geplant. Mercedes-Benz und Stellantis legen beide gegen Ende Juli Quartalszahlen vor, Mercedes konkret am 28. Juli.
Bei BYD könnten zwei Ereignisse den nächsten Kursimpuls liefern: die Bestätigung der europäischen Werksentscheidung sowie die Juli-Verkaufszahlen, die zeigen werden, ob der Exportsprung im Juni eine echte Trendwende markiert. Geelys fortgesetzter Exportausbau und die Margenentwicklung bei Zeekr bleiben die zentralen Variablen für die Bewertung. Stellantis-Investoren werden derweil beobachten, ob die US-Erholung die anhaltenden Rückrufkosten und den Ratingdruck aufwiegen kann.
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